„Nicht einmal die Träume gehören dir noch“: Das Tagebuch der Helga Deen
Text: roland-schulz
Die 18-jährige Helga Deen wurde 1943 im KZ Sobibór ermordet. Heute, am 23. April, erscheint in Deutschland ihr Tagebuch, das an die Aufzeichnungen der Anne Frank erinnert. Ein Vorabdruck.
Als der holländische Künstler Kees van den Berg stirbt, entdeckt sein Sohn Conrad im Atelier des Vaters eine braune Damenhandtasche. Darin befinden sich Briefe, Postkarten, eine Haarlocke sowie ein Füllfederhalter – und ein gebrauchtes Schreibheft. Auf dem grau-grünen Umschlag steht die Aufschrift „Chemie H. Deen“.
Der Inhalt der Handtasche erweist sich als Sensation: Das Schulheft, das Kees van den Berg jahrzehntelang aufbewahrt hatte, enthält das Tagebuch seiner großen Jugendliebe – Helga Deen, 18 Jahre alt, 1943 von den Nazis im Vernichtungslager Sobibór ermordet.
Die Schülerin aus Tilburg war am 1. Juni 1943 in das Konzentrationslager Vught gebracht worden. Dort gelingt es ihr, einen Monat lang ihre Gedanken und Erlebnisse im Lager festzuhalten. Eindrücklich beschreibt Helga Deen ihre Gefühle von Ohnmacht, Verzweiflung, des Kampfes und der Sehnsucht – für ihren Freund Kees. Der letzte Eintrag datiert vom 1. Juli 1943. Einen Tag später wird Helga Deen in das Durchgangslager Westerbork und von dort nach Sobibór deportiert, wo sie am 16. Juli ermordet wird. Freunde hatten es zuvor geschafft, ihr Tagebuch aus dem Lager Vught zu schmuggeln.
Die Entdeckung des Tagebuchs im Herbst 2004 erregte großes Aufsehen; Helge Deen wurde als „zweite Anne Frank“ bezeichnet. Am Dienstag erscheinen ihre Aufzeichnungen und Briefe aus dem Lager in Holland als Buch.
jetzt.de druckt hier exklusiv Auszüge aus dem Tagebuch der Helga Deen.
2. Juni.
Nachher werden wir entlaust. Wir sitzen noch immer in derselben Baracke und dürfen nicht raus. Ach, draußen ist es so schön, so schön. Heute Nacht habe ich dann doch ganz oben geschlafen. Eine gewaltige Kletterpartie, dafür angenehm und luftig. Wunderbar geschlafen. Um 4 Uhr war ich wach. Hinter dunklen Bäumen riesige blaugraue Wolkengetüme, darüber meergrünes Seegras, in dem still und stark ein Stern glänzte.
Da musste ich an gestern Nacht denken, als wir so friedlich und glücklich nebeneinanderlagen und zum Himmel sahen, und an vorgestern Nacht, als du dich, wach geworden, über mich gebeugt und etwas sehr Liebes gesagt hast. Es kam mir vor wie eine zärtliche Berührung, aber ist wohl nicht ganz bei mir angekommen, weil ich immer noch schlaftrunken in deinen Armen lag. Gerade habe ich deine Briefe gelesen, deine lieben Briefe, die mich dir in den Augenblicken der Leere so nah werden sein lassen.
Freitag, 4. Juni.
Mein Gott, was sind das hier für fürchterliche Zustände. Es gibt so viel zu schreiben, es passiert so viel, dass ich die Hälfte vergesse. Du, nachher weiter, ich muss sehen, dass ich mir Arbeit besorge.
6. Juni.
Ein Transport. Das ist zu viel. Ich bin am Boden, und morgen schon wieder. Aber ich will, will, denn wenn mein Glück und Wille stirbt, sterbe ich auch. Das vergisst man nie mehr.
12. Juni.
Ich fühle mich todunglücklich. Die ganze Zeit bin ich froh und mutig gewesen, obwohl schreckliche, üble Sachen passiert sind, so viel, dass man es gar nicht aufschreiben kann. Wir kriegen viel zu wenig Schlaf und ich bin so entsetzlich müde und manchmal staut sich dann alles auf. (...)
Tag für Tag sehen wir die Freiheit hinter Stacheldraht. Es gibt auch einen Pfad, der mit Sträuchern und Birken gesäumt ist, und ganz in der Ferne, wo er endet, ein Kornfeld. Ich wünsche mir oft, dass du das findest und ich dich am Abend sehen würde. (...)
Gott, jetzt fühle ich mich wieder besser, wo ich ein bisschen geschrieben habe, und meine gute Laune kehrt zurück. Ich muss das wirklich öfter tun.
Denkst du heute trotzdem mehr als sonst an mich?
Pfingsten 13. Juni – 1943
Heute Pfingsten. Ich bin mit einem Sonntagsgefühl wach geworden. Wir mussten erst um 8 Uhr zum Appell antreten. Die Sonne hat mich wach gekitzelt, und jetzt sitze ich draußen auf der Böschung, nachdem ich vorher im Krankenhaus noch kurz die Böden gewischt habe. Greet und ich haben im Testament etwas über das Pfingstfest gelesen. (...)
Ach, dass immer ein Zweifel in mir bleibt. Und ich bin so eitel. Das ist wahrscheinlich mein größter Fehler, den ich auch erst in den letzten Monaten entdeckt habe. Es kostet mich sehr große Mühe, darüber zu schreiben, auch weil ich eitel bin und so gerne vollkommen wäre. Aber das ist niemand. Ich fürchte mich manchmal vor mir selbst, ich fürchte, dass ich immer das Gute will und das nur aus Eitelkeit. Um von mir selbst sagen zu können, was warst du wieder gut. Manchmal will ich es aber auch wirklich, vielleicht sogar immer. Ich weiß nicht, ich werde einfach nicht klug aus mir.
Vielleicht wird dich dieses Tagebuch ja enttäuschen, weil du auf Fakten hoffst, aber sie nicht findest. Vielleicht bist du aber auch froh, dass du hier nur mich findest, Kampf, Zweifel, Verzweiflung, Verlangen und Leere. Und wenn es wirklich ein Tagebuch ist, etwas von meinem Denken und Fühlen, ist das ja auch viel wichtiger.