Macht Freiheit einsam? Die Sieger des Wettbewerbs. Heute: Platz 8
Text: peter-wagner
Gemeinsam mit der "Initiative Freiheit" rief jetzt.de vor kurzem dazu auf, Essays zu der Frage Macht Freiheit einsam? zu verfassen. Mehrere Hundert spannende Beiträge erreichten uns. Die Jury hat beraten und am 10. April 2007 (ÄNDERUNG: Erscheinungstermin erst am 11. April 2007!) erscheint der Siegeressay hier und auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung. In den Tagen vorher veröffentlichen wir die zehn besten Essays in einem Countdown im Label EssayWettbewerb.
Heute: Platz 8 des Wettbewerbs. Alexander Tiefenbacher mit seinem Essay "Macht Freiheit einsam?" Alexander, 29, ist Philosophie-Promotionsstudent an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Dirk von Gehlen ist Redaktionsleiter von jetzt.de und Mitglied der Jury. Über den Text von Alexander Tiefenbacher schreibt er: "Alexander beschreibt komplexe Gedanken sehr unterhaltsam, ohne dabei aber oberflächlich oder oberlehrerhaft zu werden. Er erläutert dem Leser die verschiedenen Freiheitsbegriffe und schafft es, seine These, dass nicht jede Freiheit einsam macht, nachvollziehbar herzuleiten."
Ist es nicht einfach paradiesisch, wenn Du morgens aufwachen und einfach so in den Tag hinein leben kannst? Ausschlafen, duschen, frühstücken mit Ei und Zeitungslektüre, anschließend ein ausgedehnter Spaziergang über Feld und Wiesen. Und das nicht nur am Sonntag oder in den Ferien, sondern sieben Wochentage lang.
Dieser Zustand vollkommener Ungebundenheit und Freiheit wird in ähnlicher Form von Nick Hornby in seinem Buch About a Boy anschaulich auf den Punkt gebracht. Hornby charakterisiert darin einen Menschen namens Will Freeman, der durch ein väterliches Erbe so reich geworden ist, dass er sich um nichts und niemanden in der Welt mehr wirklich zu kümmern braucht. Freeman scheint
vollends autonom zu sein, kann seine Tage in freier Zeiteinteilung mit shoppen, Fernsehen und Restaurantbesuchen verbringen, dabei einen schneidigen Sportwagen fahren und sich gelegentlich von seinem Friseur die Haare durchstrubbeln lassen. Und so charakterisiert sich Freeman selbst auch gerne als Ibiza und versucht damit den Beweis anzutreten, dass es Menschen geben kann, die sich wie Inseln im Meer verhalten, losgelöst vom Festland im weiten weiten Ozean. Ist dies nicht der ideale Freiheitszustand?
Doch Freemans Freiheit hat einen hohen Preis: Er führt ein Leben ohne Freunde, Familie oder nennenswertes Sozialleben. Als kurzlebige Kontakte zur Außenwelt genügen ihm ein paar
gelegentliche Affären voll und ganz. Denn sobald es den Frauen dämmert, dass Freeman sich einzig seiner Unabhängigkeit verpflichtet fühlt, schwindet ihr Interesse abrupt und Freeman
ist wieder alleine in seiner selbst gewählten Freiheitsutopie. Hornbys Darstellung eines ebenso freien wie einsamen Menschen wirft eine interessante Frage auf: Besteht der hier aufgezeigte Zusammenhang zwischen Freiheit und Einsamkeit notwendigerweise? Muss ein
Zustand vollständiger Freiheit direkt in die Einsamkeit führen und wird die Einsamkeit damit gleichsam zum Preis der Freiheit? Wie aber kann die Freiheit, der wir allgemein einen objektiven Wert beimessen und die ein hohes Gut für jeden Menschen darstellt, zu so
negativen Konsequenzen wie Einsamkeit und Isolation führen? Im Folgenden möchte ich den Versuch unternehmen, dieses scheinbare Paradox aufzulösen und zeigen, dass das bisher dargestellte Freiheitsverständnis unplausibel ist.
Meiner Ansicht nach gibt es noch eine treffendere Charakterisierung des Wesens der Freiheit, in der Freiheit unabhängig von Folgeerscheinungen wie Einsamkeit und Isolation gedacht werden kann, wodurch ihr hohes Ansehen in Gesellschaft und Politik gerechtfertigt wird. Beginnen möchte ich dabei mit einer Analyse unterschiedlicher Assoziationen und Bedeutungen des Terminus Freiheit und ihrer allgemeinen Bewertung. Was uns zum Begriff der Freiheit reflexartig in den Kopf schießt, sind häufig intuitive Freiheitszustände, wie sie sich in den Lebensformen von Menschen widerspiegeln: eines Will Freeman beispielsweise, aber auch eines Lucky Lukes oder des Marlboromannes, die ebenso frei wie einsam durch die Prärie reiten. Neben diesen intuitiven Freiheitszuständen kursieren aber, insbesondere in unseren Diskursen in Gesellschaft und Politik, weitere, eher praktische Freiheitsbegriffe, die sich auf die konkrete Lebenswelt aller Menschen und ihr Selbstverständnis beziehen. Dazu gehören beispielsweise Freiheitsarten wie Gedankenfreiheit, Entscheidungsfreiheit, Willensfreiheit, Handlungsfreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit, Reisefreiheit und dergleichen mehr. Auf den ersten Blick scheinen diese praktischen Freiheitsbegriffe untereinander recht unterschiedlich zu sein. Welcher inhaltliche Zusammenhang könnte sich beispielsweise zwischen der Gedankenfreiheit und der Reisefreiheit nachweisen lassen? Auf der inhaltlichen Ebene gibt es tatsächlich wenige Übereinstimmungen. In formaler Hinsicht hingegen lassen sich die verschiedenen praktischen Freiheitsbegriffe sehr wohl auf einen gemeinsamen Nenner bringen:
Sie alle beinhalten die Freiheit, das zu tun, was wir wollen. So ist es das wesentliche Merkmal der Handlungsfreiheit, so zu handeln, wie ich es eben gerade will und nicht wie irgendjemand anderes es will. Und die Entscheidungsfreiheit ist dadurch gekennzeichnet, dass ich mich für etwas entscheiden kann, was meiner eigenen Überzeugung entspricht, und nicht der irgendeines Anderen usw.
