18.03.2007 - 19:00 Uhr

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"Konzerte kann man nicht kopieren"

Text: max-scharnigg

Die Krise in der Plattenindustrie fängt an, eine ganze Szene zu bedrohen. Anfang dieses Jahres schrammte das Hamburger Vorzeige-Plattelabel „L’age D’or“ ganz knapp an einer Insolvenz vorbei, die Kollegen von „Grand Hotel van Cleef“ fahren einen strikten Sparkurs und werden ihre Aktivitäten stark einschränken. Das dritte Hamburger Indie-Label ist „tapete records“ – Mitgründer Gunther Buskies erklärt die Situation.


Das Gespräch gehört in die Reihe der Interviews auf der jetzt.de-Zeitungsseite zum Thema "Digitale Musik". Auf der Seite, die am Montag in der Süddeutschen Zeitung erscheint, kommt außer Gunther Buskies der Harvard-Professor Felix Oberholzer-Gee zu Wort, der die Wirkung von Tauschbörsen auf die Musikindustrie untersucht hat. Jochen Strube von der TU Darmstadt erklärt, warum 99 Cent für einen Song im Netz zu teuer sind und Till Kreutzer erklärt die rechtlichen Rahmenbedingungen der Musik im Netz.

Die Lage ist schlecht, gibt’s eine Lösung? Wir haben bei Tapete relativ früh das Booking unserer Bands übernommen, ein Schritt den auch das Grand Hotel und andere kleines Labels jetzt angehen.
Erklär’ das kurz. Es gibt drei Bereiche, mit denen man im Musikgeschäft Geld verdienen kann: Klassisch als Label mit verkauften Platten. Dann als Musikverlag, der Rechte besitzt und verdient, wenn zum Beispiel ein Lied im Radio gespielt wird. Und drittens als Booking-Agentur, die Konzerte für Bands vermittelt und Prozente von der Gage kriegt. Die letzten beiden sind recht risikoarm, als Booker musst du mehr oder weniger nur am Telefon sitzen und Konzerte klarmachen. Die Leute kaufen weniger Platten, gehen aber trotzdem noch zu Konzerten? Sie kaufen fast gar keine Platten mehr, der Großteil unserer Bands pendelt zwischen 300 und 3000 verkauften Platten. Aber die Konzerte sind voll. Wir wissen genau, wie wenige Platten in einer Stadt verkauft wurden und dann stehen da viermal so viele Menschen und singen jedes Lied mit, woher können sie das? Von gebrannten CDs? Ja. Ich habe früher auch LPs auf Kassetten kopiert, aber das war ein gewisser Aufwand und bei weitem nicht so einfach wie auf Knopfdruck zehn Kopien von einer Platte zu machen. Ein Konzert ist als Event aber eben nicht kopierbar. Das Problem von Musik ist heute einfach, dass sie im Gegensatz zu Turnschuhen digital reproduzierbar ist. Bei einem Indie-Label denkt man doch, die Leute würden Wert auf eine richtige Platte mit Cover und Booklet legen. Wir bekommen schon Zuspruch, die Leute kaufen die Platten in unserem Online-Store und schreiben, dass sie nicht den Media-Markt unterstützen möchten.Den großen Plattenfirmen brechen die Verkäufe ja noch schlimmer ein als uns, so eine Compilation wie Bravo-Hits verkauft heute sicherlich nur noch einen Bruchteil vonfrüher. Tapete hat viele kleine deutsche Bands unter Vertrag, wie rechnet sich das? Jede Band wird bei uns sehr realistisch