Gestatten: Murat Bosporus, Kämpfer
Text: jan-stremmel
Er kommt aus Wolfratshausen und ist in Japan ein Star: Unterwegs mit Deutschlands bestem Profi-Wrestler Özgür Bakar
Es ist vorbei, als der Japaner Tamon Honda zupackt. Die fleischigen Arme, dick wie Oberschenkel, schließen sich mit der Kraft von Baggerschaufeln von hinten um Özgürs Brustkorb, kein Entrinnen. Die Menge brüllt, klatscht, stampft, gleich gibt es Schmerzen. Wrestling in der Budokan-Hall in Tokio. Der Hüne Honda reißt Özgür in die Luft. Was jetzt kommt, heißt unter Kennern „Dead End“. Der Griff schnürt Özgür die Luft ab. Dann wirft sich Tamon Honda mit Schwung nach hinten, Özgür donnert mit dem Genick auf die Matte und verliert für einen Moment das Bewusstsein. Blitzlichter von tausenden Kameras funkeln hinauf bis unter die Hallendecke. 16 200 Japaner sehen Özgür aus Wolfratshausen bei der Arbeit zu.
Er lässt die Fernbedienung sinken, streicht sich mit der Hand über den kahlrasierten Kopf und lächelt freundlich. Özgür sitzt am Couchtisch in seiner Zweizimmerwohnung in Wolfratshausen, 110 Kilogramm Kampfgewicht auf 1,68 Meter Körpergröße, ein bisschen wirkt er wie Buddha. Seine Familie stammt aus der Türkei, doch Özgürs Deutsch ist perfekt, die Wortwahl geschliffen, seine Stimme klingt sanft. Auf einem Wäscheständer hängen Socken, vor dem Fenster Gardinen mit Blumenmuster.
Özgür Bakar, 27, hat sich den Traum erfüllt, den er verfolgt, seit er ein Kind ist: Er ist der beste deutsche Profi-Wrestler.
Özgür alias Murat bei der Arbeit. (Fotos: oh)
Vor sechs Jahren ist der Traum noch so weit weg, wie zwei deutsche Orte voneinander entfernt sein können. Wolfratshausen – Hannover, 600 Kilometer. Özgür hat sein Abitur gemacht und leistet Zivildienst bei den Maltesern: Unter der Woche bringt er alten Leuten ihr Essen in die Wohnung, am Wochenende fährt er nach Hannover und lernt, wie man einen Menschen in einer Viertelstunde so verprügelt, dass er nicht mehr aufsteht.
Wrestler? Blödsinn, sagt Mutter
Es ist immer das gleiche: Freitag nach der Arbeit hin, acht Stunden Zugfahrt, vier Mal umsteigen, zwei Tage Training in der Wrestling School. Sonntag nachts zurück, mit geschwollenen Handgelenken und Prellungen am Rücken. Montag Morgen um zwei Uhr kommt Özgür am Münchner Hauptbahnhof an, sechs Stunden später beginnt die Arbeit.
Der Trainer an der Wrestling School ist ein Catcher aus den 80ern, alte Schule, er macht es seinen Jungs nicht leicht. Die meisten kommen mit der Erwartung, Wrestling sei lässige Show. Aber Wrestling ist ein Kampfsport, bei dem alles erlaubt ist außer Kratzen, Beißen und Schlägen ins Gesicht. An Özgürs erstem Wochenende kotzen zwei Schüler neben den Ring. Nach vier Wochen nimmt der Trainer den Wolfratshauser beiseite und bietet ihm Einzeltraining an. Und einen Wohnwagen. Damit er nicht mehr im Hotel schlafen muss.
Özgür ist zäh und entschlossen. Vielleicht hat das mit diesem Tag in seiner Kindheit zu tun. Özgür ist fünf, als sein Vater ihm morgens am Bett erklärt, worauf es im Leben ankommt. „Verfolge deine Träume, sei stark und beschütze deine Familie.“ Am selben Tag im Jahr 1985 stirbt der Vater bei einem Verkehrsunfall. Er hat seinem Sohn am Morgen so etwas wie ein Vermächtnis hinterlassen.
Fünf Monate später nimmt der Onkel den kleinen Özgür zu Bekannten mit, die Kabelfernsehen haben. Auf Tele 5 sieht Özgür „Hulk Hogan“ gegen den „Ultimate Warrior“ kämpfen. Kaum ist der Kampf vorbei, springt er auf und rennt zu den Erwachsenen. Er lacht. Seit langem wieder. „Ich will Wrestler werden“, schreit er. „Blödsinn“, sagt die Mutter. Kinder haben seltsame Berufswünsche.
Özgür fängt an mit Ringen, dem türkischen Volkssport. Mit zwölf beginnt er mit Judo, im Ringen gewinnt er mittlerweile fast immer. Er geht aufs Gymnasium und trainiert sechs Tage die Woche, Ringen, Schwimmen, Judo, sein Berufswunsch: Wrestler. Die Klassenkameraden belächeln ihn, den kleinen Türken, Sohn einer Putzfrau. Sie haben sich längst getrennt von ihren Träumen, Feuerwehrmann oder Astronaut zu werden.
Wenn Özgür seine Zeit auf dem Gymnasium beschreiben soll, hält er inne und blickt auf seine Hände. Dann zitiert er George Orwells Roman Animal Farm: „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher – das war deren Einstellung.“
Auf der nächsten Seite erfährst du, wie Özgür Jazzy B. kennenlernte und zu einem der besten Wrestler des Landes aufstieg. Und du siehst Murat schmunzeln.