26.03.2007 - 19:00 Uhr

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Engelmacherinnen oder: Ein Museum über Verhütung und Abtreibung

Text: peter-wagner

Erst die Pille versetzte Menschen in der Lage, die Sache mit der Fortpflanzung wirklich zu kontrollieren. Was war vorher? In Wien öffnete eben das erste "Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch". Besucher verlassen die Sammlung "berührt und verändert" - so hat es zumindest der Initiator Dr. Christian Fiala beobachtet.

Ein Gespräch über ein verstörendes, lehrreiches und auch skurriles Museum.

Fiala, 47, ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Wien und recherchierte mit der Biologin und Journalistin Susanne Krejsa die Geschichte von Verhütung und Abtreibung. Seit 16. März 2007 sind die Berichte und Fundstücke im Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch zu sehen. Fiala ist Ärztlicher Leiter von gynmed, einem Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung. Er schrieb bereits zu Studienzeiten Broschüren zum Thema Verhütung. Herr Fiala, seit zehn Tagen ist Ihr Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch geöffnet. Was sehe ich dort? Zum Beispiel Gegenstände aus Uganda, wo ich ein halbes Jahr in einem Krankenhaus gearbeitet habe. Dort kamen viele Frauen nach einem illegalen Schwangerschaftsabbruch zu uns. Wir haben eine Schachtel hingestellt, in der wir Fremdkörper gesammelt haben, die wir in den Gebärmüttern der Frauen gefunden haben. Welche Fremdkörper? Äste, Stäbe, Plastikstifte. Das ist makaber, aber wir zeigen die Gegenstände in der Ausstellung. So wird klar, wie unfassbar die Zustände in Uganda und anderen Ländern sind, wo der Schwangerschaftsabbruch verboten ist. Sie sagen, der Abbruch dort sei illegal. Wegen eines Gesetzes der Briten aus dem Jahr 1803 ist der Abbruch dort immer noch verboten. Also machen es die Frauen wie bei uns vor 100 Jahren: Sie versuchen selbst abzutreiben. Und kommen dann in einem erbärmlichen Zustand ins Krankenhaus, schwer verletzt. Das hat mich weit mehr entsetzt als die Armut, bis hin zur körperlichen Übelkeit. Das ist wie Krieg. Krieg gegen Frauen.
Die Gegenstände aus dem Krankenhaus in Uganda. Wie war es bei uns vor 100 Jahren? Da gab es bei uns noch Engelmacherinnen. Wie? „Kinder engeln“ ist eine Formulierung, die es anscheinend in fast jeder Sprache gibt. Bis vor 100 Jahren war das anatomische Verständnis der Menschen sehr gering. Es war sicherer, das Kind auszutragen und dann töten zu lassen – von einer Engelmacherin. Unerwünschte Kinder wurden also in die „Pflege“ weg gegeben. Die Engelmacherinnen haben die Kinder schlecht ernährt oder bei offenem Fenster im Winter liegen lassen. In den Todesanzeigen hieß es dann „Der Herrgott in seiner unergründlichen Liebe hat es zu sich geholt.“ In weiterer Folge lernten die Leute, wie man Abbrüche macht. Indem man mit einer Stricknadel die Fruchtblase sprengt. Und zwar im vierten oder fünften Monat, wenn die Frau die Schwangerschaft nicht mehr verstecken kann. Und das versuchen die Frauen in Uganda heute noch. Dort und auch in anderen afrikanischen Ländern ist es an der Tagesordnung. Immer wieder aber stechen sich die Frauen zum Beispiel in die Blutgefäße – und verbluten. Aber ihr Museum widmet sich nicht nur der Abtreibung, oder? Nein, das ist nur der kleinere Teil. Wir zeigen vor allem die Geschichte der Verhütung. Das klingt sehr lehrreich. Fast ein bisschen trocken. Wussten Sie, dass Kondome früher aus Luftblasen von Fischen hergestellt wurden? Oder dass man in den USA immer noch Schafsdarm-Kondome kaufen kann? Das wusste ich nicht. Die Luftblasen kamen irgendwann aus der Mode. Gemeinsam mit einem Wiener Präparator haben wir aber zum Herzeigen eines angefertigt. Und in einem Verkaufskatalog aus München aus dem Jahr 1936 haben wir ein „Kondom-Trockengestell“ gefunden. Damit man die Kondome waschen und wieder verwenden konnte.
Luftblasenkondom. Das ist heute kaum vorstellbar. Genauso wie die Tatsache, dass Frösche bis in die Sechziger Jahre für Schwangerschaftstests verwendet wurden. Wir haben mit einer Laborantin und einem Arzt gesprochen, die das noch selbst gemacht hat. Auf der zweiten Seite steht, wie das mit den Fröschen funktionierte und wie du das Museum auch per Telefon besuchen kannst.
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peter-wagner

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


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