kalkuliert, es gibt keine Versprechen, die nicht gehalten werden können, keine Riesendeals. Die Bands bekommen einen Vorschuss, um die Platte zu produzieren. Dann pressen wir eine realistische Auflage, sagen wir mal 2000 Platten. Davon werden manchmal nur 300 verkauft und wir sitzen auf dem Rest. Wir verlieren bei den meisten Veröffentlichungen Geld. Konzept war aber immer: Platten machen, die wir selber gerne hätten. Was kostet euch eine CD? Ein Euro pro Fertigung der CD mit Booklet, dann muss für jede gepresste Platte noch ein Euro an die GEMA bezahlt werden, dann noch Künstlerlizenzen, Vertriebskosten und Handelsmarge und unser Team im Label arbeitet einen Monat lang dafür. Porto ist auch ein großer Posten, über 20.000 Euro im Jahr – aber wir müssen ja Radios und DJ's bemustern um die Chance zu haben, einem Publikum bekannt zu werden. Man kann sich also ausrechnen, dass es ein risikoreiches Geschäft ist. Wenn es schlecht läuft, verlieren wir 5000 Euro pro Album. Eine der Bands die ihr aufgebaut habt ist Anajo, die mit ihrem neuen Album sogar in den Charts war - was bedeutet das? Fast nichts mehr. Man muss sich vorstellen, in die Single-Charts kann man mit unter 200 verkaufter Stückzahl pro Woche einsteigen. Mit 5000 verkauften Platten ist laut GFK schon Platz 10 der Albumcharts drin. Anajo waren Platz 51, die Verkäufe der ersten Woche waren ein wenig enttäuschend, wenn man bedenkt wie präsent die waren, wie gut das Album ist und wie wir vom Vorgänger verkauft haben. Hat das Prinzip „Platte“ ausgedient? Mein Partner Dirk Darmstaedter hat mal prophezeit, dass es bald dahin kommen wird, dass eine CD-Veröffentlichung nur noch wie eine Setcard für einen Schauspieler ist. Eine Berechtigung zum Touren. Mit dem reinen Tonträgergeschäft können heute weder die Firmen noch die Künstler ein Auskommen haben. Würden die Lieder nur in digitaler Form vorliegen, sparte das Label enorm an Produktionskosten. Grand Hotel auf Sparflamme, Lado nahezu fertig, wie geht's bei Tapete weiter? Weiterhin mit zwölf Platten im Jahr, aber nach fünf Jahren Selbstausbeutung schwinden Kraft und finanzielle Reserven. Immerhin: wir konnten unsere beiden Auszubildenden anstellen. Irgendwie geht’s, schlimmer ist die Frustration. Worüber? Dass alles nicht zählt, wir nicht vorkommen. Jeder drittklassige Buchautor wird heute in eine Talkshow eingeladen, die Filmkultur wird jedes Jahr mit Millionen subventioniert. Um die Popmusikkultur kümmert sich eigentlich niemand. Eine Stadt wie Hamburg hat in einer Marketingforschung herausgefunden, dass junge Menschen bundesweit vor allem an Musik denken, wenn sie Hamburg hören. Wir sind ein Imagegewinn, deswegen habe ich vorgeschlagen, dass die Stadt dafür unsere Portokosten übernimmt. Wurde abgelehnt.
Mehr zum Thema auf jetzt.de im Themenschwerpunkt Urheberrecht


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nauka
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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 22:49 Uhr
nauka

