Sie gefallen mir: Wie sich Kai für eine Ausbildung entscheidet
Text: peter-wagner
Toll: Wir können heute alles und dürfen alles mit unserem Leben machen, wir sind die Generation Option. Wenn nur das Entscheiden nicht so schwierig wäre.
Auf jetzt.de gibt es die Rubrik Entschieden. Dort erzählen Menschen vom Entscheiden, wie sie sich entschieden haben, wie das Entscheiden ihr Leben verändert hat. Nach einem Klick auf das Label „Entschieden“ tauchen alle bisherigen Folgen auf.
Heute beschreibt Kai Friedrich, wie er sich zwischen Ausbildung und Studium entschied. Aufgezeichnet hat den Text Christine Demmer. Wir haben ihn der Schule&Job-Beilage der Süddeutschen Zeitung entnommen.
Seit er 13 ist, weiß Kai Friedrich, was er nach der Schule machen will: irgendwas mit Computern. Jetzt ist er 19 und in der zwölften Klasse. Im Sommer hat er sein Fachabitur - dann kann er eine Lehre oder ein Studium beginnen. Oder beides gleichzeitig. Protokoll einer Entscheidungsfindung
9. Dezember 2006. An manchen Fachhochschulen muss man sich schon Monate vorm Start bewerben, hab' ich heute gehört. Wenn das stimmt, muss ich mich ja in den nächsten Wochen entscheiden, ob ich überhaupt studieren will! Aktuell habe ich keine Lust. Die Schule nervt. Die Vorstellung, noch ewig kein Geld zu verdienen, ist uncool. Lust auf den ganzen Bewerbungskram habe ich auch nicht. Und einen Ausbildungsplatz finde ich bestimmt. Glaub' ich jedenfalls.
14. Dezember 2006. Die Frage, was ich denn nach der Schule machen will, ist zur Zeit der Dauerbrenner. Weiß ich das etwa?! Ist ja erst nächstes Jahr. Vorher stehen noch die Ferien (geil) und anschließend ein Praktikum in der IT eines Industrieunternehmens in Wiesbaden an. Das hat mir mein Vater vermittelt. Der möchte gerne, dass ich eine Lehre mache. "Du kannst danach immer noch studieren", sagt er, "das fällt dir dann sicher leichter." Von meinen Freunden höre ich mal dies, mal das. Hannes will auf jeden Fall studieren, Tommy eher nicht, der schraubt lieber an seinem Moped als am PC. Uli will auch studieren, bei denen liegt das in der Familie. "Mit einem Studium kriegst du später die besseren Jobs als mit einer Lehre", sagt er immer. Mein Cousin hat gerade seine Stelle verloren - Firma pleite. Und der ist Ingenieur. Was soll's also?
9. Januar 2007. Die Schule läuft momentan richtig klasse. Sogar in Mathe, meinem Zitterfach, blicke ich jetzt durch. Unser Lehrer in Programmierung erzählte gestern was über das Informatik-Studium. Die ersten vier Semester müssen voll die Härte sein. Unheimlich viel Theorie, vor allem Mathe, Elektronik, Programmierung, Datenbanken rauf und runter. "Wenn ihr glaubt, ihr könntet an der FH stundenlang am PC spielen und im Netz rumsurfen, dann irrt ihr euch aber gewaltig", sagt er. Deshalb will ich doch lieber eine Ausbildung machen. Das ist etwas Handfestes, man verdient ganz gut und muss nur vier Tage im Betrieb arbeiten. Ein Tag pro Woche ist Berufsschule. Außerdem wird man als angehender Fachinformatiker schon nach ein paar Wochen an die Hardware herangelassen. Dieser Beruf gefällt mir am besten, darüber steht viel im Internet. Schadet also nichts, wenn ich mich mal nach Ausbildungsplätzen umgucke und ein paar Bewerbungen losschicke. Probehalber.
