12.04.2007 - 19:00 Uhr

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Bißchen Vögeln und über´s Wetter quatschen. Besuch im Swingerclub

Text: philipp-mattheis

Ein Besuch in Münchens billigstem Swingerclub kostet 80 Euro. Dafür kann man Menschen beim Sex zusehen und umsonst Weißbier trinken
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Den Text entnehmen wir der aktuellen Ausgabe des Online-Magazins daheim, die sich mit Pornografie befasst. Die Autoren besuchen unter anderem einen Pornodreh, sprechen mit einer Pornodarstellerin oder befassen sich mit feministischer Kritik an Pornografie.

Bis auf eine Unterhose und ein Handtuch bin ich nackt. Auf meiner Schulter leuchten weiße Punkte. Fussel im Schwarzlicht. Bette Middler singt „From A Distance“. Es ist dunkel, schummrig, um
mich herum blitzt immer irgendetwas in Neongrün, -gelb oder -rot. Alle Menschen um mich herum tragen nichts außer Unterwäsche.
In dem Fernseher über der Tür wird eine Frau anal penetriert.
Mit Swingerclubs assoziiere ich Gestalten aus den Büchern Michel Houellebeqcs oder Cathérine Millets: Nicht mehr ganz junge, nicht mehr ganz schöne und ein bisschen kaputte Menschen, deren letzter Kick im Leben Sex ist. Das kann jedem passieren. Ich will wissen, was auf mich zukommt.

Leider wollte mich keine meiner weiblichen Bekannten in den Swingerclub begleiten. Das hätte mir eine Menge Geld gespart. Einsame Männer zahlen fünfmal so viel wie Paare, Frauen alleine gar nichts. Im Internet finde ich vier Swingerclubs. Der „Karibik-Swingertreff“ ist der billigste – für Single-Herren 80 Euro. Die „Schnupperstunde“ für Anfänger kostet nur 50 Euro, Essen und Trinken inklusive. Der „Karibik-Swingertreff“ liegt zwischen einer Wohnsiedlung und einem Industriegebiet. Ich steige vom Fahrrad ab und rauche noch eine Zigarette. Ein älteres Paar kommt mir entgegen. Ich stelle sie mir nackt vor. Danach ein Mann in den Dreißigern mit einer Sporttasche. Er schaut mich komisch an. Werde ich ihn gleich in Pornopose wild stöhnend, schreiend, ejakulierend
sehen? Er geht weiter und ich die Treppen runter. Die Wände sind mit Sonnenuntergängen und Palmen bemalt.

Ähäm, nein: In einem soliden Swingerclub warten eher andere Damen. Schreibt unser Autor. (Foto: rtr)

Ich muss klingeln. Es ist kurz vor 16 Uhr. Mir öffnet eine ältere Dame Ende Vierzig. Sie trägt ein Oberteil im Leopardenmuster und hat dichtes, schwarzes, auftoupiertes Haar und tätowierte Augenbrauen. Mit osteuropäischem Akzent bittet sie mich um 80 Euro. Ich sage: „Schnupperangebot. 50 Euro.“ „Ja“, sagt sie, „aber viel besser ist 80 Euro, dann hast du ganzen Abend und kannst kommen und gehen, so oft du wollen.“ Ich nehme trotzdem das Schnupperangebot.

Sie führt mich in den Umkleideraum. Sieht aus wie eine Sauna. Ich bekomme Spind Nummer 11. Darin sind Handtücher. Ich ziehe mich aus und binde mir ein Handtuch um die Hüfte. Fühlt sich irgendwie sicherer an. Im Gang hängen Sprüche wie: „Die Frau ist NICHT das Eigentum des Mannes“ oder „Mit gutem Sex übersteht man alles im Leben. Auch die Wechseljahre.“

Seele aus Stahlwolle

An der Bar bestelle ich mir ein Weißbier. Der Barmann ist vielleicht 60 Jahre alt. Er sieht nett aus, nicht wie ein Zuhälter oder so was, hat einen gemütlichen Bierbauch und ein Lausbubengrinsen. Mit dem Schnupperangebot habe ich eine Stunde Zeit. Ich muss nichts berstürzen, kann erst mal die Lage checken. Alkohol macht mich meistens geil.

Neben mir sitzt eine Oma. Sie ist etwas dicklich, hat grau toupierte Haare und ein Handtuch um den Körper gebunden. Gut, dass ich in einer Stunde nicht mehr als zwei Weißbier trinken kann. Ein älterer Herr beglückwünscht mich zu meinem gut eingeschenkten Bier. Er spricht mit österreichischem Akzent. Ich versuche zu grinsen, kann aber nichts sagen. Schräg gegenüber sitzt eine attraktive Frau: Sie ist blond, zierlich, etwa 40 und trägt schwarze, transparente Dessous. Sie blinzelt mir zu. Ich werde sie später wiedersehen.

Daheim habe ich mir „Fuck The Pain Away“ von Peaches und dann alte Sachen von 2LiveCrew („Hey, We Want Some Pussy“) angehört. Ich mag Sex. Ich brauche dafür keine Gefühle. Ich habe nichts dagegen, wenn Gefühle im Spiel sind, aber für die Qualität des Aktes sind sie vollkommen irrelevant. Ficken ist ficken. Punkt. Ich habe Pornos gesehen. Ich bin ein harter Knochen. Meine Seele ist aus Stahlwolle. Gruppensex ist das normalste der Welt. Für ein Weißbier brauche ich 15 Minuten.

Auf der nächsten Seite sagt ein Gast: "Man unterhält sich über das Wetter. Und vögelt ein bißchen."
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philipp-mattheis

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.