18.03.2007 - 19:00 Uhr

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"Konzerte kann man nicht kopieren"

Text: max-scharnigg

Die Krise in der Plattenindustrie fängt an, eine ganze Szene zu bedrohen. Anfang dieses Jahres schrammte das Hamburger Vorzeige-Plattelabel „L’age D’or“ ganz knapp an einer Insolvenz vorbei, die Kollegen von „Grand Hotel van Cleef“ fahren einen strikten Sparkurs und werden ihre Aktivitäten stark einschränken. Das dritte Hamburger Indie-Label ist „tapete records“ – Mitgründer Gunther Buskies erklärt die Situation.


Das Gespräch gehört in die Reihe der Interviews auf der jetzt.de-Zeitungsseite zum Thema "Digitale Musik". Auf der Seite, die am Montag in der Süddeutschen Zeitung erscheint, kommt außer Gunther Buskies der Harvard-Professor Felix Oberholzer-Gee zu Wort, der die Wirkung von Tauschbörsen auf die Musikindustrie untersucht hat. Jochen Strube von der TU Darmstadt erklärt, warum 99 Cent für einen Song im Netz zu teuer sind und Till Kreutzer erklärt die rechtlichen Rahmenbedingungen der Musik im Netz.

Die Lage ist schlecht, gibt’s eine Lösung?
Wir haben bei Tapete relativ früh das Booking unserer Bands übernommen, ein Schritt den auch das Grand Hotel und andere kleines Labels jetzt angehen.



Erklär’ das kurz.
Es gibt drei Bereiche, mit denen man im Musikgeschäft Geld verdienen kann: Klassisch als Label mit verkauften Platten. Dann als Musikverlag, der Rechte besitzt und verdient, wenn zum Beispiel ein Lied im Radio gespielt wird. Und drittens als Booking-Agentur, die Konzerte für Bands vermittelt und Prozente von der Gage kriegt. Die letzten beiden sind recht risikoarm, als Booker musst du mehr oder weniger nur am Telefon sitzen und Konzerte klarmachen.

Die Leute kaufen weniger Platten, gehen aber trotzdem noch zu Konzerten?
Sie kaufen fast gar keine Platten mehr, der Großteil unserer Bands pendelt zwischen 300 und 3000 verkauften Platten. Aber die Konzerte sind voll. Wir wissen genau, wie wenige Platten in einer Stadt verkauft wurden und dann stehen da viermal so viele Menschen und singen jedes Lied mit, woher können sie das?

Von gebrannten CDs?
Ja. Ich habe früher auch LPs auf Kassetten kopiert, aber das war ein gewisser Aufwand und bei weitem nicht so einfach wie auf Knopfdruck zehn Kopien von einer Platte zu machen. Ein Konzert ist als Event aber eben nicht kopierbar. Das Problem von Musik ist heute einfach, dass sie im Gegensatz zu Turnschuhen digital reproduzierbar ist.

Bei einem Indie-Label denkt man doch, die Leute würden Wert auf eine richtige Platte mit Cover und Booklet legen.
Wir bekommen schon Zuspruch, die Leute kaufen die Platten in unserem Online-Store und schreiben, dass sie nicht den Media-Markt unterstützen möchten.Den großen Plattenfirmen brechen die Verkäufe ja noch schlimmer ein als uns, so eine Compilation wie Bravo-Hits verkauft heute sicherlich nur noch einen Bruchteil vonfrüher.

Tapete hat viele kleine deutsche Bands unter Vertrag, wie rechnet sich das?
Jede Band wird bei uns sehr realistisch kalkuliert, es gibt keine Versprechen, die nicht gehalten werden können, keine Riesendeals. Die Bands bekommen einen Vorschuss, um die Platte zu produzieren. Dann pressen wir eine realistische Auflage, sagen wir mal 2000 Platten. Davon werden manchmal nur 300 verkauft und wir sitzen auf dem Rest. Wir verlieren bei den meisten Veröffentlichungen Geld. Konzept war aber immer: Platten machen, die wir selber gerne hätten.

Was kostet euch eine CD?
Ein Euro pro Fertigung der CD mit Booklet, dann muss für jede gepresste Platte noch ein Euro an die GEMA bezahlt werden, dann noch Künstlerlizenzen, Vertriebskosten und Handelsmarge und unser Team im Label arbeitet einen Monat lang dafür. Porto ist auch ein großer Posten, über 20.000 Euro im Jahr – aber wir müssen ja Radios und DJ's bemustern um die Chance zu haben, einem Publikum bekannt zu werden. Man kann sich also ausrechnen, dass es ein risikoreiches Geschäft ist. Wenn es schlecht läuft, verlieren wir 5000 Euro pro Album.


