Macht Freiheit einsam? Die Sieger des Essay-Wettbewerbs. Heute: Platz 6
Text: peter-wagner
Gemeinsam mit der "Initiative Freiheit" rief jetzt.de vor kurzem dazu auf, Essays zu der Frage Macht Freiheit einsam? zu verfassen. Mehrere Hundert spannende Beiträge erreichten uns. Die Jury hat beraten und am 10. April 2007 (ÄNDERUNG: Erscheinungstermin erst am 11. April 2007!) erscheint der Siegeressay hier und auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung. In den Tagen vorher veröffentlichen wir die zehn besten Essays in einem Countdown im Label EssayWettbewerb.
Heute: Platz 6 des Wettbewerbs. Juliane Schumacher mit dem Essay „Zu ewiger Jugend verdammt“. Juliane, 25, lebt und studiert in Berlin.
Dr. Gunther Schwarz ist Senior Vice President der Boston Consulting Group und Mitglied der Jury. Er schreibt zum Text: „Eindrucksvoll schildert Juliane Schumacher, wie drei von ihr skizzierte gesellschaftliche Gruppen durch die Orientierung an dem "Pfeiler der Ökonomie" im Rahmen der scheinbaren Freiheit Einsamkeit ernten: die Gewinner durch soziale Verarmung, die Verlierer durch Verdrängung an den Rand der Gesellschaft und die Überlebenskünstler durch den permanenten Zwang zu wählen zwischen Freiheit und und Fortkommen. Die Frage, wann und wie wir erwachsen werden, lässt die Autorin unbeantwortet – und regt damit zu einer kritischen Auseinadnersetzung mit der beschriebenen Situaiton an.“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich den Ängsten und Hoffnungen einer Generation zu nähern. Man kann bei den Soziologen, Psychologen und Politologen anklopfen, Abstracts und Analysen lesen, vor Fremdwörtern strotzende Zitate aneinanderreihen.
Man kann sich auch in eines der Cafés setzen, die im Halbjahrestakt öffnen und wieder schließen, am Latte Macchiato nippen und den Gesprächen am Nebentisch lauschen. In sich hineinhören, die eigenen Erfahrungen aufrufen, sich an die Geschichten erinnern, die Freunde, Bekannte, Mitbewohner erzählen. Die Ergebnisse unterscheiden sich nicht allzu sehr. Wir, Generation Praktikum – Laptop auf den Knieen, Handy am Ohr, immer erreichbar, flexibel, wunderbar harmlos und erschreckend naiv – sind zutiefst verunsichert.
„Mensch, wenn ich die Möglichkeiten gehabt hätte, die du heute hast!“ sagte mir mein Vater noch vor wenigen Jahren. Das war in den 1990ern, als uns die Welt offen stand, das Beste für uns bereit hielt. Die Revolutionen der Siebziger hatten ihren Weg in die Arbeitswelt Europas gefunden. Die erschreckende Vorstellung, 50 Jahre den selben stupiden Job zu machen, sich mühsam in der Hierarchie nach oben zu arbeiten, wich verlockenden Aussichten auf immer währende Kreativität und Selbstverwirklichung. Selbstständiges Arbeiten im Team statt entfremdeter Arbeit unter Aufsicht, wechselnde Projekte und neue Orte statt der Enge der immer gleichen Umgebung. Wir alle als Künstler, und das Kunstwerk, das wir gestalten: unser Leben.
Der Morgen nach der Party kam mit Kopfschmerzen. Denn die schier unbegrenzten Möglichkeiten dieser schönen neuen Welt hatten ihren Preis. Einen Preis, der erst nach und nach hinter all den Versprechen zum Vorschein kam, und weiter steigt. Die alten Sicherheiten, die Gewissheit, dass man so tief schon nicht fallen kann, dass, irgendwie, alles immer wieder besser wird, sind unter dem Siegeszug neuer Wirtschaftsdoktrinen zu Boden gegangen. Das sorgsam im Gleichgewicht gehaltene System der Nachkriegszeit ist in den Fluss geraten, und, die Dämme einmal gebrochen, in die Wogen des Ungewissen gerissen worden. Wir sind frei, frei von Sicherheiten und Maßstäben. Wir haben alle Freiheit von, aber keine Freiheit zu, alles ist möglich, alles ist gleichgültig. Zur Orientierung bleibt nur das Maß, das weiter gilt: die festen Pfeiler der Ökonomie.
