12.04.2007 - 19:00 Uhr

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Bißchen Vögeln und über´s Wetter quatschen. Besuch im Swingerclub

Text: philipp-mattheis

Ein Besuch in Münchens billigstem Swingerclub kostet 80 Euro. Dafür kann man Menschen beim Sex zusehen und umsonst Weißbier trinken
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Den Text entnehmen wir der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins daheim, die sich mit Pornografie befasst. Die Autoren besuchen unter anderem einen Pornodreh, sprechen mit einer Pornodarstellerin oder befassen sich mit feministischer Kritik an Pornografie.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist 16:15 Uhr. Die Zeit vergeht schnell. Noch 45 Minuten. Ich gehe zurück zu meinem Spind und hole meine Zigaretten. Wusste nicht, dass man in Swingerclubs rauchen darf. Ich komme an einem dunklen Raum vorbei, in dem ein Doppelbett steht. Dahinter ist eine kleine Kammer mit in der Wand eingefassten Handschellen. Der Raum ist leer. Als ich zurückkomme, ist die blonde Frau verschwunden. Ihr Campari Orange steht noch da. Neben dem Österreicher sitzt eine dicke Frau mit Kurzhaarschnitt und Brille. Sie trägt einen roten Spitzen-BH und eine überdimensional große Unterhose. Wenn ich genug getrunken habe, kann ich in jeder Frau etwas Schönes erkennen. Herein kommt ein rothaariger, älterer Herr mit schwarzer Unterwäsche, die aussieht wie ein Schwimmanzug aus den Dreißigern. Ich muss etwas tun. Ich muss mich umsehen, mich überwinden, den Dingen ins Auge sehen. Ich gehe in den Raum hinter der Bar. Darin steht ein Podest. Eine Frau zieht ihr Oberteil gerade wieder über. Im Doppelbett daneben liegt die blonde Frau. Vor ihr ausgestreckt ein Mann, der sie oral bedient. Ihr Körper sieht gut aus. Ich zurre das Handtuch um meine Hüften etwas fester und muss aufstoßen. Im Raum hinter der Bar ist das Buffet. Es gibt: Salate, viel Fleisch, Tiramisu. Ich nehme mir Fleisch und Tiramisu und frage eine Mittvierzigerin in roter Spitzenunterwäsche, wo das Besteck sei. „Ach, das Besteck“, sagt sie, „danach fragen die Neuen immer. Hier hinten steht es.“ Ich setze mich an einem Tisch, neben die nette Frau. Ein Mann stellt sie mir als die „beste Bläserin der Stadt“ vor. „Flöte, Trompete, Tuba – egal“, sagt er. Eine andere Frau fragt, was ihr liebstes Instrument sei. „Tuba“, sagt der Mann und alle lachen. Die beste Bläserin Münchens greift dem Mann in den Schritt, ich esse Tiramisu. Bevor ich zurück an die Bar gehe, werfe ich noch mal einen Blick in den Fickraum. Die Blonde bläst jetzt, während sie ein anderer leckt. Ein dritter Mann steht in Nähe ihres Gesichts und masturbiert. Alle stöhnen. Dazu läuft „Love Don’t Come Easy to Me“ von Phil Collins. Nachdem der Mann gekommen ist, meint die Frau, sie brauche jetzt eine Dusche. Ich brauche noch ein Weißbier. „Musst halt damit rechnen, dass dir fünf Leut’ zuschau’n.“ 16:40 Uhr. Noch 20 Minuten. Der Österreicher mit der dicken Frau in Reizwäsche ist zum zweiten Mal hier. Um seinen Hals baumelt ein Kettchen mit einem goldenen Kreuz. Der „Cats-Club“, meint er, sei viel besser. Da würden sie später noch hingehen. Aber da sei heute Pärchenabend. Als Single käme man da nicht rein. „Überhaupt solltest dir als Mann schon zweimal überlegen, ob d’ hierhergehst. Auf blöd zahlst 80 Euro und kannst nicht mal ficken. Unter uns: Da ist ’s Geld im Puff besser angelegt.“ Als Junger, sagt er mir, sähe es schon besser aus. An meiner Stelle würde er einfach mal fragen. „Musst halt damit rechnen, dass dir fünf Leut’ zuschau’n.“ „Wir sind alle eine große Familie“, sagt er noch. „Man kennt sich, unterhält sich über Politik oder das Wetter und vögelt ein bisschen.“ Irgendwie nett. Nach drei Weißbier muss man aufs Klo. Ich komme an dem zweiten Raum vorbei, den mit den Handschellen. Darin sind jetzt zwei ineinander verknotete Leiber. Verstohlen blicke ich durch die Vorhänge. Fragen, ob ich zuschauen kann, traue ich mich nicht. Die Frau ist sehr, sehr dick. Sie stöhnt und murmelt etwas von „abspritzen“ und „weitermachen“. Ein alter Mann rubbelt an ihren Geschlechtsteilen herum. Es sieht ein bisschen rabiat aus. Noch fünf Minuten. Ich trinke mein Weißbier aus, bitte den Barmann um meinen Spindschlüssel und verabschiede mich von dem Österreicher. Die blonde Frau sitzt jetzt wieder in Dessous vor ihrem Campari Orange und blinzelt zu mir herüber. Im Umkleideraum treffe ich die dicke Frau von eben. Sie ist wirklich sehr dick. Ihr Busen hängt. Sie stopft ihn in einen mintgrünen BH und sprüht sich sehr viel Haarspray in die Haare. „Gehst du schon?“, fragt sie mich. „Ich wollte mir das nur mal anschauen“, sage ich. „In einer Stunde sieht man doch gar nichts. Zahl doch noch 30 Euro mehr und bleib länger. Später geht’s erst richtig los.“ Nein danke, sage ich und frage sie, ob sie öfter hierher käme. Ihre Arbeit sei gleich um die Ecke; das sei praktisch.
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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.