18.03.2007 - 19:00 Uhr

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Zukunftsmusik: "99 Cent für einen Song sind einfach zu teuer"

Text: dirk-vongehlen

Jochen Strube erforscht an der TU Darmstadt, wie wir in fünf Jahren online Musik kaufen werden. Der Diplom-Kaufmann arbeitet am Lehrstuhl von Prof. Peter Buxmann in dem Projekt „Zukunftsmusik“.

Dieses Gespräch gehört in die Reihe der Interviews auf der jetzt.de-Zeitungsseite zum Thema "Digitale Musik". Auf der Seite, die am Montag in der Süddeutschen Zeitung erscheint, kommen außerdem zu Wort: der Rechtsanwalt Till Kreutzer, der erklärt, was man rechtlich darf und was nicht, Felix Oberholzer-Gee, der die Wirkung von Tauschbörsen auf die Musikindustrie untersucht hat sowie Gunther Buskies von tapete-records, der den Weg beschreibt, den sein Label gehen wird.

Was macht Zukunftsmusik? Unser Forschungsprojekt beschäftigt sich damit, Geschäftsmodelle für die Musikindustrie zu finden und Geschäftmodelle, die momentan angewendet werden, zu bewerten. Da gibt es durch die Digitalisierung einen großen Wandel. Es zeigt sich, dass die Musikindustrie versucht, das zu übertragen – von der CD hin zu Online-Angeboten. Das haut aber alles nicht so ganz hin.
Gibt es denn überhaupt ein Geschäftsmodell für die Musikindustrie im Internet? Unserer Meinung nach auf jeden Fall. Im Grunde genommen ist das aber gar nicht die Frage. Die Industrie muss reagieren. Wenn man sich nämlich das digitale Geschäft im Internet entgehen lässt, hat man das Problem mit den Raubkopien natürlich weiterhin und viel stärker. Da diese auf jeden Fall über das Netz vertrieben werden. Wie beurteilen Sie die Angebote, die es bereits gibt? Man hat mittlerweile eine hohe Akzeptanz erreicht. Wir haben gerade eine große Umfrage durchgeführt und da hat sich gezeigt, dass doch sehr viele der Befragten, die Services nutzen. Die Kunden nehmen die Angebote an, aber es ist noch nicht so, dass die breite Masse die Online-Stores nutzt. Was müsste sich ändern, damit noch mehr Menschen online Musik kaufen? Aktuell ist das so genannten Digital Rights Management (DRM) das Haupthindernis. Wir haben ganz konkret die Frage gestellt: „Wieviel wären Sie bereit für Musik zu zahlen, wenn diese nicht durch digitalen Kopierschutz beschränkt wäre?“ Und dabei sind sehr deutliche Zahlen rausgekommen: Für einen Download von einem Lieblingskünstler waren lediglich sieben Prozent der Befragten bereit, die derzeit gängigen 99 Cent für einen DRM-Download zu bezahlen. Wenn man allerdings das DRM weglassen würde, sind es gleich 80 Prozent, die bereit sind, zu dem Preis zu kaufen. Das heißt DRM blockiert den Erfolg von Musikläden im Netz? Durch den Verzicht auf DRM würde man auf jeden Fall eine große Hemmschwelle abbauen. Denn die Konsumenten haben eine große Abneigung gegen das DRM. Was auch verständlich ist, denn DRM ist etwas, was man aus der physischen Welt so nicht kennt. Deshalb denken sich viele: Warum soll ich für Musik bezahlen, die ich nicht so einsetzen kann, wie ich will. Die Musikindustrie sagt, DRM sei notwendig, weil sonst ihre Geschäftsgrundlage verloren gehen würde. Man kann die Sichtweise natürlich verstehen. Die Musikindustrie hat sehr schlechte Erfahrungen mit dem Internet gemacht. Die Frage ist nur, ob dieser Weg effizient ist. Denn obwohl es DRM gibt, geht die Nutzung von Tauschbörsen nur leicht zurück. Das liegt aber weniger an dem Rechtemanagement als daran, dass die Nutzung von Tauschbörsen erschwert wird. Wenn die Musikindustrie auf DRM beharrt, könnte sie dem Kunden aber vielleicht im Preis entgegen kommen. Mit der Preissetzung haben wir uns sehr ausführlich