03.04.2007 - 19:00 Uhr

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Macht Freiheit einsam? Die Sieger stehen fest. Heute: Platz 7

Text: peter-wagner

Gemeinsam mit der "Initiative Freiheit" rief jetzt.de vor kurzem dazu auf, Essays zu der Frage Macht Freiheit einsam? zu verfassen. Mehrere Hundert spannende Beiträge erreichten uns. Die Jury hat beraten und am 10. April 2007 (ÄNDERUNG: Erscheinungstermin erst am 11. April 2007!) erscheint der Siegeressay hier und auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung. In den Tagen vorher veröffentlichen wir die zehn besten Essays in einem Countdown im Label EssayWettbewerb.

Heute: Platz 7 des Wettbewerbs. Konrad B. Erzberger mit seinem Essay „Einmal Freiheit – und zurück!“ Konrad, 20, leistet gerade seinen Zivildienst in den USA ab. Ende des Jahres nimmt er ein Rechtswissenschafts-Studium auf.

Dirk von Gehlen ist Redaktionsleiter von jetzt.de und Mitglied der Jury. Über Konrads Text schreibt er: "Konrad stimmt einen nachdenklich. Er beschreibt Menschen, die konform gehen, die nur pseudo-individuell sind. Und ruft dazu auf, mehr Mut zu haben, die Freiheit zu nutzen, die einem zur Verfügung steht. Und ein Mensch zu werden, der sich nicht an anderen Menschen oder dem ökonomisch Richtigen ausrichtet. Ein anregender und ein wenig auch verstörender Text." „Nein, nein! Selbst machen will! Alleine, alleine!“, kreischte Anna wie am Spieß. Jeder kennt das: Irgendwann verlangen alle Kinder Selbstständigkeit. Sie binden sich selber die Schuhe, machen sich alleine fürs Bett fertig, gestalten eigene Spiele und sind dabei auch immer ein wenig stolz über ihre Fortschritte. Da ist der Mensch ganz Mensch. Das hatte bereits Schiller vor gut 200 Jahren bemerkt: „Er [Der Mensch] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“. Aber: kann er das heute überhaupt noch? Mittlerweile ist Anna kein Kind mehr. Die Welt um ihr karges Kinder-zimmer ist gestählt und gefräßig. Längst prasseln jeden Tag 3000 aggressive Werbebotschaften auf ihr zartes Gehirn - der Großteil davon unbemerkt. Leise und stetig zersetzt jedes Lächeln, jede Verheißung und jede geweckte Sehnsucht die persönliche Willensfreiheit. Eine schillernde kulturindustrielle Welt um „Popstars“ und „Germany’s Next Top-Model“ schreit über den Äther nach Aufmerksamkeit. Jeder ist ein Gewinner, jeder ein Star. Die Illusion der eigenen Omnipotenz scheint perfekt. Anna wurde um ihren kindlich-naiven Willen zur Unabhängigkeit betrogen. In der durchrationalisierten Technikwelt des 21. Jahrhunderts ist Freiheit kein Mehrwert. Individualität und Un-abhängigkeit tauchen höchstens als leere Floskeln einer verzerrten Irr-Realität auf. Staaten gestehen ihren Bürgern nach wie vor nur Scheinfreiheiten. Man scheut die Zentrifugalkraft eines Diskurses innerhalb einer wenigstens etwas direkteren Demokratie, wie der Teufel das Weihwasser. Auch transnationale Konzerne feuern Nebelkerzen aus allen Rohren ab. Werbung und PR – die effektivsten Waffen auf diesem Schlachtfeld – wiederholen gebetsmühlenartig bis zum Umfallen den Wert der eigenen Mitarbeiter und Kunden. Tatsächlich aber führt die radikale Arbeitsteilung zentralisierter Unternehmen zu einer Organisation der Arbeit, bei der der einzelne seine Individualität verliert und zu einem austauschbaren Rädchen in der Maschine wird. Was zurück bleibt ist nur ein lebloses und entkerntes Menschfragment, das sich keiner Freiheit erfreuen darf – und schon wenig später auch nicht mehr kann. Zugespitzt formuliert: Der Kapitalismus 2.0 braucht eine möglichst große Menschenmenge, die glatt