Hand in Hand gegen Religionsgrenzen
Rebar und Bashar sind irakische Münchner: Sie haben hier ein neues Leben gefunden – und kämpfen gegen die Kluft zwischen den Irakern
Für Rebar hatte der Krieg im Irak ganz anders angefangen. „Ich war total für den Angriff der Alliierten“, erzählt er. „Es hat mich gefreut, dass endlich etwas unternommen wurde gegen diesen furchtbaren Diktator. In der Klasse wurde natürlich viel diskutiert und ganz besonders laut schimpfte Bashar. Ich habe bloß gedacht, mein Gott, was will der verdammte Faschist!“ Der 21-Jährige lacht kurz auf, so als könnte er sich selbst kaum glauben. „Meine Meinung hat sich mittlerweile ziemlich geändert. Es ist immer dasselbe mit uns Kurden. Das ist jetzt schon das dritte oder vierte Mal, dass wir herein gelegt wurden.“ Rebar nimmt sich Zeit, bevor er etwas sagt. Er hat Sport und Chemie im Leistungskurs und ein Handy, das ständig summt und piepst. Rebar stammt aus Kirkuk im Nordirak, einer Region, die wegen ihres hohen Kurdenanteils besonders unter der Diktatur Saddams litt. Sein Vater leitete ein Speditionsunternehmen. Anfang 2001 fanden Polizisten Waffen in einem seiner Laster. „Ich glaube ein paar Dutzend Kalaschnikows“, sagt Rebar und bleibt dabei so gelassen, als spräche er von einer Ladung Hühner. „Mein Vater hatte damit nichts zu tun, Geschäftspartner müssen die Waffen hinein geschmuggelt haben.“ Der Fahrer des LKWs wurde zum Tode verurteilt. Weil Rebars Vater dasselbe Schicksal drohte, verließ die Familie das Land und kam nach München. „Die Flucht war der Horror“, erinnert sich Rebar. „Meine Mutter war im neunten Monat schwanger und wir mussten Hals über Kopf fliehen.“ In Deutschland erhielt die Familie Asyl. Rebar machte einen Deutschkurs. 2003 bekam auch er seine Chance am Moosacher Gymnasium. „Der Direktor meinte, wir haben ja schon einen Iraker, der kann dir helfen. Also steckte er mich zu Bashar in die Klasse.“ Bashar erinnert sich: „Es gab so viele Dinge, die wir teilten. Da war es selbstverständlich, dass wir miteinander reden und uns gegenseitig helfen.“ Doch als die Amerikaner die Autonomie Kirkuks verhinderten, ist auch Rebar zu einem überzeugten Kriegsgegner geworden. Vor allem, wenn er an seine Verwandten denkt. „Fast meine ganze Familie ist noch dort“, erzählt er. „Sie rufen an und sagen: Bitte schickt uns Medikamente, hier gibt es nichts. Oder meine Tante erzählt am Telefon, sie lässt ihr Kind seit einem Monat nicht mehr in die Schule gehen, weil sie Angst hat, dass es von einer Bombe zerfetzt oder entführt wird.“ Das Glück ist eine Verpflichtung Auch Bashars Familie leidet sehr unter dem Krieg. Er hat einen Onkel verloren, der als Pfleger arbeitete. „Eines Tages kamen Männer in die Klinik und haben angefangen, wahllos um sich zu schießen. Er war jung, Ende 20 und frisch verheiratet. Sie haben ihn einfach so erschossen, in einem Krankenhaus. Das muss man sich mal vorstellen.“ In Bagdad hat Bashar mittlerweile keine Verwandten mehr, sie sind alle geflüchtet. Wenn er an den Irak denkt, sagt er, werden die Schmerzen manchmal so groß, dass er am liebsten aufhören würde, sich damit zu beschäftigen. „Aber ich kann nicht anders. Denn noch schlimmer als die Trauer ist das Gefühl der Ohnmacht.“ Deswegen liest er jeden Tag deutsche Zeitungen, irakische Medien im Internet und schaut Al-Dschasira im Fernsehen. Und deswegen hat er sich für ein medizinisches Studium entschieden. „Ich habe solches Glück gehabt: Dass ich hier sein kann, dass ich hier aufs Gymnasium gehen konnte und jetzt an die Uni. Für mich ist dieses Glück allerdings auch eine Verpflichtung. Irgendwann will ich in den Irak fahren und dort Menschen helfen.