seine musik selbst an den mann zu bringen ist in der tat ein fulltime job. und die kosten, die herr buskies angeführt hat, hat man auch dann, wenn man es selbst herausbringt. ich frage mich, wie ein berliner rapper also in der lage ist, 15.000 scheiben zu verkaufen. das wären an die 30.000 euro produktionskosten im vorfeld, nur für die pressung, das cover und dann noch die gema, von der man wahrscheinlich nie mehr was sehen wird. ein namhafter vertrieb verlangt eine mindestauflage von 3.000 cd's. wenn man möchte, dass das ganze noch beworben und beim händler plaziert wird, kostet das noch mal extra. das ist mit einem hohen finanziellen risiko verbunden, denn das man die 3.000 verkauft, ist fraglich. das geld muss man erstmal haben. als freiberuflicher musiker kann man froh sein, wenn man von der bank überhaupt eine ec-karte kriegt, geschweige denn einen kredit, um ein projekt zu finanzieren. ohne eigenkapital geht also erstmal nichts. man kann natürlich viel selber basteln und versuchen, eine kleinstauflage bei konzerten zu verkaufen, aber leben kann man davon nicht. und selbst wenn man eine webseite mit einem shop einrichtet, das kostet ebenfalls geld und viel viel zeit. wenn man jemand findet, der gewillt ist, sich um den ganzen organisationskram zu kümmern, damit man sich auf's musikmachen konzentrieren kann, will der ja auch bezahlt sein. und der steuerberater, den man braucht, weil man ja mehrwertsteuer einnimmt und einkommenssteuerpflichtig ist, kostet auch noch mal an die 700 euro. wenn man sich an einen verlag bindet, um einen vorschuss für die produktion zu kriegen, ist man auf jahre auf gedeih und verderb an diesen gebunden, bis der vorschuss durch gema-einnahmen gedeckt ist, was vielleicht nie der fall sein wird.

wenn ich dann also sowas lese wie 'musiker, kriegt euren arsch hoch und macht es einfach selbst' schwillt mir echt der kamm. das macht sich nicht mal eben so mit einem fingerschnipps.

partoftheproblem
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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 23:32 Uhr
partoftheproblem

@MPC 60
Mag sein, daß die Punchline irgendwo im Text etwas verschwamm. Ursprünglich habe ich auch auf etwas völlig anderes gepostet. Nur schafft man es fast reflexartig mit Aussagen wie: "Das ist doch nur das Geseier von der juten alten Zeit.", meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Denn solche Sätze decken solch absolut hohle Lobpreisungen von youtube/myspace. Wenn diese Angebote genutz würden, um in irgendeinem Entscheidungs- oder Auswahlprozess mal zu einem Ergebnis zu kommen, könnte ich deren Existenz klaglos akzeptieren. Allerdings scheint der überwiegende Nutzen dieser Angebote darin zu bestehen, Videos und Songs von minderwertiger Qualität zu sammeln, nur um damit die Festplatten in Jugendzimmern und Flashspeichern auf Handys zu füllen. Versteh mich hier nicht falsch: Ich will niemandem vorschreiben, was er zu tun hat. Von mir aus können sich die Leute den Kram Terrabyteweise auf ihre PCs schaufeln, aber bitte nicht diesen Scheiß so darstellen, als sei er die logische Fortführung oder gar die Lösung der Krise in der Musikindustrie. Dazu bedarf es einiges mehr. Wie gesagt, es gibt genug Bands, die genau wissen, warum sie noch bei Labels sind, obwohl das eine oder andere Bandmitglied u.U. technisch mehr drauf hat, als sein Ansprechpartner beim Label. Und, bei dem Weg: Ich werde richtig pissed, wenn man den Leuten, die durch ihre Arbeit verdammt vielen Leuten die eine oder andere schöne Stunde beschert haben, nicht ein Mindestmaß an Respekt erweist (siehe Lado) sondern hämisch dabeisteht und ihnen bescheinigt, daß sie ausgedient haben. Unter dem Deckmäntelchen des Popdiskurs locker aus der Hüfte schießen ist so verdammt einfach.

gometh
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Mag ich Mag ich nicht

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20.03.2007 - 12:23 Uhr
gometh

