30.01.2008 - 19:00 Uhr

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„Du bist orientierungslos!“

Text: philipp-mattheis

Wie Scientology in Deutschland Mitglieder wirbt. Ein Selbstversuch

4. Tag: Der Aussteiger Wilfried Handl leitete Scientology Österreich und er war „Clear“. Wir treffen uns am Münchener Hauptbahnhof, er ist auf dem Weg nach Kempten zu einer Podiumsdiskussion über Scientology. Er sieht jünger aus als 55, der Krebs hat Handls Körper zerfressen. Die Hoden, die Bauchhöhle, die Lunge, 2004 folgt ein Gehirntumor. Er zeigt mir einen langen Schnitt auf seinem Hinterkopf. Er hat seine Frau und zwei seiner Söhne an die Sekte verloren. Der Krebs hat ihn gerettet. „Auf der Stufe, die ich erreicht hatte, hätte ich laut Scientology eigentlich keinen Krebs mehr bekommen dürfen.“ Zum ersten Mal nach 28 Jahren hatte Handl im Krankenhaus Zeit zum Nachdenken. Denn Scientologen haben keine Zeit. Sie arbeiten im Zentrum für etwa 40 Euro pro Woche. Deswegen brauchen sie Zweitjobs. 28 Jahre hat Handl 16 Stunden am Tag gearbeitet. Dann stieg er aus und wurde 2004 von Scientology zur „unterdrückerischen Person“ erklärt. Kein Mitglied darf seitdem mehr Kontakt zu ihm haben. Handl blickt mir in die Augen. „Immer Blickkontakt zu halten, lernen Scientologen relativ schnell. Sie erhalten Macht über Menschen. Es beginnt harmlos mit Kursen über Psychologie und Kommunikation. Am Ende zahlen Sie mehrere tausend Euro für den nächsten Kurs, weil Sie eine noch höhere Stufe erreichen wollen. Und dann beginnt der Druck.“
Philipps Persönlichkeitstest Als wir im Zug nach Kempten sitzen macht Handl eine Art Spiel mit mir. „Denken Sie bitte nicht nach, antworten Sie einfach auf meine Fragen.“ So muss Handl früher gewesen sein: einnehmend und hypnotisierend. „Welchen Beruf hatten Sie im Jahr 1683?“ – „Tischler“, sage ich. „Können Sie sich an ein schlimmes Erlebnis damals erinnern?“ Ein paar Sekunden und ein paar Fragen später bin ich im 13. Jahrhundert. Ich bin Söldner und kämpfe auf einem Schlachtfeld in Norditalien. Meinem Nachbarn hackt ein kaiserlicher Ritter das Bein ab. „Sehen Sie, es funktioniert ganz einfach. Sie waren gerade auf dem Weg, ihre Reinkarnationen zu identifizieren. Scientologen sind in diesem Denken gefangen. Um ihre wahre Identität zu finden, den „Thetan“, geben Sie immer mehr Geld für immer noch teurere Kurse aus.“ 7. Tag: Der Thetan Ich bin der einzige Kursteilnehmer. In der Nacht habe ich geträumt, ich sei ein Tischler im 17. Jahrhundert. Mein Kollege schnitt sich während der Arbeit den Daumen ab. Alles war voller Blut. Jetzt liegt vor mir ein Scientology-Bilderbuch, aus dem ich lerne, dass ein Mensch aus sterblichem Körper, dem Verstand und dem Thetan besteht. Der Thetan ist unsterblich und wandert nach dem Tod eines Menschen in einen anderen Körper. Ich habe schon verrücktere Sachen gelesen. Die christliche Trinitätslehre ist da wesentlich kryptischer. 8. Tag: Die Hemmungen Mein neuer Kursleiter sieht aus wie eine Eule. Er trägt ein braunes Hemd, dessen Stoff an eine Raufasertapete erinnert. Ich soll einen „Kommunikationszyklus“ üben: Aufnahmebereitschaft des Gegenübers feststellen, Frage stellen, Antwort bestätigen. Ich muss durch das Haus gehen und Scientologen ansprechen. Überall freundliche Gesichter und nette Antworten. Ich baue Hemmungen ab. Am Abend sitze ich in einer Kneipe. Als sich die Frau am Nebentisch einen Lugana bestellt, sage ich zu ihr, dass Lugana der beste Weißwein auf der Karte ist: Er ist trocken und hat wenig Säure. Sie lächelt, wir unterhalten uns eine halbe Stunde lang. Das letzte Mal habe ich eine wildfremde Frau auf dem Oktoberfest angesprochen. Nach drei Maß Bier. 10. Tag: Der Ausstieg Ich habe den Kurs nicht beendet. Am zehnten Tag kam die erste SMS: Sonja möchte mit mir meinen Stundenplan verifizieren. Ich habe nicht geantwortet. Ich habe Abmachungen mit mir selbst getroffen, an die ich mich halte. Heute hat mir mein Mitbewohner gesagt, dass ich glücklicher aussehe. Ich hätte so ein Leuchten in den Augen. Ich habe ihm tief in die Augen gesehen und dann seinen Daumen betrachtet. Wir kennen uns schon sehr lange. 1683 waren unsere Thetane beide Tischler. * Namen von der Redaktion geändert Fotos: privat
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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.