beschäftigt. Dabei haben wir festgestellt, dass man viel mehr Kunden erreichen könnte, wenn man mit dem Preis runtergeht. Können Sie konkrete Zahlen nennen? Das basiert auf sehr groben Kostenschätzungen und nur einem ausgewählten Sample unserer Forschungen, aber mit diesen Einschränkungen muss ich sagen, dass Preise zwischen 50 und 60 Cent erfolgversprechender erscheinen als die derzeit gängigen 99 Cent pro Song. Das heißt man kann konkret sagen: die aktuellen Angebote sind zu teuer? Ja, die derzeitig gängigen 99 Cent sind zu teuer. Das hat sich bisher bei allen Studien, die wir gemacht haben, bestätigt. Zu teuer dafür, dass die Dateien mit DRM versehen sind. Gäbe es Alternative zu diesem Modell? Eine Variante, die wir untersucht haben, ist das so genannte Watermarking. Dabei wird der Download mit einem digitalen Fingerabdruck versehen. Wenn ich den Song gekauft habe, ist da meine Kundennummer drin. Dadurch ergibt sich keinerlei Nutzungseinschränkung. Ich kann die Musik also brennen, ich kann sie privat unter meinen Freunden verbreiten. Wenn der Song aber in einer Tauschbörse auftaucht, ist nachverfolgbar: Wer hat es hier eingestellt? Und dann könnte man entsprechende rechtliche Schritte gegen die Person einleiten. Wie reagieren die Nutzer darauf? Unserer Meinung nach wäre das eine gute Alternative. Natürlich sind die Menschen am ehesten bereit für komplett ungeschützte Musik zu zahlen. Aber auch beim Watermarking sind die Konsumenten in deutlich höherer Anzahl bereit, Songs online zu kaufen als beim DRM-Modell. Wenn Sie mal in die Zukunft schauen: Wie werden wir in zwei bis fünf Jahren Musik online kaufen können? Ich denke es wird hauptsächlich beim Einzeldownload bleiben und bei den so genannten Abo-Modellen bleiben. Die einzige Veränderung zu heute könnte sein, dass zukünftig mehr Alben online verkauft werden. Das ist derzeit noch ein großer Gegensatz: physisch werden quasi nur Alben gekauft, digital machen aber vor allem die Einzeldownloads den Umsatz. Das wird die spannende Frage sein, ob es der Musikindustrie gelingt – vielleicht über bessere Preismodelle - für höhere Akzeptanz auch beim Alben-Download zu sorgen. Welche Rolle spielt die DRM-Frage dabei? Meine persönliche Einschätzung ist: es wird noch eine Weile dauern, aber die Musikindustrie wird eigentlich kaum noch eine andere Wahl haben, als auf DRM zu verzichten. Weil es doch sehr deutlich geworden ist, dass die Konsumenten sich sehr stark dagegen auflehnen. Jetzt geht es nur darum, dass es sich ein erster Anbieter findet, der es schafft, das ganze DRM-frei anzubieten.
Mehr über die Arbeit von Jochen Strube unter zukunftsmusik.net, mehr zum Thema im Themenschwerpunkt Urheberrecht auf jetzt.de


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spaetabends
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18.03.2007 - 19:49 Uhr
spaetabends

"Die Industrie (lat. industria - Betriebsamkeit, Fleiß) bezeichnet den Teil der Wirtschaft, der gekennzeichnet ist durch die Produktion von Ökonomischen Gütern in Fabriken und Anlagen, verbunden mit einem hohen Grad an Mechanisierung und Automatisierung - im Gegensatz zur handwerklichen Produktionsform." (aus Wikipedia)
Wer hat eigentlich den Begriff Musikindustrie erfunden? Von Produktion kann da ja wohl keine Rede sein.

natenido
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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 21:14 Uhr
natenido

Dass Watermarking derzeit noch größere Akzeptanz bei den Umfragen hat, liegt vermutlich nur daran, dass die meisten Nutzer sich nicht klar machen, welches Risiko ihnen die Musikindustrie durch so etwas aufbürdet.