@gk.
Ich stimme Dir,was das bedingungslose Einkommen betrifft, zu: Das wäre eine gute Möglichkeit, eine Kultur-Flat zu finanzieren - und zwar für die, die Kultur produzieren.
Nachdem ich mein ganzens (Erwachsenes-)Leben komplett der Musik gewidmet habe, sehe ich allerdings, daß durch den durch was für ein Geschafel auch immer schöngeredeten gigantischen Diebstahl das heute praktisch unmöglich wird. Wie darauf reagieren? Das was man meint, selbst zu brauchen ebenfalls klauen? Umsonst wohnen? Mit Waffengewalt einkaufen? Wenn Leute wie Du ernsthaft meinen, Musik zu machen und davon leben zu wollen sei "pervers" (vor allem, wenn man wie Adorno finanziell unabhängig ist - übrigens, ganz so vereinfachen sollte man Adorno bitte dann auch nicht! Seine Aussage geht dann doch in eine andere Richtung, als die von Dir mßbräuchlich verwendete Anststiftung zum Massendiebstahl), dann ist das ganz simpel Ausdruck eines völlig kulturlosen, durchgedrehten Zeitgeistes (und "der" Zeitgeist läßt vieles normal erscheinen, wovon kommende Generationen sich mit Grausen abwenden - das sollte auch Dir klar sein), der mir und mit mir einer kompletten Schicht die Lebensgrundlage entzieht. Da stehe ich manchmal wirklich kurz davor, gewalttätig zu werden.
Daß die Musikindustrie speziell von Seiten der großen Konzerne viele z.T. unverzeihliche Fehler gemacht wurde, ok.! aber warum muß ich als Musiker dafür bluten?
Denkt erst mal gründlich nach, bevor Ihr solch einen Schwachsinn ins Netz stelt, von wegen künstlerischer Freiheit, die Frage nach der Notwendigkeit eine Band aufzubauen- und schiebt nicht solche wohlfeilen Alibi-man-könnteSollte hinterher!

gomez

diegrenzendesgutengeschmacks
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Mag ich Mag ich nicht

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20.03.2007 - 16:08 Uhr
diegrenzendesgutenges…

jetzte hab ich doch ein gutes gewissen, dass ich ncizht dazu bei trage, klar brenne ich mir hin und wieder cds, gerade wenn auf einmal wieder soo viele neue kommen, aber ich gehöre wirklich noch zu denen, die die dann wirklich nachkaufen. und gerade bei solchen "indie" bands, tue ich das meistens auf konzerten. vorrausgesetzt, es gibt nen merch stand, das ist mir bei the horror the horror in berlin aufgefallen, da gab es leider keinen stand, dabei wollte ich mir noch zusätzlich das album in form einer cd holen. hmm aber das beim mediamarkt oder saturn zu kaufen, hmm irgendwie nee das geht nicht. also beim nächsten mal bitte merch!

MPC60
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Mag ich Mag ich nicht

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20.03.2007 - 18:05 Uhr
MPC60

