Zukunftsmusik: "99 Cent für einen Song sind einfach zu teuer"
Jochen Strube erforscht an der TU Darmstadt, wie wir in fünf Jahren online Musik kaufen werden. Der Diplom-Kaufmann arbeitet am Lehrstuhl von Prof. Peter Buxmann in dem Projekt „Zukunftsmusik“.
Dieses Gespräch gehört in die Reihe der Interviews auf der jetzt.de-Zeitungsseite zum Thema "Digitale Musik". Auf der Seite, die am Montag in der Süddeutschen Zeitung erscheint, kommen außerdem zu Wort: der Rechtsanwalt Till Kreutzer, der erklärt, was man rechtlich darf und was nicht, Felix Oberholzer-Gee, der die Wirkung von Tauschbörsen auf die Musikindustrie untersucht hat sowie Gunther Buskies von tapete-records, der den Weg beschreibt, den sein Label gehen wird.


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Man muss sich einmal folgenden Fall vorstellen, der absolut alltäglich werden könnte, wenn Watermarking üblich wird: Jemand, der sich treu an die Gesetze hält und niemals eine Tauschbörse benutzt, kauft ein wasserzeichen-geschütztes Lied, hört es ein paar Mal an, freut sich daran und vergisst es. Zwei drei Jahre später hat er ein Einschreiben eines Musikindustrie-Anwalts im Briefkasten, oder ein paar Kriminalbeamte stellen ihm die Wohnung auf den Kopf und nehmen seinen PC für ein paar Monate mit. Warum? Weil derjenige irgendwann einem ehemaligen Mitbewohner ein paar Songs kopiert hat, und dieser (oder der Freund der Kusine seines Arbeitskollegen) sie in eine Tauschbörse eingestellt hat - verfolgt wird nicht der Filesharer, sondern der ehrliche Käufer. Denn mit dem Wasserzeichen ist eben nicht nachverfolgbar, wer die Datei eingestellt hat, sondern wer sie ursprünglich gekauft hat.
So etwas stellt auch die ideale Möglichkeit, sich an einem Ex-Freund/einer Ex-Freundin zu rächen: Einfach dafür sorgen, dass die wasserzeichenmarkierten Stücke der Lieblingslieder-CD, die man von ihm/ihr in glücklicheren Zeiten bekomen hat, in einer Tauschbörse landen, und die Anwälte der Musikindustrie werden kostenfrei tätig, um sein/ihr Leben zu ruinieren.
Wenn man seinen MP3-Player mal irgendwo liegen lässt, dann muss man sich normalerweise bloß ein neues Gerät kaufen (vorausgesetzt, man hat die Songs auch auf der Festplatte). Wenn der Player aber mit Watermarking-Dateien gefüllt war, dass ist es so, als hätte man einen Sack mit hunderten von Kreditkarten verloren - für jeden einzelnen Song kann man Abmahnungen kassieren, deren Kosten hunderte bis tausende Euro betragen.
Ein Track kostet heute mit DRM 99 ¢ent - entweder AAC oder WMA-codiertes DRM. Weitergabe- und Wiedergabekontrolliert - ne, beschränkt.
Eine CD mit - sagen wir mal - 12 Tracks kostet neu - hmmm - 15,95? €uro. Digital und "unkomprimiert". Mit Booklet und Plastikabfall.
Eine Schallplatte mit ebenso 12 Stücken (hieß damals ja noch so) kostete damals 19,95 Mark. Analog. Mit großem Pappbild, extra Papier drinne und sonst auch viel Pappe.
Irgendjemand hatte mitten der 80er mal versprochen: "wenn die CD sich etabliert hat, wird die auch billiger hergestellt werden können und die Preise sinken."
Ersteres ja, zweiteres nö. Muss ja auch viel mehr Werbung gemacht werden heute. Könnte sein, daß auch 'ne Schallplatte mittlerweile 16 €uro teuerungsratig angepasst kosten täten würde. Aber ne, die kosten eh wie immer 19,95 - oder mehr. €uro wohlgemerkt. Stellt ja keiner mehr her, ist teurer.
Ach, wißt ihr was? Kapitalismus ist doch scheiße. Solange Menschen anderen Menschen in der U-Bahn 50 ¢ent für Musik in einer Stationsentfernung Dauer in die Hand drücken, findet hier die wahre Wertschöpfung statt. Ganz ohne Musikindustrie und Gema - obwohl: warum hören die eigentlich nicht mit und greifen auch da noch ab?
Irgendwann wird auch mal Denken verboten, weil's etwas ist, was jemand anderes schon gedacht hat und er deswegen daran ein Urheberrecht besitzt. Also Vorsicht mit laut denken.
Hab mich in der Polemik vergallopiert. Egal. 99 Cent sind mir zu teuer. 60 Cent auch. Da höre ich dann lieber Radio oder meine Schallplatten. Die, die mal 19,95 Mark gekostet haben. CDs hätten eh nicht solange gehalten, die haben ja ein eingebautes Verfallsdatum...
- herrje, jetzt geht der Hengst schon wieder mit mir durch...
das mit der "industrie" kommt glaube ich daher, dass es im englischen kein richtiges wort für "branche" oder "geschäftszweig" gibt. also nennen anglophone einfach alles "inustry". das hat sich dann, besonders bei neueren branchen, auf den deutschen sprachgebrauch übertragen. ein indirekter anglizismus sozusagen.
hinzu kommt noch, dass es sich irgendwie intelektuell und cool anhört, man kann sozusagen das gnadenlos dahinfegende, massenhaft automatisierte der produktion einfangen. adorno spricht z.B. von "kulturindustrie". aber der war ja auch in amerika.
Trotzdem kann man ihn als Nich-Amerikaner nicht kaufen, obwohl es das gleiche Lied ist und der geographische Standort des Kunden bei digitalen Gütern irrelevant ist.
Noch mehr ärgern wird dies aber die Briten, denn die bezahlen 79 pence pr Lied, also 1,19€ und damit über 50% mehr als die Amis. Komisch, oder?
18.03.2007 - 23:54 Uhr
soylentyellow
Ich frage mich immer, wer kauft denn diese ganzen teuren CDs wo doch angeblich die ganze Welt ihre Musik nur noch illegal herunterlädt.
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Wenn ich noch einmal die Milchmädchenrechnung sehe dass durch Raupkopien ein Schaden von xyTrillionen Euro entstanden sein soll, dann rate ich denen die diese Ammenmärchen verbreiten noch einmal zurück in die Wirtschaftsvorlesung zu gehen.
Besonders auch den Journalisten die alle Zahlen einfach nur ungeprüft übernehmen ohne auch nur einmal nachzudenken.
Nehmen wir an Max Musterraupkopierer kopiert sich das neueste Britney Spears Album von seinem Freund. Ist der Musikindustrie dann wirklich ein Schaden von 18Euro entstanden?
Nein, denn Max Musterraubkopierer ist zwar bereit 17 cent für eine Blanko-CD auszugeben um Britney Spears zu hören aber nie im Leben 18 Euro weil er Britney Spears (oder die Kelly Family oder Tokyo Hotel oder ...) sooo toll auch wieder nicht findet...
ausserdem gehöre ich der wohl seltenen spezies von alben-online-käufern an.
19.03.2007 - 01:38 Uhr
vern
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18.03.2007 - 19:49 Uhr
spaetabends
Wer hat eigentlich den Begriff Musikindustrie erfunden? Von Produktion kann da ja wohl keine Rede sein.