Eine der Bands die ihr aufgebaut habt ist Anajo, die mit ihrem neuen Album sogar in den Charts war - was bedeutet das?
Fast nichts mehr. Man muss sich vorstellen, in die Single-Charts kann man mit unter 200 verkaufter Stückzahl pro Woche einsteigen. Mit 5000 verkauften Platten ist laut GFK schon Platz 10 der Albumcharts drin. Anajo waren Platz 51, die Verkäufe der ersten Woche waren ein wenig enttäuschend, wenn man bedenkt wie präsent die waren, wie gut das Album ist und wie wir vom Vorgänger verkauft haben.

Hat das Prinzip „Platte“ ausgedient?
Mein Partner Dirk Darmstaedter hat mal prophezeit, dass es bald dahin kommen wird, dass eine CD-Veröffentlichung nur noch wie eine Setcard für einen Schauspieler ist. Eine Berechtigung zum Touren. Mit dem reinen Tonträgergeschäft können heute weder die Firmen noch die Künstler ein Auskommen haben. Würden die Lieder nur in digitaler Form vorliegen, sparte das Label enorm an Produktionskosten.

Grand Hotel auf Sparflamme, Lado nahezu fertig, wie geht's bei Tapete weiter?
Weiterhin mit zwölf Platten im Jahr, aber nach fünf Jahren Selbstausbeutung schwinden Kraft und finanzielle Reserven. Immerhin: wir konnten unsere beiden Auszubildenden anstellen. Irgendwie geht’s, schlimmer ist die Frustration.

Worüber?
Dass alles nicht zählt, wir nicht vorkommen. Jeder drittklassige Buchautor wird heute in eine Talkshow eingeladen, die Filmkultur wird jedes Jahr mit Millionen subventioniert. Um die Popmusikkultur kümmert sich eigentlich niemand. Eine Stadt wie Hamburg hat in einer Marketingforschung herausgefunden, dass junge Menschen bundesweit vor allem an Musik denken, wenn sie Hamburg hören. Wir sind ein Imagegewinn, deswegen habe ich vorgeschlagen, dass die Stadt dafür unsere Portokosten übernimmt. Wurde abgelehnt.





Mehr zum Thema auf jetzt.de im Themenschwerpunkt Urheberrecht


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florentinus
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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 19:10 Uhr
florentinus

ich denke, dass das althergebrachte argument pro file-sharing "wer sich die lieder brennt, kauft auch die platten, wenn sie ihm gefallen" mit diesen zahlen endgültig widerlegt ist. das traditionelle albumgeschäft wird sich höchstens noch ein paar wenige jahre halten, dann ist endgültig schluss damit.

redsmoke
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18.03.2007 - 19:52 Uhr
redsmoke

Und wie kommt es, dass ein Newcomer wie der Neu-Berliner Rapper Chakuza letztes Jahr aus dem Nichts heraus von seinem Streetalbum "Suchen & Zerstören" 15.000 Stück verkauft hat? Ohne Promo, Werbung, ohne Marketingbudget etc?

Die Bands (aller Genres) müssen einfach wieder ihren Arsch hochkriegen, sich um ihre Fans kümmern und das "Künstlerdasein" nicht nur als Berufung, sondern auch aus Beruf ansehen. Means: Arbeiten! Dann klappt's auch mit der Kohle... So. Jetzt schön kontra bitte :-)

A1RD9C
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18.03.2007 - 20:27 Uhr
A1RD9C

ich denke zwar dass bei IndieLabels/ Bands der Verlust durch gebrannte Cds höher ist als bei Normalen Labels aber zum teil liegts auch einfach an den Bands die entweder nicht gut genug promoted wurden / sie einfach keine Sau kennt / sie innerhald des Indie-sub-mainstream (denn ja oh wunder Indie ist mittlerweile auch Mainstream also Verkaufstechnisch ) einfach zu oft zu gleich klingen
ich mein ich bin sowas wie n Orginal Cd Fetischist bin im indiebereich für Tomte / Kante zu haben und hab auch alle Cds als Fan

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18.03.2007 - 20:29 Uhr
A1RD9C

vllt is das nicht nur ne Kaufflaute wegen dem Gebrenne sondern weil vllt einfach ne Marktsättigung stattgefunden hat und sowas passiert im Digitalen Markt viel eher als bei "normalen" Gebrauchsgütern

karrren
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19.03.2007 - 00:11 Uhr
karrren

tocotronic bei universal kaufen is doch scheiße!!

http://www.mediabiz.de/newsvoll.afp?Nnr=...

