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Leben

| 25.02.2007 19:44  

Generation Option

Text: peter-wagner
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Ob im Beruf oder im Privaten: Die Vielfalt der Möglichkeiten macht uns verrückt. Aber wir können etwas dagegen tun
Oakland oder Olching? „Neu verlieben“ oder „endlich verloben“? Master oder Meister? Billigflug oder Billigzug? Vielleicht ist es die schwierigste Aufgabe, der sich unsere Generation gerade stellt: Wir kennen so viele Möglichkeiten der Lebensgestaltung wie keine Generation vor uns und müssen deshalb andauernd Entscheidungen treffen. Wir haben die Freiheit, unser Leben so zu gestalten und zusammen zu puzzeln, wie wir es für richtig halten. Das klingt ziemlich toll. Aber hat uns schon mal jemand gefragt, ob das auch toll ist?

jetzt.de rief vor vier Monaten gemeinsam mit einer Studentengruppe einen Essaywettbewerb ins Leben: „Macht Freiheit einsam?“ lautete die Preisfrage und bis zum Teilnahmeschluss Ende Januar tauchten im zugehörigen Mailfach hunderte von Einsendungen von Schülern, Studenten, jungen Berufstätigen und Arbeitslosen auf. Das Lesen der Beiträge ist wie ein Blick in unsere Köpfe und in die Köpfe all derer, die gern der Generation Praktikum zugeordnet werden.

Nahezu verlässlich kehren in jedem Essay die Worte „Option“ und „Entscheiden“ wieder. Die Autoren beschreiben, wie sie versuchen, die Bildungsangebote, die Freizeitangebote und auch die Beziehungsangebote zu filtern und in ihr Leben zu integrieren. Sie beschreiben ihr Grübeln (Zitat: „Wir zweifeln ständig, welche nun die richtige Abzweigung ist“) und welche Kunstfertigkeit es braucht, um sich – man kann ja nie wissen – alle Türen offen zu halten. „Warum sollte man sich festlegen, warum kostbare Wahlmöglichkeiten vernichten?“ schreibt einer.

Wohin? Weiß ich nicht

„Ich könnte“, „ich sollte“, der Konjunktiv ist unser bester Partner geworden. Der Soziologe Peter Gross schrieb vor 13 Jahren als einer der Ersten über die „Multioptionsgesellschaft“, das Buch erlebt gerade seine zehnte Auflage. „Die Möglichkeit“, schreibt Gross auf seiner Internetseite „ist des modernen Menschen liebste Wirklichkeit.“

Ein Student sieht sich in seinem Text dazu verdammt, das von den Eltern erkämpfte „Erbe Freiheit“ zu verwalten – und glaubt, dass wir dabei scheitern. „Am Telefon hängen Freunde, von Gefühlsausbrüchen geschüttelt, die gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen sollen. Dagegen steht die Familie, die sich mehr Entschlossenheit wünscht – wo die Freiheit doch schon mal gewonnen ist.“ Zwei Beiträge weiter erkennt eine Studentin nicht mehr den Zauber des Wählen-Könnens, sondern nur noch eine „Nichts-ist-unmöglich“-Ideologie.



"E" wie Entscheiden. (Foto und Bearbeitung: Marcus Holzmayr)

„Zu meiner Zeit“, sagt Petra Holler, Psychologin in Diensten des Studentenwerks München, „war das Studium wie ein Moratorium. Eine Zeit, in der man seine Persönlichkeit reifen lässt. Das vermisse ich.“ Holler sitzen Studenten gegenüber, die wirken, als seien sie in eine Art Durchlauferhitzer geraten. „Durch die Umstellung der Studiengänge hat das Studium eine ungeheure Ökonomisierung erlebt. Leistung steht an erster Stelle.“ So schustern wir heute marktgängige Lebensläufe mit Auslandsaufenthalten, Praktika und Zusatzqualifikationen. Wir kämpfen für die beste Ausgangsposition, um einmal – ja, um einmal was zu tun?

„Die Gespräche, die wir hier erleben sind schon fast skurril“, sagt Holger Habenicht. Er leitet in Hannover bei der Agentur für Arbeit das Team akademische Berufe und erlebt in den Beratungsgesprächen Menschen an der Schwelle. An der Schwelle von der Schule zum Studium und an der Schwelle von der Ausbildung zum Beruf.

Dabei fragt Habenicht seine Klienten: „Wohin soll ich Sie vermitteln?“ Und die Antwort lautet oft: „Weiß ich nicht.“ Viele verstehen ihre Ausbildung mehr als das Wahren denn als das Wahrnehmen von Möglichkeiten.

„Wir können zu den Leuten nicht mal sagen: Du musst folgende Schritte tun. Wir fangen in den Gesprächen ganz vorne an. Viele haben einfach kein Selbstbild.“ Ein Selbstbild haben, das würde bedeuten, dass wir unsere wahren Interessen kennen. Dass wir mehr als eine Ahnung davon haben, auf was wir uns wirklich konzentrieren wollen. Dann könnte Habenicht mit seinem „Matching“ beginnen und versuchen, unsere Wünsche mit der Wirklichkeit abzugleichen. Aber was, wenn auf der Frage nach einem Wunsch nur ein Schulterzucken folgt? In einem Essay wird Freiheit mit Speicherplatz verglichen. Als MP3-Player noch wenig Speicherplatz hatten, mussten wir die Lieder bewusst wählen, die wir aufspielen wollten. Als die Speicherplätze wuchsen, verschoben wir die Entscheidung darüber, was wir hören wollen komplett auf den Moment vor dem Abspielen. Lieber laden wir alle Alben auf den Player und halten damit, für alle Fälle, alle denkbaren Optionen offen.

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