09.03.2007 - 12:58 Uhr

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Vergiss Mein Nicht

Text: absurda

Sie hieß Michi, das erste Mädchen das ich liebte und das mir das Herz aus der Brust riss. Eigentlich hatte sie nichts Besonderes an sich: braune Haare, braune Augen, eine knollige Nase. Diese Nase war vielleicht doch ein wenig bemerkenswert, aber dafür hasste Michi sie sogar in ihrer Jugend. Sie hätte lieber eine solche wie Julia Roberts gehabt und träumte heimlich von einer Schönheitsoperation. Zu der Zeit, als unsere Freundschaft entstand, interessierten wir uns beide aber sehr wenig für Nasen und Schauspielerinnen. Wir waren Nachbarinnen, Schulanfängerinnen, beide im stolzen Alter von sechs Jahren. Unsere Zuneigung wuchs auf dem Schulweg, denn den bestritten wir immer gemeinsam. Dort war es auch, wo sie mich fragte, ob ich ihre beste Freundin sein wolle; und wo wir uns schworen, es für immer zu bleiben. Mit den Jahren, die im Takt der Volksschule vergingen, banden wir uns immer stärker an einander. Wenn Michi eine Ohrfeige verpasst bekam und ihr vor Wut die Tränen in die Augen schossen glühte auch ich vor Zorn. Unser Spielzeug teilten wir großzügig; manchmal lachten wir bis uns die Bäuche weh taten und manchmal heulten wir uns die Augen aus. Wir teilten Geheimnisse, Sorgen, Freuden. Eines Tages, es war Hochsommer und wir lungerten faul in meinem Zimmer herum, erzählte sie mir etwas Seltsames. Sie hätte geblutet, sagte sie. „Hast du dir wehgetan?“ fragte ich zurück. „Nein, nein, du weißt schon, dort wo die Frauen bluten, jeden Monat.“ Es war der letzte Sommer, den wir zusammen verbrachten, der letzte Tag, an dem sich Michi auf mein Bett warf und meine Sachen durchstöberte. Es war das letzte Zeugnis uneingeschränkten Vertrauens. Kurz danach änderte sich alles. Wir wurden unterschiedlichen Klassen zugeteilt, knüpften neue Kontakte und trennten unsere Leben, die schon fast in einander zerschmolzen gewesen waren, letztendlich wieder von einander. Warum, das weiß ich nicht so genau, und auch nicht, weshalb Michi plötzlich etwas sehr Gemeines tat. Sie begann, meine intimsten Ängste, Sorgen und Missgeschicke, die sie bis ins Detail kannte, vor den gierigen Augen ihrer Mitschüler auszubreiten. Es ist eigentlich eine uralte Geschichte: Schon in der Nibelungensage wird die geliebte Kriemhild zur einzig gefährlichen Feindin, da nur sie die Stelle kennt, an welcher der Held verletzlich ist. Genauso kannte Michi das verwundbare Fleckchen meines Herzens und verriet es, woraufhin wir zu unerbittlichen Feindinnen wurden. So stark unsere Liebe gewesen war, so gewaltig wurde auch der Hass, den wir für einander empfanden. Nach drei Jahren setzte ich zum Rückzug an, wechselte die Schule, begann noch mal von vorne. Hin und wieder erfuhr ich doch noch etwas von Michis Leben: Mit vierzehn hatte sie eine Menge Freundinnen, viele Verehrer, schlechte Schulnoten aber aufregende Erlebnisse. Mit fünfzehn wurde sie schwanger, mit sechzehn gebar sie eine kleine Tochter. Mit siebzehn arbeitete sie im Laden ihrer Eltern. Mit achtzehn ging sie in die Abendschule, um irgendwann die Matura nachzuholen. An dem Tag, an dem sie starb, war ich gerade damit beschäftigt die Wände einer Wiener Altbauwohnung anzustreichen, um mein Studentenbudget aufzubessern. Es war Oktober, die Kastanien kullerten schon auf der Straße herum, und dicker Nebel lag über Wien. Es war kurz vor ihrem neunzehnten Geburtstag. „Du, die Michi ist gestorben.“ sagte meine Mutter am Telefon. In der Sekunde wäre ich fast von der Leiter gefallen, auf die ich gerade gekraxelt war. „Mit dem Auto gegen einen Baum, heute früh.“ fuhr meine Mutter fort. „Vielleicht auch Selbstmord, man weiß es noch nicht so genau.“ Ich ging nicht auf ihr Begräbnis. Ein paar Jahre später musste ich zufällig am Friedhof vorbei und entdeckte ihr Grab. Es war mit bunten Blumen bepflanzt; ein Holzkreuz, ein Passfoto, ein Grablicht. Das ganze wirkte ein wenig chaotisch, wie es auch Michi stets gewesen war. In der Mitte entdeckte ich eine Vergiss-mein-Nicht-Pflanze und erinnerte mich in diesem Augenblick, dass dies ihre Lieblingsblumen gewesen waren. Ich sah die Vergangenheit noch mal vor mir: Wie wir sie zusammen pflückten, lachten, spazieren gingen. Und mir war, als hätte mir Michi mit ihrem Leben nur eines sagen wollen: „Vergiss mein nicht“.


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Leben_leben_lassen
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Mag ich Mag ich nicht

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09.03.2007 - 13:40 Uhr
Leben_leben_lassen

traurig, aber schön geschrieben... *

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ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

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