Die Willensfreiheit scheint somit das wesentliche Merkmal der praktischen Freiheitsbegriffe zu sein, die sich als das Hauptcharakteristikum aller anderen Arten von Freiheit nachweisen
lässt. Zudem ist bemerkenswert, dass wir die Willensfreiheit als eines der höchsten Güter überhaupt betrachten, die es in einer Demokratie zu achten und zu verteidigen gilt, im politischen, sozialen oder privaten Bereich, da sie die wesentliche Bedingung unserer Autonomie und Selbstbestimmung darstellt. Wie verhält sich nun der intuitive Freiheitszustand eines Will Freeman oder Lucky Luke gegenüber dem formalen Freiheitsbegriff der Willensfreiheit? Haben wir es hier grundsätzlich mit zwei Arten oder Kategorien von Freiheit zu tun, oder lässt sich eine der beiden Freiheitsarten möglicherweise auf die andere zurückführen?
Im Folgenden möchte ich gute Gründe dafür anführen, dass die Willensfreiheit der umfassendere und plausiblere Freiheitsbegriff ist, da sie die wesentliche Bedingung zur Wahl unserer Lebensart darstellt. Diese Vermutung möchte ich durch das Verhältnis der Freiheit zu unserem subjektiven Wertesystem begründen. So könnte es sein, dass der intuitive Freiheitszustand eines Will Freeman für manche Menschen tatsächlich ein höchst wünschenswerter Zustand gemäß ihren Überzeugungen und Werten ist, für Andere aber weniger eine Art der Freiheit beschreibt, als vielmehr ein Horrorszenario. Verfechter dieser Auffassung sehen in Hornbys Protagonisten nur ein armes, einsames und egozentrisches Würstchen, das weniger frei als vielmehr ein Gefangener seiner Selbstliebe ist, und das wir folglich vielmehr bemitleiden als beneiden sollten.
Ob Freemans Zustand also für alle Menschen gleichermaßen einen Idealzustand der Freiheit beschreibt, kann aus guten Gründen bezweifelt werden, die ich mir nun näher ansehen möchte. Ob wir Freemans Freiheitszustand als ein Gut ansprechen oder nicht, hängt von unserem jeweiligen subjektiven Wertesystem ab, sprich von unseren Vorstellungen über ein gutes und erstrebenswertes Leben. Und genau dies birgt ein Problem für die Plausibilität intuitiver
Freiheitszustände, da keine Lebensform denkbar ist, die für alle Menschen gleichermaßen ein Gut darstellt.
Manche Menschen wollen vielleicht so leben wie Mr. Freeman, Lucky Luke oder der Marlboromann und betrachten diese Lebensformen als Ideale der Freiheit. Andere Menschen hingegen betrachten diese Daseinszustände als solipsistischen Supergau und würden stattdessen eine andere Lebensweise mit Familie, Freunden, einem geregelten Job, Kindern, Doppelhaushälfte und Altersvorsorge wählen. Die Attraktivität des intuitiven Freiheitszustandes ist damit immer schon abhängig von unserem subjektiven Wertesystem und scheint keine allgemeine Gültigkeit für sich beanspruchen zu können.
Abschließend möchte ich daher zeigen, dass die Freiheit verstanden als Willensfreiheit die umfassendere Charakterisierung von Freiheit bildet, da sie nicht von unserem subjektiven Wertesystem eingeschränkt wird, sondern dass die Freiheit unseres Willens die Wahl eines Wertesystems und der entsprechenden Lebensart gerade erst ermöglicht. Der formale Freiheitsbegriff der Willensfreiheit erlaubt es uns, ein Leben gemäß unserer individuellen Präferenzen und Werte zu führen. So können wir uns gänzlich autonom dafür entscheiden, die Lebensform eines Will Freeman, des Marlboro-Mannes, eines Familienvaters oder eines Sozialarbeiters zu wählen. Ebenso sind wir frei, diesen Zustand von heute auf morgen zu ändern und eine neue, ganz andere und möglicherweise konträre Lebensform zu bevorzugen, ähnlich wie es Will Freeman am Ende von Hornbys Erzählung auch tatsächlich macht, indem er sich seinen Mitmenschen gegenüber öffnet, Freundschaften schließt und sich für seine Mitmenschen zu interessieren beginnt. Und genau in diesem Wahlvermögen besteht seine Freiheit.
Freiheit verstanden als Willensfreiheit kann uns daher gar nicht einsam machen, da sie uns nicht sagen kann, von welchen Werten wir uns leiten lassen sollten oder welche Lebensform für uns die Beste ist. Lediglich unser subjektives Wertesystem könnte uns
in die Einsamkeit führen, wenn wir anderen Interessen einen höheren Wert beimessen, als der Zeit, die wir mit unserer Familie und unseren Freunden verbringen. Die Wahl unserer individuellen Lebensform und unserer subjektiven Werte ist unsere freie Entscheidung gemäß unserem freien Willen, wodurch der freie Wille zum Wesen der Freiheit wird.
Auf der nächsten Seite liest du den Beitrag von Andreas Christ. Sein Essay zu "Macht Freiheit einsam?" brachte ihm den 9. Platz ein.