09.04.2007 - 19:00 Uhr

0 10 Über Twitter weiterempfehlen

Hand in Hand gegen Religionsgrenzen

Text: meredith-haaf

Rebar und Bashar sind irakische Münchner: Sie haben hier ein neues Leben gefunden – und kämpfen gegen die Kluft zwischen den Irakern

Würden die beiden heute noch im Irak leben, hätten sie vermutlich nichts miteinander zu tun: Bashar, der schiitische Araber aus Bagdad und Rebar, der sunnitische Kurde aus dem Nordirak. Doch als sie sich im April 2003 kennen lernten, hatten sie viel gemeinsam. Beide waren mit ihren Eltern vor Saddam Hussein geflohen und lebten jetzt im Münchner Stadtteil Moosach. Beide waren Ausnahmeerscheinungen, Flüchtlingskinder, die es nach kurzer Zeit in Deutschland auf ein Gymnasium geschafft hatten. Das einzige Problem war der Krieg. Über ihn waren sie sich alles andere als einig. Schlachthofviertel, ein Abend Anfang April. Es zieht ein bisschen im Café Marat in der Thalkirchnerstraße. Bashar und Rebar wirken in ihren modischen Klamotten und mit ihren Frisuren im Beckham-Stil etwas deplatziert zwischen den abgenutzten Sofas und vollgesprühten Wänden des Café Marat, einem bekannten Treff der Linken. Hier wollen sie die letzten Vorbereitungen für ihre erste gemeinsame politische Aktion treffen: eine Demonstration für die Rechte irakischer Flüchtlinge in Bayern. Was bleibt, ist die Tat Bashar ist 22 Jahre alt, schlaksig und sitzt auf dem Boden. Während sich Rebar mit der Beschriftung von Transparenten beschäftigt, holt Bashar im Gespräch erstmal aus, zitiert Kant und Trotzki. Seit kurzem ist er an der Ludwigs-Maximilians-Universität immatrikuliert – für Zahnmedizin. „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert. Aber was bleibt, ist die Tat“, sagt er gerne. Bashar verbrachte eine glückliche Kindheit in Bagdad. 1997 floh sein Vater, ein politischer Gegner Saddams, aus dem Gefängnis und danach mit Frau und Sohn über die Türkei nach Deutschland. Die Familie erhielt das so genannte „Kleine Asyl“: eine befristete Aufenthaltserlaubnis und einen Flüchtlingspass. Bashars Familie kam nach München; hier besuchte er die Übergangsklasse für Einwanderer an einer Hauptschule. Dann wollte er den Übertritt aufs Gymnasium wagen. Doch seine Lehrerin war dagegen. „Sie sagte: Du schaffst das nicht, dein Deutsch ist zu schlecht.“ Bashar fand erst am Moosacher Gymnasium einen Direktor, der bereit war, ihm eine Chance zu geben. Anderthalb Jahre lang absolvierte er eine Probezeit, bis er regulär eingestuft wurde. „Ich habe hauptsächlich gute Erfahrungen gemacht an dieser Schule. Ich hatte Glück, denn ohne die Lehrer und ihre Unterstützung hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt Bashar. Nur eine unangenehme Erinnerung hat er. Kurz nach dem 11. September 2001 sollte die gesamte Klasse einen USA-Austausch machen. Die Mutter eines Klassenkameraden kam auf ihn zu und meinte, er solle sich doch bitte gut überlegen, ob er wirklich mitfahren wolle. „Sie passen nicht ins Konzept, hat sie zu mir gesagt!“ Zuhause blieb er schließlich, weil das amerikanische Konsulat ihm das Visum verweigert hatte. Und dann, Bashar war 18 und ging in die zehnte Klasse, kündigten die USA ihre Invasion im Irak an. „Ich bin sofort aktiv geworden“, sagt er. „Überall habe ich Protestplakate aufgehängt, die Nein-zum-Krieg-Poster.“ Bashar ist bis heute stolz auf seinen 21. März 2003, den Tag, an dem der Krieg ausbrach. Mit allen seinen Freunden zog er bei einer Schülerdemonstration zum Marienplatz. „Dann bin ich ins Rathaus gelaufen und habe es irgendwie auf den Balkon geschafft“, erzählt er und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. „Ich habe meine irakische Nationalfahne ausgepackt und aus dem Rathaus gewunken. Die Leute auf dem Platz waren begeistert.“
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
meredith-haaf
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

meredith-haaf unbekannt

meredith-haaf

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

time is how you spend your love.
münchen.