01.03.2007 - 19:00 Uhr

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Fall für Zwei: Die American Apparel-Werbung

Text: christina-waechter

Gestern wurde der LEAD-Award vergeben. Das ist die wichtigste Auszeichnung für Werbung und Gestaltung. Eine Werbe-Kampagne, die zwar nominiert, aber nicht ausgezeichnet wurde, ist die von American Apparel. Und die ist nicht okay. Oder? Ein Fall für Zwei

Ach was. Mit einem Handstreich kann ich die Optik der American-Apparel-Fotos doch genau anders auslegen: Im Gegensatz zu einem hochgepitchten, retuschierten, Gisele-Bündchen-räkelt-sich –am-Strand-der-Perfektion- Bild, das euch hundertmal öfter vorgehalten wird und deswegen hundertmal mehr bedrängt (So Schlank, so nackt, so perfekt musst du sein!) sind die AA-Fotos doch wie die AA-Shirts: recht natürlich und lebensnah. Klar geht es da um Sex und die Posen sind obszön (so sehr ja eigentlich auch nicht), aber hey: Die Mädchen, die ich da sehe, machen auf mich einen extrem selbstbewussten Eindruck, zeigen ungeniert ihre Achselhaare und ihre blauen Flecke und haben im Gegensatz zu Frl. Bündchen eine recht deutliche Botschaft: Ich will nicht künstlich sein. Sie sehen nicht aus wie Opfer des Sexismus, eher wie Anhänger - aber das schickt sich für Mädchen nur im Ehebett, oder was hast du gesagt? Du hast ein Problem mit Dov Charney. Vermutlich ist er ein Idiot, ich weiß es nicht. Vermutlich haben aber auch alle Mädchen ein Problem mit älteren Männern, sobald die zugeben, dass sie nach wie vor Interesse an Sexualität haben. Schmieriger Typ, sagt ihr dann und fürchtet, dass er euch über den Atlantik an den Po greift.
Mir ist das egal. Ich finde die Optik der AA-Modefotos, in der übrigens genau so oft Jungs obszön anzusehen sind, Aufsehen erregend und interessanter als vieles von der Konkurrenz. Aber ich habe auch Wolfgang Tillmans- und Jürgen Teller-Bildbände daheim auf meinem sexistischen Coffetable liegen und mag die extrem sexistischen Bilder von Klimt und Schiele. Mir gefällt die Corporate Identity von American Apparel mehr als ihre T-Shirts, weil sich das stark reduzierte, saubere Layout mit der schmutzigen Trash-Ästhetik so aufregend mischt und weil die Kunst anerkannter Fotografen wie Terry Richardson gewürdigt wird. Es ist in diesem Fall mehr als nur der öffentliche Auftritt einer Firma, es gehört zum stilprägenden Kulturgut einer Generation (wie einst (stark sexistische) Afri-Cola-Spots) und wird vermutlich deswegen auch prämiert und, falls noch nicht geschehen, in ein paar Jahren ins MoMa aufgenommen. Dann kannst du mit einem Schild vor dem Museum protestieren. Das Verdienst von American Apparel ist es doch, ein absolut dröges Gutmenschen-Thema wie politisch korrekte Mode sexy zu machen - deswegen finde ich in diesem Fall einen erotischen Kontext ihrer Werbung angebrachter als bei Kaffee, Autos, Margarine-Aufstrich etc. Aber bitte, es geht auch anders: Das deutsche Pendant zu American Apparel ist die Firma trigema, die mit einem geschleckten Patriarchen als Firmenchef und einem echten Affen für ihre Hemden wirbt. Das ist Ästhetik, wie sie dir unverdächtig scheint. Oder höre ich da ein leichtes Raunen von der Tierschutz-Lobby? fabian-fuchs
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