19.02.2007 - 19:00 Uhr

0 18 Über Twitter weiterempfehlen

Expedition ins Bierreich: Ein Deutschlandführer

Text: eva-schulz

Angestrichen:
„In einem brandneuen Einkaufszentrum aus Glas, Stahl und buntem Kunststoff in Magdeburg musste ich feststellen, dass die Deutschen keine Vorstellung davon haben, wer sie eigentlich sind.“

Wo steht das denn: Im Vorwort von Eric T. Hansens neuem Buch „Planet Germany“, in dem der gebürtige Hawaiianer die typischsten, klischeehaftesten und verrücktesten Eigenschaften der Deutschen unter die Lupe nimmt. So heißen seine Kapitel zum Beispiel „Die Deutschen können zwar den VW-Käfer erfinden, aber keine lustigen Filme über ihn drehen“ oder „Die Deutschen sind Patrioten – und wissen es nicht“. Um diese Aussagen dingfest zu machen, hat er nicht nur umfassend recherchiert, sondern auch unzählige Beispiele gefunden, anhand derer sich der Deutsche schnell wiedererkennt. Warum zum Beispiel kann ein Amerikaner einen VW kaufen und sich immer noch als Amerikaner fühlen, während ein Deutscher sich für einen Verräter hält, kaum dass er in einen Cheeseburger beißt? Nicht zuletzt die ständigen Vergleiche mit den USA sorgen beim Lesen immer wieder für Überraschungen. Der Autor feuert eine verblüffende Tatsache nach der anderen ab, schlägt wild mit Zahlen um sich und behandelt ganz nebenbei einen Großteil der deutschen Geschichte – ohne, dass es je langweilig wird. Schuld daran sind der feine Humor und das Gespür für jene Dinge, die die Deutschen tatsächlich ausmachen. Letzteres eignete sich Hansen während der zwanzig Jahre an, die er hier inzwischen lebt. Als Mormonenmissionar schickte man ihn einst nach Deutschland. Trotz seines baldigen Austritts aus dieser Gemeinschaft blieb er. Lernte die Sprache, Winnetou und den Feierabend kennen (und lieben), und noch viele andere Dinge, derer sich die Deutschen bis heute gar nicht bewusst sind. Ein weiterer Grund dieses erfrischende Buch zu lesen! Da darf das ein oder andere Argument ruhig weit hergeholt und – ausgerechnet – das Nörgel-Kapitel irgendwie überflüssig sein. Dafür können wir in der nächsten Diskussion über Amerikanisierung und den Verlust der deutschen Seele zurückschlagen. Unseren Gegnern geben wir dieses Buch über ein Volk, das man nach dem Lesen endlich und völlig überzeugt sein eigenes nennen wird. Steht im Bücherregal zwischen: „My dear Krauts“ von Roger Boyes und „Wie wir Amerikaner wurden“ von Michael Rutschky – denn das hat Hansen immerhin dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben. Planet Germany – Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von Eric T. Hansen, 286 Seiten, 12,95 Euro ist im Fischer Taschenbuch Verlag erschienen.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
eva-schulz
Mehr Texte zum Label
Textmarker
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
18 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

ein_oxymoron
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.02.2007 - 01:24 Uhr
ein_oxymoron

air_kaviar 19.02.2007 | 22:05
endlich ein bill bryson für deutsche.

- na, hoffentlich nicht. zumindest nicht, wenn bryson von den englændern (darauf zielt der kommentar wohl ab) auch nur annæhernd so wenig ahnung hat wie von den deutschen, die er so gerne verbal mit scheisse beschmeisst.

der_neue_orhe
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.02.2007 - 12:12 Uhr
der_neue_orhe

ich hab ihn mal im fernsehen gesehen, da wollte er vor dem brandenburger tor leuten die deutsche fahne in die hand druecken. aber die deutschen haben das vor der kamera nicht gemacht. partout nicht. nur japaner oder mexikaner haben freudig das deutsche dingens geweht.

d-lebowski
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.02.2007 - 15:21 Uhr
d-lebowski

Die Deutschen sind nunmal empänglich für den Blick von außen auf ihre Kultur. Weil man eine Nation nicht vor den Spiegel stellen kann, um einen Eindruck seiner selbst zu gewinnen bedient man sich des Blickes anderer Nationen. Eric T. Hansens wohnt seit 20 Jahren in Deutschland und zählt damit als Kenner deutscher Gepflogenheiten, hat aber den Vorteil des "Unbefangenen", da gebürtiger Hawaiianer.