Man muss sich einmal folgenden Fall vorstellen, der absolut alltäglich werden könnte, wenn Watermarking üblich wird: Jemand, der sich treu an die Gesetze hält und niemals eine Tauschbörse benutzt, kauft ein wasserzeichen-geschütztes Lied, hört es ein paar Mal an, freut sich daran und vergisst es. Zwei drei Jahre später hat er ein Einschreiben eines Musikindustrie-Anwalts im Briefkasten, oder ein paar Kriminalbeamte stellen ihm die Wohnung auf den Kopf und nehmen seinen PC für ein paar Monate mit. Warum? Weil derjenige irgendwann einem ehemaligen Mitbewohner ein paar Songs kopiert hat, und dieser (oder der Freund der Kusine seines Arbeitskollegen) sie in eine Tauschbörse eingestellt hat - verfolgt wird nicht der Filesharer, sondern der ehrliche Käufer. Denn mit dem Wasserzeichen ist eben nicht nachverfolgbar, wer die Datei eingestellt hat, sondern wer sie ursprünglich gekauft hat.

So etwas stellt auch die ideale Möglichkeit, sich an einem Ex-Freund/einer Ex-Freundin zu rächen: Einfach dafür sorgen, dass die wasserzeichenmarkierten Stücke der Lieblingslieder-CD, die man von ihm/ihr in glücklicheren Zeiten bekomen hat, in einer Tauschbörse landen, und die Anwälte der Musikindustrie werden kostenfrei tätig, um sein/ihr Leben zu ruinieren.

Wenn man seinen MP3-Player mal irgendwo liegen lässt, dann muss man sich normalerweise bloß ein neues Gerät kaufen (vorausgesetzt, man hat die Songs auch auf der Festplatte). Wenn der Player aber mit Watermarking-Dateien gefüllt war, dass ist es so, als hätte man einen Sack mit hunderten von Kreditkarten verloren - für jeden einzelnen Song kann man Abmahnungen kassieren, deren Kosten hunderte bis tausende Euro betragen.

PeterFetsch
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18.03.2007 - 21:31 Uhr
PeterFetsch

George orwell lässt Grüßen. Genauso gehts mit den RIFT Chips in Waren usw. Wehret den Anfängen.

Gent
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18.03.2007 - 22:01 Uhr
Gent

Mal sehen:
Ein Track kostet heute mit DRM 99 ¢ent - entweder AAC oder WMA-codiertes DRM. Weitergabe- und Wiedergabekontrolliert - ne, beschränkt.
Eine CD mit - sagen wir mal - 12 Tracks kostet neu - hmmm - 15,95? €uro. Digital und "unkomprimiert". Mit Booklet und Plastikabfall.
Eine Schallplatte mit ebenso 12 Stücken (hieß damals ja noch so) kostete damals 19,95 Mark. Analog. Mit großem Pappbild, extra Papier drinne und sonst auch viel Pappe.

Irgendjemand hatte mitten der 80er mal versprochen: "wenn die CD sich etabliert hat, wird die auch billiger hergestellt werden können und die Preise sinken."

Ersteres ja, zweiteres nö. Muss ja auch viel mehr Werbung gemacht werden heute. Könnte sein, daß auch 'ne Schallplatte mittlerweile 16 €uro teuerungsratig angepasst kosten täten würde. Aber ne, die kosten eh wie immer 19,95 - oder mehr. €uro wohlgemerkt. Stellt ja keiner mehr her, ist teurer.

Ach, wißt ihr was? Kapitalismus ist doch scheiße. Solange Menschen anderen Menschen in der U-Bahn 50 ¢ent für Musik in einer Stationsentfernung Dauer in die Hand drücken, findet hier die wahre Wertschöpfung statt. Ganz ohne Musikindustrie und Gema - obwohl: warum hören die eigentlich nicht mit und greifen auch da noch ab?

Irgendwann wird auch mal Denken verboten, weil's etwas ist, was jemand anderes schon gedacht hat und er deswegen daran ein Urheberrecht besitzt. Also Vorsicht mit laut denken.

Hab mich in der Polemik vergallopiert. Egal. 99 Cent sind mir zu teuer. 60 Cent auch. Da höre ich dann lieber Radio oder meine Schallplatten. Die, die mal 19,95 Mark gekostet haben. CDs hätten eh nicht solange gehalten, die haben ja ein eingebautes Verfallsdatum...