“ Aber dort leben? Bashar sagt, er sei hin- und her gerissen. „Klar hängt ein Teil von mir immer noch sehr am Irak. Aber letztlich bin in München aufgewachsen, meine Freunde sind hier, mein Leben.“ Rebar geht es ähnlich. „Wenn ich die Politik dort und hier vergleiche, ist es zum Kotzen“, meint er. Die Korruption und die alltägliche Gewalt machen den Irak für ihn zunehmend zu einem fremden Land. „Natürlich will man helfen, etwas tun. Aber manchmal bin ich einfach nur froh, dass ich nicht dort bin. Man weiß ja schon gar nicht mehr, gegen wen sich das dort richtet.“ Gegen die Gewalt Die ethnische Gewalt ist für Bashar und Rebar das schwierigste Thema, wenn es um ihr Herkunftsland geht. Seit einigen Jahren geht eine Kluft durch die irakischen Moslems: Schiiten gegen Sunniten. Bashar und Rebar finden diese Unterscheidung verwirrend und sinnlos. „Das gab’s früher ja gar nicht“, erzählt Bashar. „Bis vor kurzem hat sich im Irak kein Mensch dafür interessiert, ob man Kurde war oder Araber, Schiit oder Sunnit. Ich habe einen kurdischen Onkel – sollen wir einen Krieg mit ihm anfangen? Jetzt muss man sogar bei deutschen Behörden angeben, zu welcher islamischen Richtung man gehört. Ich bin Moslem – reicht das nicht?“ Rebar lacht. „Ich habe zum Beispiel erst ein paar Monate nach dem Krieg erfahren, dass ich Sunnit bin. So unwichtig war das. Für uns war damals im Irak alles gleich. Wir haben die schiitischen Feiertage mitgemacht, das war immer toll, es gab viel zu essen.“ Auch in ihrer Freundschaft spielt ethnische Zugehörigkeit keine Rolle. Es gibt noch viel zu tun Wenn überhaupt, nutzen sie ihre unterschiedliche Herkunft sogar. Zum Beispiel bei der Organisation ihrer Demonstration. Sie wollten dagegen protestieren, dass seit 2003 die Aufenthaltsgenehmigungen irakischer Flüchtlinge widerrufen werden: Für das bayerische Innenministerium ist der Krieg nämlich beendet. Doch inzwischen hat die Kluft im Irak auch Auswirkungen auf die Exil-Iraker in München: Viele irakische Kurden wollen sich mittlerweile von keinem arabischen Iraker etwas erzählen lassen – und andersherum. Bashar und Rebar wollten für ihre Demonstration aber alle Iraker in der Stadt erreichen. Also verteilte Rebar Flugblätter an Kurdentreffpunkten, während Bashar Demonstranten unter den Arabern rekrutierte. Marschiert sind sie auf der Demo dann zusammen – ohne Probleme. Dennoch haben sich die beiden Freunde über die Haltung mancher ihrer Landsleute geärgert. „Was mich wirklich ärgert, ist, dass sich die Leute plötzlich so sehr mit etwas beschäftigen, dass sie kein Stück weiter bringt. Statt auf religiöse Unterschiede zu achten, sollten sie lieber gemeinsame Ziele entwickeln, danach gucken, was sie vereint“, sagt Bashar. Rebar schüttelt den Kopf: „Ich frage mich immer wieder, wie es im Irak so weit kommen konnte. Und ich verstehe es nicht. Manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass ich gar nicht mehr dazu gehören will.“ Dann springen beide entschlossen auf. Sie müssen noch Transparente malen für ihre Demonstration für das Bleiberecht. Es gibt noch viel zu tun.- Abschied vom Wachtturm: Drei Frauen und ihre Leben nach den Zeugen Jehovas 20.05.2012
- Was vom Macchiato-Meeting übrig bleibt 13.05.2012
- Zwei Pfund Nostalgie, bitte 13.05.2012
- Im Zeugungsstand 06.05.2012
- Hooligans - Es geht nicht darum, andere ernsthaft zu verletzen 06.05.2012