Hm. Ausbildung oder Studium? Kai entscheidet sich gegen den Hörsaal. Erstmal. (Foto: dpa)
2. Februar 2007. Wenn meine Ausbildung so wird wie das Praktikum, das ich bis gestern gemacht habe, dann Prost Mahlzeit! Ich durfte eine volle Woche PC-Festplatten formatieren und die Rechner einrichten! Ganze 34 Stück! Das daaaauert. Rechner hoch, etwas eintippen, Rechner runter, Rechner wieder hoch, und dann Rechner konfigurieren. Und immer die blöde Wartezeit dazwischen. Zwei Azubis haben mitgemacht und berichtet, dass sie ganze neun Monate in der Hardware-Wartung gesessen und nur formatiert haben. Ich hab sie gefragt, wann denn die richtig spannenden Sachen auf dem Programm stehen, Administration von Netzwerken zum Beispiel. Das käme erst ganz am Ende, haben sie gesagt. Meistens würden das die Techniker und die Jung-Ingenieure machen, die ließen die Azubis ungern an die Maschinen ran. Das mit der Ausbildung muss ich doch noch mal überlegen.
7. Februar 2007. Ich habe mir jetzt mal die Webseiten von ein paar Fachhochschulen hier in der Gegend angeschaut. Also, bewerben muss man sich bei zweien erst im Frühjahr, bei den beiden anderen bis Ende Februar. Die führen mit den Bewerbern persönliche Auswahlgespräche und nehmen wohl längst nicht jeden. Mein Notenschnitt müsste eigentlich reichen. Okay, die Vier in Marktwirtschaft muss noch weg. Aber bald sind erst mal Osterferien. Ich warte lieber noch, bis ich klarer durchblicke.
8. Februar 2007. Dass man fürs Studieren kein Geld bekommt, ist hart. Wenn ich eine Ausbildung mache, sind jeden Monat 400 bis 500 Euro netto drin. Das ist für mich ein Haufen Geld. Okay, an der FH könnte ich Bafög beantragen, vielleicht kommt da was rüber. Aber die leihen einem das nur und wollen die Kohle später zurück, wenn ich verdiene. Hannes spuckt große Töne und sagt, ich solle mich nicht so anstellen. Gerade als IT-Student könne man ja viel nebenbei verdienen, PC-Wartung, Computer zusammenbauen und einrichten, abgestürzte Kisten wieder zum Laufen bringen. Ich möchte mal wissen, wo der solche Jobs sieht. Ich sehe die jedenfalls nicht. Und dann muss ich ja als Student auch meine Bücher selbst bezahlen. Oder haben die etwa für jeden eins in der Bücherei? Nach den Ferien gucke ich, ob es an der FH eine Beratungsstelle gibt und gehe da vorbei. Das kostet ja wohl nichts.
11. Februar 2007. Ich bin zum Vorstellungsgespräch eingeladen! Bei einem internationalen IT-Dienstleister!! Der dazu noch in Wiesbaden sitzt!!! Für Herbst gibt's da noch freie Ausbildungsplätze als Fachinformatiker - und ich könnte einen davon haben. Nächste Woche ist das Gespräch, ich bin gespannt. Vorher gehe ich noch zur Studienberatung der FH. Ich will meine Alternativen kennen.
13. Februar 2007. Interessant, was die über die Jobchancen der Diplom-Informatiker erzählen. Am besten wäre es, sagte mir einer der Tutoren, wenn man zwischendrin ein Semester ins Ausland geht. Die FH hilft dabei, eine Uni zu finden. Nur: Dann habe ich nicht nur die ganze Theorie auf dem Buckel, sondern muss auch noch was an meinem Englisch tun. Und BWL gibt's dazu, mindestens zwei Semester. Da muss ich dann wohl durch. Auch Ingenieure sollten nämlich etwas von Angebot und Nachfrage verstehen. Damit man nur was entwickelt, was sich später verkaufen lässt. Halten die uns etwa für blöd?!
16. Februar 2007. Fast zwei Stunden lang habe ich mit dem Ausbildungsleiter und dem Mann von der Personalabteilung gesprochen. Die nehmen sich echt Zeit für ihre Azubis, und herumgeführt wurde ich dann auch noch. Was die mir über die Ausbildung und die Berufschancen erzählt haben, klingt verlockend. Um die Theorie komme ich zwar auch da nicht herum, aber ich kann gleich bei einem Projekt mitarbeiten. Das gefällt mir. Das Gespräch endete damit, dass mir der Ausbilder die Hand schüttelte und sagte: "Sie gefallen mir. Wenn Sie wollen, dann wollen wir auch." Und ich will! Das Studium läuft ja nicht weg.
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21.03.2007 - 21:15 Uhr
SaraGoldmann