Zum teildesproblems:
Nun ja, dass die meisten Konsumenten keinen Geschmack haben, was ihr Konsumgut betrifft, dass ist unzweifelhaft, aber das ist nunmal das Kreuz der Musik im Vergleich zu anderen konstruktiven Künsten, weil ihrer Omnipräsenz (und die ist durchaus selbstverschuldet, denn wo kann man denn noch hingehen, was kann man anschauen, ohne dass man mit organisierten Schallereignissen vollgeballert wird) sie gleichzeitig vom hohen Sockel der Besonderheit, des HOLY-SHIT!-Erlebnisses, herunterhebt. Letztens hörte ich im Radio "Fergalicious" von der-einen-da-wie-hieß-sie-noch, dachte "Geilomat" und kaufte das Album. Und was bekam ich? Beliebigkeit, Verarsche und ein mit Sicherheit miserables Album. Ich gebe viel mehr Geld für Musik aus, als es eigentlich gut für mich ist, aber in solchen Momenten frage ich mich, ob es denn wirklich notwendig ist, dass es soviel Musik gibt. Dass "Fergalicious" aus der Major-Kosmos stammt, ändert nichts an der Tatsache, dass das auch für die kleinen Labels gilt: Es gibt ZUVIEL Musik. Wenn ich Alben um Singels herumbaue, muss ich mich nicht wundern, wenn die Leute nur die Single haben wollen (und diese aus dem Netz ziehen, was ja locker flockig geht) und den Rest links liegen lassen. Letzten Endes ist es das Konzept der Single, dass die Musik tötet. Früher haben die Leute vermehrt 7"s gekauft, weil das billiger war. Wenn sie damals nichts dafür hätten bezahlen müssen, hätten sie auch nichts dafür bezahlt.
Es kann doch nicht so schwer sein, den grundsätzlich geizigen Geist einer kapitalistischen Gesellschaft anzuerkennen. Warum reagieren die Plattenfirmen so langsam darauf? Sollen sie doch keine CDs und LPs mehr pressen und die Musik für kleines Geld häppchenweise (mit DRM-Verfahren vor unerlaubter Vervielfältigung geschützt) übers Netz verticken. Wenn die Leute dann noch Silberlinge und Vinyl haben wollen, werden sie schon danach schreien. Interpreten, Produzenten und Vertriebe sollen endlich von ihrem buhu-*schluchts*-früher-war-alles-besser-Ross runterkommen und ihr Geschick selbst in die Hand nehmen, sonst sind sie ratzfatz weg vom Fenster.
Was den Respekt betrifft: Ich denke, ich habe Labels wie L'age D'or und Harvest und wie der ganze Scheiß noch heißt genug Respekt erwiesen, in dem ich ihnen monatlich immer wieder Euro nach Euro in den Rachen werfe. Ich finde es richtig, dass ein Künstler für sein Werk auch entlohnt wird, aber gleichzeitig sehe ich nicht ein, dass ich vor ihnen auf Knien herumrutschen muss und ihnen die Füße küsse, dafür, dass sie einfach nur Musik machen. Ich kenne viele Leute, die an der Musik, die ich mache auch Freude haben und erwarte von ihnen nicht, dass sie mich wie einen Gott behandeln.

partoftheproblem
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Mag ich Mag ich nicht

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20.03.2007 - 21:44 Uhr
partoftheproblem