TheMagnificentOne
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19.03.2007 - 00:35 Uhr
TheMagnificentOne

Kommt mir bekannt vor. Ich denke mir oft: Wenn ich schon nicht so viel Kohle habe, um mir alle Platten zu kaufen, die mir gefallen, dann gehe ich lieber auf Konzerte für 5-10 Euro in der Gegend und erlebe noch etwas. Für besondere Konzerte spare ich. 1-2 CDs leiste ich mir im Monat. Inzwischen nehme ich auch oft Vorlieb mit den mp3s, die die Künstler und Labels auf ihren Internetseiten verschenken.

bulle
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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 09:31 Uhr
bulle

ich kaufe weiter cd´s und platten weil mir die qualität mehr taugt ausserdem will ich spezials und booklet und den kram.wenn mir der sound die paar kröten nicht wert ist brauch ich ihn eh nicht. wenn ich das album nicht durchhören kann und nur einzelne song gefallen brauch ichs auch nicht. punkt

TBA
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19.03.2007 - 11:15 Uhr
TBA

Ich denke, dass die Plattenindustrie teilweise an der Situation schuld ist, da die Single-raushau-Methode über Jahre angewendet wurde und somit das Verständnis für eine CD als Gesamtwerk verloren gegangen ist. Wenn man von einer Band nur die Single haben will braucht man sich nicht das Album kaufen. Also lädt man sich den Song herunter. Wenn hingegen die komplette CD gut ist und auch als komplette CD (und nicht nur mit der Single als Repräsentant) promoted wird, denke ich dass sich viele Leute doch die CD kaufen würden.

autos_als_waffen_und_erde_als_gift
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19.03.2007 - 13:46 Uhr
autos_als_waffen_und_…

karrren: warum?

_gk
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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 14:56 Uhr
_gk

Mal ganz ehrlich, diese ganzen Beteuerungen nutzen nichts: Niemand kauft sich heute mehr CDs. Meine Schwester hat noch eine ganze Sammlung. Ich habe bisher insgesamt etwas mehr 30€ für Musik ausgegeben, wobei ich auch kein großes Interesse daran habe. Bei meinen Altersgenossen (~18) besitzt auch kaum wer noch CDs.

Dieses Konzept der Musikindustrie hat einfach ausgedient. In einer digitalen Welt kann ich nicht mit analogen Verkaufsmechanismen arbeiten. Das muss scheitern. Und da Alternativen entweder miserabel sind (wer bezahlt für ein Lied knapp 1€, zumal es auch noch mit irgendwelchen repressiven Maßnahmen vollgestopft ist?) oder schlicht nicht existieren bzw. zu spät angeboten wurden, scheint die Entwicklung vorgezeichnet zu sein. Die einzigen, die jetzt noch im nennenswerten Maßstab CDs kaufen, das sind die, die damit noch etwas emotionales verbinden. In ein paar Jahren ist auch damit schluss.

Und ich finde die Entwicklung gut. Hier wurde schon Adorno angeführt; es ist pervers Musik industriell herzustellen. Der mangelnde CD-Verkauf hat insofern damit etwas zu tun, weil er mit Individualisierungstendenzen zusammenhängt. Heute kann ich mir bei Tonspion Musik herunterladen, bei Myspace nach neuer suchen und bei Youtube zugehörige Videos ansehen.

Das ist grandios, denn das bedeutet vor allem künsterlerische Freiheit, daneben aber auch Datenfreiheit, quasi die Kultur-Flat. Demnach kann man diese gräßlich niedrigen CD-Verkäufe nur gut finden: Sie sind die Vorboten der in ihrer Bedeutung dem Buchdruck ähnlichen Musikrevolution!

Labels haben sowieso in ihrer alten Form ausgedient.

[Klar, das hat auch negative Seiten (Leben aufgrund der Musik schwieriger möglich, ohne finanzielle Unterstützung durch ein Label Aufbau einer Band schwierig, wobei sich auch die Frage stellt, ob so ein Aufbau überhaupt notwendig ist) , die man im Übrigen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ausbügeln könnte]

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max-scharnigg

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.

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