Der Kapitalismus hat die Krisen der Siebziger Jahre unbeschadet überstanden. Er hat sich der brachliegenden Felder bemächtigt, neue Gebiete erschlossen: die Körper, die Ideen, das Lächeln, das Gespräch. Den Reichtum in uns allen, die sozialen Kontakte, Ideen, die Phantasie hat er nutzbar gemacht. In den feinen Raum der zwischenmenschlichen Beziehungen hat sich das Interesse geschlichen. Wir alle haben es begrüßt, dass die harsche Trennung zwischen notwendiger Arbeit und Zeit der freien Entfaltung niedergerissen wurde. Wer erwartete schon, dass damit dem Ökonomischen die Tür geöffnet war und es das eigene Leben bis in die hinterste Ecke füllen würde, dass Arbeit auf einmal alles sein kann und alles sein muss, kein Rückzug, kein Versteck bleibt?
Die ökonomische Logik hat sich so tief in uns hineingefressen, dass alles nicht-ökonomische Denken unlogisch scheint. Das Selbstmanagement ist so effektiv, das wir seine Grenzen gar nicht mehr umreißen können, wir investieren an gegebener Stelle, berechnen Opportunitätskosten, erfinden uns nach den Ansprüchen, die wir um uns ertasten. Wir wollen schnell fertig werden, im Ausland studieren, Chinesisch lernen, wir haben Lust auf dieses Praktikum. Die Grenzen zwischen Freiheit und Zwang verwischen, wollen und sollen lassen sich kaum mehr unterscheiden.
Wohin auch? Gegen wen rebellieren, wenn wir die Zwänge längst selbst ausüben? Wogegen aufbegehren, wenn sich kein Zentrum der Entscheidung greifen lässt, jede Verantwortlichkeit sich im Dickicht der Netze verliert? Wir sind weniger die Generation Praktikum als vielmehr die Generation Hartz IV. Hartz IV, das ist die Drohung, die uns die Boulevard-Blättern lüstern ins Gesicht schreien, die uns auf dem silbernen Tablett der Feuilletons gereicht wird. Das Schicksal, das uns droht, wenn wir uns widersetzen, zu wenig flexibel sind, einen Fehler zuviel machen. Der Markt richtet, und er teilt nur in Gewinner und Verlierer: Menschen, Regionen, Nationen. Die alltägliche Erfahrung karikiert jede Hoffnung auf einen überparteilichen Staat, jede nostalgische Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die doch immer auf Ausschluss fußte – nur dass jetzt zu einem Außen ein Unten dazu gekommen ist. Und fallen kann jeder.
Macht Freiheit einsam? Diese Freiheit ja. Einsamkeit wartet an beiden Enden. Das ist der Bekannte, ein Gewinner, der von Montag bis Freitag um die Welt jettet, am Freitagabend mit seinen Kollegen feiern geht und am Wochenende hilflos Telefonnummern wälzt, um jemanden zu finden, mit dem er sprechen kann. Da sind die anderen, Verlierer, die sich in der Abhängigkeit verfangen haben, für die eine kaputte Waschmaschine eine Katastrophe ist, die sich zurückziehen aus Wut, aus Scham, verbittert, überflüssig. Und da sind all jene dazwischen, Überlebenskünstler, die sich durch den prekären Dschungel hangeln, von befristeter Stelle zu Teilzeit zu Praktikum, Experten im Verkaufen ihres Produkts: sie selbst. Die immerzu abwägen: Wieviel Freiheit zum Nein bleibt, wieviel Beziehung, Familie, Freundschaft darf, muss das nächste Projekt kosten? Sie knüpfen soziale Netze, zerreißen sie, um weiter zu kommen. Die Konkurrenz treibt auseinander, was die Not zusammen zwingt.
Es ist nicht die Freiheit, die wir uns erträumt haben. Ihr überdrüssig rudern wir zurück, schon winkt als großer Preis wieder der feste Job. Wir drehen uns im Widerspruch. Die alten Mittel müssen an den neuen Problemen scheitern. Die Energie, die Kraft, einmal freigesetzt, lässt sich nicht mehr ins enge Korsett fester Lebensläufe pressen. Und wer wollte das schon? Der Kapitalismus hält die Versprechen, mit denen er lockt, an sich bindet. Wir haben Freiheit bekommen. Und gemerkt, dass sie allein kein selbstbestimmtes Leben garantiert.
Kinder waren wir im Paternalismus der vergangenen Jahrzehnte, der mit Brot und Schlägen für uns sorgte. Heute sind wir verdammt zu ewiger Jugend, auf immer Party, Höhenflüge, mobil und einsam, verzagtes Warten und Wundenlecken, dass der Prinz durch die Rosen prescht und uns erlöst. Werden wir erwachsen, irgendwann?
Auf der nächsten Seite liest du den Text von Konrad Erzberger mit dem Titel „Einmal Freiheit – und zurück!“ Konrad, 20, leistet gerade seinen Zivildienst und belegte mit diesem Beitrag Platz sieben im Wettbewerb.