Tag 22 [21.08.05]
Text: elias_b
Naja um 4 Uhr ist nix geworden, aber ich bin so um 5 halb 6 los gelaufen. Völlige Ruhe, ab und zu ein Auto, mein Trampeln am Straßenrand. Die kleinen Dörfer sind alle noch am Schlafen. In La Wantzenau hat sogar ein Bäcker geöffnet. Ich hab natürlich kein Brot mehr, also eine prima Sache. Am Ende des Ortes fliesst die Ill, der gleiche Fluss, der auch durch Strasbourg fliesst. Eine Brücke die hinüberführt.
Es ist Sonntag früh und so nutze ich die Gelegenheit. Gelegenheit zum Waschen (mich) und zum Rasieren. Es war nötig, vor Allem das Rasieren. Abstruse Vorstellung, rundherum liegen die Menschen in den Betten und unten am Fluss hockt einer und macht sich frisch für die grosse Stadt.
Aus Richtung Robertsau komme ich in die Stadt. Es hat mit Regnen begonnen.
An einem Haus mit Vorgarten halte ich an, weil ich höre. Eine deutsche Stimme aus den Gardinen eines offenen Fensters. Es dauert einen Moment bis ich realisiere: Das ist der Papst in Köln. So höre ich wohl beinahe die gesamte Predigt, in einem Vorort von Strasbourg, auf einem Bürgersteig im Regen durch ein offenes Fenster aus einem Fernsehgerät.
Später vorbei am Europäischen Parlament, am Europäischen Gerichtshof (gleich gegenüber im Park -ein Glück- ein öffentliches WC) weiter die 'Allée la Robertsau' Richtung Innenstadt. Nach einer ewigen Zeit erreiche ich auch die Altstadt. Erst hier Touristen, so viel, trotz schlechtem Wetter. Hin zur Kathedrale, immer dem Turm nach.
Wieder überkam mich das Gefühl -zu Fuß-
Zu Fuß bin ich in die Mitte Europas gegangen und bin irgendwie noch nicht angekommen. Hänge da draussen zwischen Wegen, Seen, und Hügeln. Mit meinem Kopf.
Lange sitze ich in der Kirche, der Kathedrale. Die Grösse ist eigentlich unfassbar, nach all den kleinen Schritten. Es ist bahnhofsmässige Stimmung hier drin. Es surrt und blitzt. Ich schaue den Menschen dabei zu, wie sie unendlich viel Datenmüll schaffen. Ich schaue und schaue. Irgendwie bin ich sehr glücklich an diesen Ort gelaufen zu sein. Es kommt eine so ungeheure Ruhe und nimmt Platz in mir. Die Menschen mit ihren Kameras und Recordern stören mich nicht...sie sind einfach nur da, wie ich auch. Innerlich laufe ich zurück und vorwärts zugleich. Der ganze Film der letzten 22 Tage läuft auf einmal. Geschätze 530 km in slow motion.
Nach einer ganzen Weile, denke ich an einen Stempel aus dieser Stadt. Jedoch nicht von der Touristeninformation gleich draussen neben der Kirche. Dort bringe ich in Erfahrung, das es 2 Jugendherbergen gibt. Es wird Zeit dafür.
Das Büro der Kathedrale ist am Wochenende nicht besetzt. Sehr schade. Es regnet immer noch und so gehe ich von Turm zu Turm, schaue nach Adressen der zugehörigen Pfarreien. Alles geschlossen und verrammelt.
So gegen 16 Uhr denke ich: Schluss jetzt! Pause! -im Trockenen-
Schnell bietet sich S u b w a y an, die Sandwichbude. Kaffee + Gebäck, Espresso + Sandwich 10 € beinahe alles zusammen, mehr als mir lieb ist.
Aber ich brauchte eine Aufmunterung. Als ich nun so da sitze und auf das Tablett gucke, vor mir den weiteren Weg aufgeklappt und weitergedacht, läuft auf einmal 'Nirvana - Smells Like Teen Spirit' im Radio des Lokals.
Ich dachte an M E M E N T O und genoß alles auf einmal. (Das war im Nachhinein die Wende des Tages)
Nach der Pause hatte auch der Regen aufgehört. Als nächstes zur St. Louis Kirche, Pfarramt umd die Ecke. Klingeln und"Oui?" rief es laut aus dem zweiten Stock. Kurz darauf öffnet mir Pfarrer Jean- Marie Badina und ich erhalte den Stempel. Er fragt wo ich die Nacht bleibe, ich zeige ihm die Jugendherberge auf dem Stadtplan. Prompt bietet er mir an zu bleiben -'..es sei kein Problem.....' ich freue mich und bleibe. Sympatisch ist der Mann. Duschen, Wäsche waschen und Auspacken. Ich hab ein komplett eigenes Zimmer mit breitem Bett und echter Matraze! Schnell hab ich den ganzen Raum im Beschlag. Überall die Klamotten, auch auf dem Stuhl...Handy in der Steckdose, Schlafsack ausgebreitet. Rucksack komplett geleert und gecheckt.
In seinem Wohnzimmer dann Erzählen...von meiner Reise, dazu einen Aperitif #:)
Irgendwann später brechen wir auf, Monsieur Badina möchte mir die Stadt zeigen. Eine Stadtführung! Ganz persönlich für mich. Er erklärt mir die Stadtgeschichte, politisch, historisch, heimatlich verbunden. Es ist wunderschön, die Altstadt, die Geschichten - einfach lebhaft. Schliesslich läd er zum Abendessen in ein Restaurant ein Chez Yvonne.
Er berichtet von gewichtigen Staatschef-essen hier in der Winstub. Zu Essen gibt es Elsässer Schlachteplatte mit Sauerkraut, dazu Wein und zum Abschluss Espresso. Bezahlen darf ich nicht. 'Hey du bist heute mein Gast!' Auf dem Heimweg am Münster nochmals vorbei.
"L'été en coleurs" - mediales Spektakel und Lichinstallation in der ganzen Innenstadt. Den Kopf in den Himmel gucken wir. Durch das 'kleine Frankreich' zurück ins Pfarrhaus.
Lange noch sitzen wir in seinem Wohnzimmer. Jean- Marie fragt nach meinem weiteren Weg und ich stelle Fragen zur Stadt. Er erklärt mir den historischen Konflikt in den Familien. Es gibt kaum eine Elsässer Familie, welche nicht Söhne für verschiedene Reiche kämpfend verloren hat. Ein Denkmal wurde grad dieser Tage als Mahnung daran eingeweiht. Die Skulptur, eine Mutter mit ihren Söhnen in den Armen. Einer hat ein französische Uniform, einer eine deutsche Uniform an. Es wird mir klar, wie wenig ich eigentlich weiss von diesem Landstrich Elsaß.
Was für ein Tag! So falle ich ins Bett. Ins Bett!
Jean-Marie Badina: 20 Jahre Jugendpfarrer, geb. 1944
Die lange Reise in Etappen
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31.03.2007 - 00:24 Uhr
adnarel