01.04.2007 - 19:00 Uhr

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Macht Freiheit einsam? Die Sieger des Wettbewerbs. Heute: Platz 9

Text: peter-wagner

Gemeinsam mit der "Initiative Freiheit" rief jetzt.de vor kurzem dazu auf, Essays zu der Frage Macht Freiheit einsam? zu verfassen. Mehrere Hundert spannende Beiträge erreichten uns. Die Jury hat beraten und am 10. April 2007 (ÄNDERUNG: Erscheinungstermin erst am 11. April 2007!) erscheint der Siegeressay hier und auf der jetzt.de-Seite in der Süddeutschen Zeitung. In den Tagen vorher veröffentlichen wir die zehn besten Essays in einem Countdown im Label EssayWettbewerb.

Heute: Platz 9 des Wettbewerbs. Andreas A. Christ mit seinem Essay "Macht Freiheit einsam?" Andreas ist 25 Jahre alt und studiert Geschichte und Kommunikationswissenschaft in Bamberg.

Dr. Gunther Schwarz ist Senior Vice President der Boston Consulting Group und Mitglied der Jury. Er schreibt zum Text: "Andreas Christ entwickelt eine Skizze des Freiheitsbegriffs am Beispiel der Generation Praktikum. Die Freiheit hat jedoch Voraussetzungen, deren wichtigste das Tragen der Verantwortung durch jeden einzlenen ist. [...] Andreas Christ plädiert für ein aktives Nutzen der Freiheitsgrade, die jeder einzelne für sich heute erarbeiten kann. Das Leitmotiv ist hier die Entscheidung "FÜR" eine Sache, das Eingehen einer inneren Verpflichtung, statt eines unreflektierten Verfolgens von Zwängen. Ein positiver Appell an die eigenständige Gestaltung des Lebensweges mit offenen Augen und abseits des Mainstreams." Den Aufbruch des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit postulierte Kant in der Aufklärung und unsere Gattung ist diesem Ruf gefolgt, hat sich in Gang gesetzt, die Ketten abzustreifen, die dem Individuum solange auferlegt worden waren. Erst langsam, wankenden Schrittes schüttelten wir die Vormundschaft von Staat und Kirche ab und mit neuer Leichtigkeit konnten wir noch schneller gehen. Verquere, neumodische Ideologien wie Kommunismus und Faschismus brachten uns nur kurz ins Straucheln, ihre Unmenschlichkeit bestärkte uns, nur noch schneller unseren Weg zu verfolgen, um schließlich in das neue Jahrtausend zu stolpern, frei von allem und jeden, schließlich sogar von der Gesellschaft und Familie. Es ist an der Zeit, einen Moment innezuhalten und zu fragen: Wo steht der moderne, westliche Mensch heute? Oder, um ein wenig spezieller zu werden und ein modisches Schlagwort zu verwenden, wo steht das verbrannte Wohlstandskind der Generation Praktikum heute? Nun, zuerst einmal steht es allein. Es ist flexibel, es ist mobil, es ist ungebunden, es ist lernbegierig und aufstiegsorientiert. Dass man mit diesen Attributen mühelos eine zeitgenössische Stellenanzeige verfassen könnte, lässt das dumpfe Gefühl aufkommen, dass wir irgendwo falsch abgebogen sind und uns auf unserer letzten Etappe des Freiheitsweges verlaufen haben. Oder wurden wir sogar in die Irre geführt? Reflexhaft möchte man das für reaktionäres Geschwätz halten, wir sind doch frei, wir können tun was wir wollen, glauben an was wir wollen, studieren was wir wollen, praktische Erfahrungen sammeln wo wir wollen. Wir können ins Einkaufszentrum fahren und kaufen was wir wollen, uns aus dem Internet ziehen was wir wollen, wir können unter Dutzenden Fernsehkanälen wählen, wir können überall Urlaub machen, in jeder Stadt wohnen, im Ausland studieren. Aber leben wir deshalb in großer Freiheit? „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will“, um hier Rousseau etwas sinnentfremdet, aber nichtsdestotrotz passend, zu zitieren. Wir stehen unter dem Zwang, in diesem Supermarkt des Lebens einkaufen zu müssen. Optionen haben wir, allerdings keine wirklichen Alternativen zum Angebot. Es sei denn, man will vor den Ladentüren auf dem harten Asphalt der Straße hausen. Und deshalb ist diese Freiheit eine falsche Freiheit, denn um sie zu genießen, müssen wir vor allem eins machen – Geld verdienen. Und Geld verdienen bedeutet, uns den Bedingungen des Marktes zu unterwerfen. Deshalb ist der freie Mensch unserer Tage größtenteils ein ökonomisch stromlinienförmiger Mensch. Alle sozialen