Wie jeder der in den Spiegel schaut, sehen manche das Positive, andere das Negative und mancher ist von dem Anblick enttäuscht.

oxy: Sieh es einfach so, die Deutschen gelten als die Amerikaner Europas. Wollen allen Nachbarländern erklären wie man CO2 einspart, Müll sortiert und Umweltpapier druckt. Wollen noch im Amazonas den Regenwald schützen nachdem sie die eigene grüne Lunge komplett gerodet haben. der Vorwurf, "dass es einigermassen typisch amerikanisch ist, andere völker belehren zu wollen, weil die ja keine ahnung haben." greift also einigermaßen kurz.

diedrossel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.02.2007 - 13:49 Uhr
diedrossel

ach, es ist schon immer extrem lustig, fremdsprachige reiseführer über die eigene stadt zu lesen. einer unserer gäste hat einen amerikanischen gay travelguide über berlin hier gelassen. schräg. einfach schräg.

d-lebowski
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.02.2007 - 13:51 Uhr
d-lebowski

Gay-cruising-guides sind auch im deutschen amüsant.
Da lernt man ganz neue Ecken an der Stadt kennen.

ein_oxymoron
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.02.2007 - 19:54 Uhr
ein_oxymoron

d-lebowski: dass die deutschen als amerikaner europas gelten, habe ich noch nie gehört. aber durch deine argumentation gibst du mir ja nur recht.

d-lebowski
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

21.02.2007 - 22:44 Uhr
d-lebowski

es war schon zu erwarten dass ein oxymoron keine tautologien durchschaut...

jensp
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

26.02.2007 - 17:34 Uhr
jensp

wenn man schon auf jetzt.de-werbeartikel reinfällt...



die flotte amipop-schreibe mal weggelassen kommt keine interessant-pointierte beschreibung der deutschen volksseele zustande, sondern ein rali-manifest, wie es in den eckpunkten der BDI-nicht besser hätte formulieren können.

die deutschen werden in diesem buch sowas von abgewatscht, dass ich dem guten herrn hansen wirklich ankreide, wie man sich nur so arrogant-überheblich über ein anderes volk auslassen kann.
im endeffekt werden die deutschen auf feindlichkeit gegenüber neuem, nörgeln und leistungsfeindlichkeit herunterdefiniert und des deutschen patriotismus findet sich laut autor nur im schlechtmachen der anderen.

dabei ist an allem der staat schuld, mal in form der regierung, aber vor allem in form des sozialstaates. die 70er jahre, die alt-68 und der spiegel werden verunglimpft aber am allerschlimmsten sind natürlich die sozialisten, die gewerkschaften und die überregulierung.

die flotte schreibe sorgt dabei dafür, dass das buch trotzdem halbwegs erträglich bleibt, auch wenn man sich am ende wirklich durch die gebetsmühlenartige "deutschland ist nur so schlecht wegen seines (sozial)staates"-thesen quälen muss, da diese irgendwann durch den sehr flachen, überspitzten humor, ähnlich wie bei "stupid white men", nicht mehr überdeckt werden können.

so lässt sich mit viel freudlichkeit dieser autor gerade noch so zu einem michael moore des ralitums emporheben, dessen pointen genauso schnell die luft ausgeht, wie seinem linken gegenüber.

alles in allem keine neuen erkenntnisse über uns aus sicht eines unbeteiligten, sondern nur ein ewig wiedergekautes thema in kurzweilige us-pop-schreibe gehüllt.



...fällt einem hinterher auf, dass der abgeschriebene buchdeckel bei jetzt.de einen völlig falschen eindruck vermittelt und der redakteur das buch faktisch nicht gelesen haben kann und nur einen pressetext abgepinnt hat.

und ja, nach der lektüre dieses buches nennt man sein volk wirklich innig sein eigen, denn vor solch platter kritik möchte sogar ein deutscher unpatriot sein land schützen.

Zurück Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

eva-schulz offline

eva-schulz

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.

Eva Schulz