25.03.2007 - 19:00 Uhr

0 13 Über Twitter weiterempfehlen

"Ohne Langeweile geht nichts."

Text: jonathan-fischer

Lernen von den Alten: Sakyong Mipham Rinpoche, tibetanischer Buddhist, über Meditation im Kraftraum, Hiphop und den Weg zum Glück.

Er gilt als eine der höchsten geistigen Autoritäten des tibetischen Buddhismus: Sakyong Mipham Rinpoche wurde 1962 in Indien geboren und lebte die ersten Jahre in einem tibetischen Flüchtlingscamp, bis er vom buddhistischen Klerus als Wiedergeburt eines bedeutenden tibetischen Lehrers erkannt wurde. Später zog er zu seinem Vater, dem buddhistischen Lehrer Chögyam Trungpa , nach Colorado. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Sakyong Mipham die Leitung von Shambhala International, einer Organisation mit über 200 Meditationszentren in westlichen Ländern.
Sie halten nicht nur buddhistische Zeremonien ab, sondern laufen auch Marathon und heben Gewichte. Die meisten Menschen tun das aus eigensüchtigen Gründen, etwa um schlanker und selbstbewusster zu werden . . . Ich liebe es, meinen Körper zu fordern – und animiere auch andere buddhistische Lehrer dazu . . . . . . weil diese sich zu sehr der Buddha-Figur annähern? Genau. Dabei hat körperliche Arbeit ja auch eine spirituelle Komponente. Als ich vor einigen Jahren die Klöster in Tibet besuchte, waren viele dort enttäuscht: Ich entsprach nicht dem klassischen Buddha-Bild. Es war auch unmöglich für mich, um das Kloster herumzurennen. Um dennoch für den New York Marathon zu trainieren, musste ich dann in ein anderes Dorf fahren. Sind Sie den Marathon dann gelaufen? Ja, es hat Spaß gemacht. Mir ging es weniger um die Zeit, als darum, mit meiner Teilnahme Spenden für die Klöster zu sammeln. Außerdem ist Langstreckenlaufen eine Art Meditation: Du konzentrierst dich aufs Atmen, musst deinen Geist im Zaum halten. Gilt das auch für Ihr Bodybuilding? Genau. Ich finde bei einer montonen Tätigkeit wie dem Gewichtheben zu innerer Ruhe und Kontemplation. Warum auch nicht? Im Buddhismus heißt es, es gibt 84 000 Wege, um seine Spiritualität zu praktizieren. Man muss dazu weder in einer Höhle, einem Tempel oder Kloster verweilen. Auch ein langweiliger Fitnessraum kann dem selben Zweck dienen. Sie schreiben in Ihrem Buch „Der weite Raum“ über die Langeweile. Ein unangenehmes Gefühl, oder? In dieser Kultur ist es fast schon eine Beleidigung, etwas langweilig zu finden: vergleichbar mit dem vergeblichen Warten auf den Bus, der niemals kommt. Der Geist wird panisch und vermisst die übliche Stimulation. Kann Langeweile dennoch nützlich sein? In der Meditation verlangsamst du dein Denken, steigst vom Karussell in deinem Kopf herunter und fängst an, Dinge wertzuschätzen. Das sieht von außen sehr langweilig aus. Aber in Wirklichkeit wird dein Geist empfindlicher und achtet mehr darauf, was gerade passiert. Aber meiden wir nicht auch die Langeweile, weil wir Angst haben, in eine Depression zu verfallen? Du kannst daran wachsen. Vielleicht siehst du zum ersten Mal, wie dein Leben wirklich läuft. Wird man deswegen zum Langweiler? Langeweile kann eine Folge von Desinteresse sein. Dann will der Geist nicht mehr lernen und die Sinne werden dumpf. Das ist die schlechte Variante. Denn der Geist braucht eine Aufgabe, um glücklich zu sein. In der Meditation hast du ein Ziel. Die Menschen denken zwar, da passiert nichts, aber in Wirklichkeit bist du auf einer Reise. Deswegen nennen wir diesen Zustand auch „cool boredom“, coole Langeweile. Unsere Kultur basiert auf einer Bombardierung mit Stimuli. Wie wollen Sie die Menschen dazu bringen, sich freiwillig einer Form von Langeweile auszusetzen? Mir ist bewusst, dass ich Meditationsanfängern nicht zu viel zumuten kann. Eine gewisse Enttäuschung ist unvermeidbar. Als mein Vater Chögyam Trungpa Ende der 60er Jahre nach Amerika kam, hatte er es sehr schwer, einem Haufen Hippies beizubringen, einfach still auf einem Kissen zu sitzen. Wenn jemand vor der Langeweile wegläuft, wird er sein ganzes Leben auf der Flucht vor sich selbst verbringen. Aber kann meditieren nicht auch eine Flucht sein? Das ist eines der großen Missverständnisse über den Buddhismus: Man meditiert eine Weile, um sich zu stärken. Aber letztlich geht es darum, wieder in die Welt hinauszugehen und sich mehr zu engagieren als zuvor. Pop und Meditation Gebetsfahnen und Meditationsgongs sind also gar nicht so wichtig? Ja, es heißt, die Erleuchtung sei die größte Enttäuschung. Sind Sie denn erleuchtet? Ich hoffe nicht. Warum sagen Sie das? Es könnte enttäuschend für Sie sein. Enttäuschend? Ja, weil es nicht die große Sache ist, die daraus gemacht wird. Man denkt, man würde durch die Erleuchtung ein anderer werden. Dabei geht es nur darum aufzuwachen; ganz man selbst zu sein; zu merken, was im Augenblick passiert. Auf der nächsten Seite liest du, wie du glücklich werden kannst
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
jonathan-fischer
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

jonathan-fischer offline

jonathan-fischer

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

Jonathan Fischer