Auch wenn wir vielleicht nicht in allen Punkten d'accord gehen, bin ich doch einigermaßen überrascht, daß Du tatsächlich noch in die Singlefalle tappst. Wenn man schon die Vorzüge der Entwicklungen so toll findet, sollte man doch den offensichtlichsten aller Punkte begriffen haben. Eben das man die Möglichkeit hat, sich lediglich die Songs eines Albums zu besorgen, die man gut findet. Ist ja auch völlig legitim. Wenn 85% eines Albums Grütze sind, bezahle ich halt nur für die 15%, die taugen. Bands, die es nicht auf Albumlänge schaffen, einen irgendwie zu packen, haben es vermutlich auch nicht besser verdient. Aber trotzdem erhält der Künstler doch hier noch wenigstens seinen Lohn, völlig unerheblich, ob es ihn reich macht, oder er sich wenigstens damit die Amp-Reparatur leisten kann. Wie an anderer Stelle schon erwähnt, ich habe nichts gegen diese Entwicklungen. Wir stecken mittendrin, sie sind irreversibel und letzendlich sicher auch zu etwas gut. Ich kann nur überhaupt nicht nachvollziehen, wie Menschen allen Ernstes die Jagd nach irgendwelche Snippets und Videos von 10x8 cm als Ersatz für einen Albumkauf ansehen können. Und auch noch der Meinung sind, daß sie dieses Spiel bis in alle Ewigkeit weiterspielen können, weil diejenigen, die diese Sachen kostenlos zur Verfügung stellen, nicht irgendwann schnallen, das es zwecklos ist. Vielleicht verpenne ich hier gerade einen Paradigmenwechsel, aber Sinn z.B. eines Videorecorders (sic!) ist doch nicht, Werbung aufzuzeichnen. Wer es in einem Posting als Triumph der Künstlerischen Freiheit feiert, auf Tonspion Singles runterladen zu können, hat den Sinn dieser Plattform zu 0,0% begriffen. Die sind da, weil Bands / Labels mittlerweile begriffen haben, das man einen Teaser braucht, um die eigene Musik auch VERKAUFEN zu können. Ich weiß auch, daß ich das nicht Dir erklären muß, aber offenbar genug anderen. Nur daß sich 99,99% der Zielgruppe wahrscheinlich nicht in diesem Forum rumtreiben. Ich habe auch kein Problem damit den "grundsätzlich geizigen Geist einer Gesellschaft" anzuerkennen, wenn diese Gesellschaft zumindest fair genug bleibt, einen kleinen Obulus zu zahlen. Und ich kann in letzter Konsequenz nicht anerkennen, daß das Bedürfnis zu sparen, es rechtfertigen soll, sich Dinge einfach zu klauen. Denn das bleibt das (illegale) Downloaden von Musik/Filmen/etc... trotz aller Fehler der Industrie in der Vergangenheit und Gegenwart immer noch: Diebstahl. Punkt. Nicht diskutierbar.
Ich muß Dir aber sicher nicht erklären, daß ich unter Respekt nicht verstehe, irgendwen zu vergöttern, nur weil er Musik macht. Die Musiker, die ich kenne, würden sich totlachen, würde man ihnen so gegenübertreten. Aber den Abgesang eines verdienten Indielabels mit "Gottseisgetrommelt" zu kommentieren, ist schlechter Stil. Ob man deren Veröffentlichungen mag oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Letzten Endes haben aber die Betreiber in ihrem Leben (vermutlich) mehr auf die Kette gekriegt als man selbst. Auch wenn sie gerade pleite gehen. Und jemandem, der gerade 'ne richtig schlechte Zeit hat, solche Sprüche mitzugeben, nur weil man mit Tocotronic oder Robocop Kraus nix anfangen kann, sollte unter unserem Niveau bleiben.

Hager
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Mag ich Mag ich nicht

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27.03.2007 - 16:41 Uhr
Hager