Ecken und Kanten wurden abgeschliffen, um im rauen Wind der Berufswelt nicht zu bremsen. Die Folgen sind nicht ausgeblieben: Gefühle von Angst und Verlorenheit greifen um sich, Depression und Lebensphobie sind gesellschaftliche Phänomene geworden. Wenn man sich von allem losgemacht hat, kann man auch nichts mehr von anderen erwarten. Totale Freiheit bedeutet totale Verantwortung. Die Last der Verantwortung liegt ganz allein auf den Schultern des Individuums, und in unserer Gesellschaft bedeutet Verantwortung in erster Linie Verantwortung, erfolgreich zu sein. Es liegt an jedem selbst, seinen ökonomischen, sozialen und sexuellen Marktwert zu steigern. Und diese Bürde wiegt schwer in einer Zeit, in welcher die persönliche und materielle Verwirklichung in Arbeit nicht mehr selbstverständlich für jeden zu erreichen ist. Viele Langzeitarbeitslose der älteren Generation haben sich schon aufgegeben, für sie gibt es keine Verwendung mehr in der neuen rationalisierten Welt, während die Jungen fanatisch jeder Möglichkeit nachrennen, ihren hochgezüchteten Lebenslauf weiter zu frisieren. Die meisten haben schon verinnerlicht, dass die Unsicherheit das einzige ist, was in Zukunft sicher sein wird. Dieses unbestimmte Gefühl, unkalkulierbaren Lebensrisiken ausgeliefert zu sein, hat sich durch die Sozialstaatsdebatten der letzten Jahre verschärft. Der Wohlfahrtsstaat garantierte soziale Anonymität ohne Reue. Unabhängig von familiärer Herkunft ermöglichten Lernmittelfreiheit, Bafög und kostenlose Hochschulbildung jedem entsprechend seiner Fähigkeiten die freie Wahl des Berufwegs. Dabei wusste man sich auch als Verlierer des freien Marktes in Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit versorgt. Wenn aber das soziale Netz als Hängematte diskreditiert wird und die Leistungen allerorten zurückgeschraubt werden, dann wird der offene Lebenslauf wirklich zu einem gewagten Drahtseilakt. Abgesehen von der Frage, inwieweit unsere heutige Freiheit wirkliche Freiheit im Sinne von Autonomie ist - muss man sich nicht fragen, ob Individualisierung und Isolation nicht einfach nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind? Was, wenn der Preis der Freiheit nicht nur ewige Wachsamkeit ist, sondern auch Vereinsamung und Absonderung? Offensichtlich entfernt uns jede Form von Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit von unseren Mitmenschen. Das liegt in der Natur der Sache und ist insofern gut, als jeder für sich denken und über sein eigenes Schicksal bestimmen will. Niemand will in einen Zustand zurück, in dem ein absoluter Monarch, dogmatische Kirchenväter, ein despotischer Hausvater oder irgendeine Partei dem Individuum keinen Raum zur Entfaltung gaben. In der Geschichte unserer Zivilisation ist gerade die Würde und Souveränität des Einzelnen ein hart erkämpftes Gut, das kostbarer nicht sein könnte. Jedoch laufen wir Gefahr, diese Freiheit in einer Tyrannei der ökonomischen Freiheit zu verlieren. Für keinen ist es leicht, sich dem zu entziehen. Man steckt in einer Art Zwickmühle: Um nicht ins gesellschaftliche Abseits zu geraten, muss man das Spiel mitspielen, in dessen Verlauf man nur zu leicht ins menschliche Abseits geraten kann. Wenn man sich das klarmacht, besteht vielleicht die Möglichkeit, ein Bewusstsein für die wahre Freiheit zu erlangen. Und das ist eben jene, die uns in die Lage versetzt, uns FÜR etwas zu entscheiden. Dass wir uns den ökonomischen Mechanismen unserer Welt nicht entziehen können, muss ja nicht heißen, ihrer Logik zu folgen. Die Freizügigkeit unserer Gesellschaft bietet uns die große Chance, uns aus freien Stücken zu verpflichten. Natürlich schränkt die Hingabe an eine Sache, eine Organisation oder andere Menschen unseren Handlungsspielraum ein. Aber was wir an Beliebigkeit verlieren, gewinnen wir vermutlich an Stärke gegenüber dem Unbill, der uns auf unserem Lebensweg entgegenschlägt. Auf der nächsten Seite liest du den Essay von Bernhard Peter mit dem Titel "Freie, einsame und ohnmächtige Existenz". Bernhard belegt damit Platz 10.
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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