- herrje, jetzt geht der Hengst schon wieder mit mir durch...

spaetabends
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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 22:22 Uhr
spaetabends

Der Kapitalismus geht auch schon im Kleinen los: am Sonntag sind mir in der Stadt Straßenmusiker begegnet. Die haben sich neben die Stühle vor einem Cafe gestellt und ein Lied gespielt. Während des zweiten ist einer mit dem Becher rumgegangen, danach sind sie zum nächsten Cafe gezogen. Man haben die Geldgeber dumm geguckt :D

o0johannes0o
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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 22:32 Uhr
o0johannes0o

@spaetabends

das mit der "industrie" kommt glaube ich daher, dass es im englischen kein richtiges wort für "branche" oder "geschäftszweig" gibt. also nennen anglophone einfach alles "inustry". das hat sich dann, besonders bei neueren branchen, auf den deutschen sprachgebrauch übertragen. ein indirekter anglizismus sozusagen.

hinzu kommt noch, dass es sich irgendwie intelektuell und cool anhört, man kann sozusagen das gnadenlos dahinfegende, massenhaft automatisierte der produktion einfangen. adorno spricht z.B. von "kulturindustrie". aber der war ja auch in amerika.

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 23:43 Uhr
soylentyellow

Noch faszinierender ist ja, dass z.B. ein itunes Song in den USA nur 99US-cent kostet, also 76,15 Euro-cent und damit wesentlich billiger it.

Trotzdem kann man ihn als Nich-Amerikaner nicht kaufen, obwohl es das gleiche Lied ist und der geographische Standort des Kunden bei digitalen Gütern irrelevant ist.

Noch mehr ärgern wird dies aber die Briten, denn die bezahlen 79 pence pr Lied, also 1,19€ und damit über 50% mehr als die Amis. Komisch, oder?

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Mag ich Mag ich nicht

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18.03.2007 - 23:54 Uhr
soylentyellow

Noch viel faszinierender ist allerdings, dass jedesmal wenn ich bei MediaMarkt oder ähnlichem bin ist die CD-Abteilung rappellvoll bis obenhin.

Ich frage mich immer, wer kauft denn diese ganzen teuren CDs wo doch angeblich die ganze Welt ihre Musik nur noch illegal herunterlädt.
---
Wenn ich noch einmal die Milchmädchenrechnung sehe dass durch Raupkopien ein Schaden von xyTrillionen Euro entstanden sein soll, dann rate ich denen die diese Ammenmärchen verbreiten noch einmal zurück in die Wirtschaftsvorlesung zu gehen.

Besonders auch den Journalisten die alle Zahlen einfach nur ungeprüft übernehmen ohne auch nur einmal nachzudenken.

Nehmen wir an Max Musterraupkopierer kopiert sich das neueste Britney Spears Album von seinem Freund. Ist der Musikindustrie dann wirklich ein Schaden von 18Euro entstanden?

Nein, denn Max Musterraubkopierer ist zwar bereit 17 cent für eine Blanko-CD auszugeben um Britney Spears zu hören aber nie im Leben 18 Euro weil er Britney Spears (oder die Kelly Family oder Tokyo Hotel oder ...) sooo toll auch wieder nicht findet...

vern
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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 01:32 Uhr
vern

ich kaufe mittlerweile sehr viel im i-tunes store. das drm nervt wirklich. wenn ich mir fürs auto nen sampler brenne, ein paar meiner momentanen lieblingssongs draufbrenne, das auch mehrmals, dann kann ich irgendwann mir keine komplette cd eines artisten brennen, denn mein lieblingssong ist dann vielleicht schon 7mal kopiert. das ist doof. ohne drm wäre ein preis pro song von 99cent durchaus okay, so ist er zu hoch.
ausserdem gehöre ich der wohl seltenen spezies von alben-online-käufern an.

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Mag ich Mag ich nicht

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19.03.2007 - 01:38 Uhr
vern

das mit dem watermarking sehe ich auch als extrem bedenklich. damit kommt auch die musikindustrie nicht durch.

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dirk-vongehlen

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