funktioniert, deren Geschmäcker und Bedürfnisse vorhersehbar und im günstigsten Falle auch lenkbar sind. Er benötigt standardisierte Konfektionsmenschen, die selbst in ihrer Pseudoindividualität gesellschafts-konform sind, denn ihr innerer Antrieb ist, zu gefallen, keine tieferen Antagonismen austragen zu müssen, in Bewegung zu bleiben und den Erwartungen eben doch irgendwie gerecht zu werden. Und das hat Folgen. Noch nie war der Wert der Freiheit so sehr unter Druck wie dieser Tage. Zugegeben: Freiheit hat es nie gegeben. Freiheit als Zustand wird es auch wohl in Zukunft nicht geben, denn sie ist und bleibt nun mal ein zum Ausdruck kommender Wille, ist aber beileibe kein plumper Status quo. Seit dem 20. Jahrhundert sind die gesetzlich verbrieften Freiheiten „von“ etwas (Staat, Kirche, Familie) stetig in dem Maße gewachsen, wie die Freiheiten „zu“ etwas (die Bereitschaft des Einzelmenschen zur Änderung bestehender Verhältnisse) geschrumpft sind. Das Angebot steht im krassen Missverhältnis zur Nutzung garantierter Freiheiten. Der Befund erstaunt, denn noch nie gab es so viele effektive Möglichkeiten der Partizipation am Staat. Noch nie konnte man seinen Glauben so frei ausleben. Noch nie konnte man besser reisen. Noch nie gab es so viele Chancen, herrlichen Blödsinn anzustellen, ohne dafür belangt zu werden. Spirituell, sexuell, beruflich wie auch privat gibt es unzählige Gestaltungsmöglichkeiten. Doch diese Spielräume werden nicht genutzt. Ganz im Gegenteil: Je mehr gangbare Lebenswege zum Vor-schein kommen, desto größer die Sehnsucht, Teil der vermeintlich sicheren Herde zu sein. Interessanterweise kommt es innerhalb der Herde aber nicht zu einem erfüllenden Gemeinschaftserlebnis. Vielmehr trottet die Herde ohne Berührung parallel nebenher, geeint in dem Streben, das Denken, Fühlen und Wollen mit allen anderen Mitgliedern der Gruppe abzugleichen. Man nivelliert sich so um Null. Jedes Mitglied dieser fragilen Zweckgemeinschaft ist für sich genommen einsam. Sogar sehr einsam. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Herde aus charakterlosen Wesen besteht? Wie sollen Reiz und Reibung entstehen, wenn Menschen alle Kanten schon selbst abgeschliffen haben? Charakterbildung außerhalb von Pseudoindividualität und Nachahmung bedingt Freiheit. Und damit meine ich täglich den Rhythmen des Lebens abgerungene Freiheit. Charakterbildung kann man insofern als Forschung betrachten, für die Alexander von Humboldt „Freiheit und Einsamkeit“ als wichtigste Voraussetzungen nannte. Diesen Weg zu gehen verlangt sehr viel Mut. Mut zu Eigenverantwortung und Widerspruch. Mut, andere Interessen und Gefühle zu verletzen. Mut, alte Mauern einzureißen und verbindlich an neuen Brücken zu bauen. Letztlich ist dieses Abenteuer aber der einzige Weg zu sich selbst und der Welt. Wer nach Freiheit strebt, kann auch Freiheit anderen zugestehen und sich unvoreingenommen anderen Menschen öffnen. Nur durch diese Emanzipation mittels Freiheitsstreben lässt sich die eingangs beschriebene Entmündigungsmaschinerie transzendieren. Wir alle waren doch mal wie Anna. Wir waren stolz auf das, was wir „selbst“ machen konnten. Wir haben gespielt und unsere Freiheit genossen. Wir waren alle mal innerlich sehr sehr glücklich und zufrieden. Wer sagt denn überhaupt, dass das nicht wieder möglich ist? Auf der nächsten Seite liest du den Text von Alexander Tiefenbacher mit dem Titel „Macht Freiheit einsam?“ Er belegt damit Platz acht des Wettbewerbs.
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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