Das Problem ist doch so einfach - die meisten Indie-Labels nennen sich Indie, versuchen aber so zu sein wie Majors (manchmal unbewusst) - man muss hier nur ein paar Sachen aus den Artikeln und Beiträgen gegeneinander auswerten:
a) 300 verkaufte CDs - das verkauft jede DIY-Band - 5 Musiker müssen nur allen 60 Freunden so ne CD aufs Auge drücken - wenn man bei nem Label ne Band hat, die nicht mal 300 CDs verkaufen kann, muss man sich fragen, wer sowas dann signed - das hat garnix mit Pop, Kunst oder Kommerz zu tun ...
b) Wenn der Vertrieb unter 3000er Auflage garnicht arbeiten will, ist die Frage, warum man dann damit in den Vertrieb geht - für 300 CDs brauchts keinen Vertrieb - warum also machen es die Indies? Genau, weil sie wieder so arbeiten wie die bösen Majors, wenn auch unbewusst - die meisten Indie-Labels hängen nämlich an Majorvertriebswegen - eine Farce eigentlich - und in den jetzigen Zeiten kein Wettbewerbsvorteil ...
c) Im Artikel werden von 20.000 Euro für Porto gelabert - und zeitgleich von 12 CD-Veröffentlichungen im Jahr - demnach hat jede CD ein Promo-Bemusterungs-Budget von 1666,- für Porto - selbst bei angenommenen 1,45 Euro pro Paket (Infopost ist aber billiger) sind das ca. 1150 CD-Pakete - an wen schicken die denn das? vielleicht sollte man da mal Geld einsparen, bei für Indie relevanten 60-70 Radiosendern und 150 Magezinen plus sonstiges - da kann man ja 2/3 von dem Portobudget direkt einsparen, mal von den damit nicht gerechneten CDs die in so nem Paket auch stecken, die ja auch nen flotten Euro in der Herstellung verschlungen haben werden ...
4. Den schwarzen Peter an den Konsumenten zu schieben war noch nie gut - man muss sich immer an der eigenen Nase packen und sagen: wie kann ich arbeiten, damit's sich rechnet - für mich, für die Band und den Konsumenten ... und da ist weder 16,- Euro für nen Tonträger noch 10 Euro für ein Downloadalbum oder 99 Cent pro Song gerechtfertigt - und was macht der Indie - er macht trotzdem mit - Indieplatten sind im Laden teurer als Majorplatten, und bei iTunes gammeln sie zu den gleichen Preisen wie die hochdotierten Majors rum - sucht der Indie eine Alternative? Nein - also ist er auch nicht besser als der böse Major - im Gegenteil, er ist schlechter, weil der Major genug Kapital hat, um einen Flop zu verkraften - ein Indie label ist bereits mit einem Flop am Existensminimum ... zwingt ja niemanden, ein Indielabel aufzumachen - wenn man das aber macht, hilft schimpfen nix, sondern sich seiner Lage bewusst sein, damit umgehen, und das beste draus machen ...
Zugegeben - Indies kommen auf Ideen - z.B. Social Networking - also myspace - geil, da promoten wir musik, und das kostet nichts - anfangs belächelt, inzwischen hat sich dort die normalität des musikmarktes eingestellt, denn o wunder - die majors sitzen auch hier wieder - und wo der Indie stolz auf seine 5000 views ist, kommt der Major und hat 200.000 - was macht der Indie? nix, er glaubt weiterhin an das Märchen, dass die Arctic Monkeys durch MySpace gross geworden sind und nicht durch Majorbudgets (als die rauskamen, prangten in ganz England soviel Plakate, dass man damit wohl 2x um den Mond gekommen wäre) ... er glaubt weiterhin, dass myspace-views etc. relevant sind für ihn oder mehr noch, dass das eine Indie-Plattform ist - genau, deswegen kriegen ja die Majorbands dort extrawürste und haben automatische friend-adder oder mehr als 4 Songs im Profil ;-)
5. Die Indielabels schimpfen soviel auf Musikmarkt und Majors und merken dabei selbst nicht, dass sie selbst viel schlimmer sind - aber in der "Indiementalität" wird vieles mit der Rosa-Pop-Brille gesehen - erst merkt man nicht, dass man genauso arbeitet, wie sein schlimmster Feind - dann macht man aber noch den 2. Fehler und meint, sich dem Kommerz verschließen zu müssen - und Majorstruktur ohne Kapital geht halt nicht ... man setzt sich in den Majorvertrieb, deren Außendienst grad mal dafür sorgt, dass die CD von irgendwelchen Shops geordert wird und im Regal vergammelt, weil groß beworben wird ja nicht, weil die 2 CDs, die der Laden davon verkauft, interessieren ja nicht ...
Die ganze Indielabel-Szene ist sowas von selbst schuld - ich weiß das, ich hab ein Indielabel, ich komm damit über die Runden und habe wenig Mitleid mit Labelmitstreitern, die vor lauter Selbstgefälligkeit nicht merken, wie falsch sie eigentlich arbeiten ... aber bei Labels wie bei Bands gilt: Niemand zwingt irgendwen, in diese Branche zu gehen ... aber wer scheitert, kann das nicht auf die Branche schieben ... sonst gäbe es ja gar keine Labels oder Bands mehr - es gibt halt wie in vielen Bereichen einfach Leute, die meinen ohne Arbeit und ohne Ahnung erfolgreich zu sein ... und das gibt's halt nicht - denn auf Erfolg kannst Du nicht hinarbeiten, Erfolg kannst Du nur verhindern - und die meisten Bands und Labels die ich kenne (und das sind viel zu viele) stehen sich schlichtweg selbst im Weg rum ...

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