22.07.2002 - 12:37 Uhr

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Text: michax

25 Momente in der letzten Woche, die absolut lebenswert waren - Teil 2

Samstag morgen. Nach drei Stunden Schlaf weckt mich die unverschämt laute Kirchturmglocke. Aber leider hat sie recht: Es gibt noch viel zu tun. Ich mache den Vorhang auf und blicke in einen strahlend blauen Himmel. Gott ist jetzt-Leser. Der Genehmigungsbescheid des Ordnungsamt ist ungefähr so umfangreich wie ein jetzt-Magazin. Darin steht auch, daß wir 10 Ordner brauchen. Mit weißen Armbinden, auf denen in schwarzer Farbe „Ordner“ steht. Samstag 11:30 fehlen diese Binden noch. Ich taper los die Sendlinger Straße hoch. Ein Stoffladen. Eine ältere Verkäuferin präsentiert mir zahlreiche wunderschöne Stoffe. Ich erklär ihr, wofür der Stoff wirklich gebraucht wird. Sie holt einen preiswerten Stoff, schneidet ihn mir in der richtigen Größe 10 Mal zurecht und beim Kassieren setzt sie alles nochmal um einige Euro runter. „Viel Erfolg!“ Kiepenheuer und Witsch hat uns 200 Bücher geschenkt, deren Verkaufserlös wir für unsere Unkosten brauchen. Die Bücher hab ich am Samstag morgen im Kofferraum. Sie sollen ins Atomic, aber dort ist noch keiner, geht auch keiner ans Telefon. 12 Uhr - als Versammlungsleiter kann ich jetzt nicht mehr weg vom Sendlinger Tor. Danana steht mit einer Freundin vor mir und fragt, ob sie was tun können. Die beiden Mädels müssen mit zum Auto kommen und bekommen die viel zu großen Kartons hinten auf ihre Fahrräder draufgepackt, um sich mit ihnen zu Fuß auf den Weg zum Atomic zu machen. Aber anstatt über die Härte der Aufgabe zu murren, sagen sie nur, daß sie auch gerne den Verkauf im Atomic übernehmen. Mehr als 400 Euro bringt der uns am Ende ein. Es ist Samstag, halb eins. Die Bühne steht. Es fehlen nur die Demonstranten. Zwei Herren nähern sich mir, stellen sich als Polizisten vor. Ob ich der Versammlungsleiter sei. Das bin ich wohl. Freundliche Männer, schauen sich um. „Also eigentlich sollten sie ja da drüben stehen!“ Er zeigt auf die andere Seite des Platz. Auf der Skizze im Genehmigungsbescheid war tatsächlich dort eine Markierung, aber wir fanden es hier unter den Bäumen schöner. „Ja, und eigentlich haben Sie nur einen Info-Tisch genehmigt bekommen“, ergänzt er mit Blick auf die 4 x 2 Meter große Bühne. Mein Lächeln überdeckt nur mühsam die aufkommende Panik. Der Mann guckt seinen Kollegen an. „Na ja, aber sagen wir mal, das hier ist ein halt großer Info-Tisch. Viel Erfolg“ Und sie ziehen weiter. Es ist kurz vor eins. Auf dem Sendlinger Torplatz stehen zwar einige Helfer und viel Krempel, aber nur ein versprengtes Grüppchen von Demonstranten. Besorgte Blicke bei chandrahara und jazz. Wird es eine Riesenenttäuschung? Wie immer muß ich mich um irgendeinen technischen Kleinscheiß kümmern, stehe eine Weile mit dem Rücken zum Sendlinger Tor. Als ich mich gegen eins wieder umdrehe, ist der Platz voll. Samstag, 20. Juli - 13 Uhr am Sendlinger Torplatz. Ein paar hundert Leute sind zusammen gekommen. Die Sportfreunde Stiller dröhnen über den Lautsprecher. Kilian geht auf die Bühne. Unser Bettlakentransparent wird gehalten und er sprüht drauf. „Jetzt: wir“. Die Menge jubelt und krakelt. Ein verdammt gutes Gefühl! Während der Versammlung stehen die beiden Zivilpolizisten plötzlich wieder neben mir, bitten freundlich darum, den U-Bahn-Eingang frei zu halten. Ansonsten keinerlei Polizeipräsenz. Ich bin beeindruckt, kenne das durchaus anders. Dann schätzt der Beamte, daß so 400 Leute da sind. Er weiß, daß wir nur eine Woche Zeit zur Organisation hatten. „Da hab ich schon Veranstaltungen von großen Organisationen mit weit mehr Vorbereitungszeit gesehen, die nicht halb so erfolgreich waren. Respekt!“ Geringfügiges Problem nach Ende der Versammlung. Der Wagen, mit dem Achim und Moritz am Morgen die Bühne und die Technik aus Dachau geholt haben, muß sofort zu seinem Besitzer zurück, der ihn gleich verkaufen (!) will. Wildes Telefonieren von schottendomi hat zu dem Ergebnis geführt, daß es keine genügend große Mietwagen mehr gibt. Ein Aufruf am Schluß der Versammlung brachte nichts. Wir haben nur die Kombis von kilian und poncho, aber da geht auch nicht alles rein. Um acht muß das Zeug in Dachau sein. Wir lagern zwischen im Atomic, ich sitze angespannt an der Theke und grübel über die Problemlösung, sehe mich schon den Abend im Münchener Umland verbringen. Danielerk kommt zu mir, stellt fest, wie beschissen ich aussehe, und fragt, ob es noch etwas zu tun gibt. Ich erläutere des Transportproblem. Daniel: „Ich kümmer mich drum“. Und er macht es, fährt am Abend zusammen mit kilian und einem Lasttaxi nach Dachau. Mir fällt ein unglaublich großer Stein vom Herzen. Die Jungs sind meine Helden! „Slut“ und „Readymade“ spielen für uns im Atomic! Aber „Slut“ muß um vier gehen, weil sie in Ulm um sechs ein Konzert geben. Da „Readymade“ auf ihren Instrumenten spielt, wäre es also um vier vorbei mit der Live-Musik. Sollte man denken. Aber um 5 Uhr ruft die jetzt-Menge im Atomic nach dem Auftritt von Slut so lange nach einer Zugabe, bis die Jungs sich tatsächlich nochmal auf die Bühne stellen. „Eigentlich sollten wir schon lange in Ulm sein“, sagt der Frontmann lächelnd und legt los. Tut uns leid, Ulm! Es ist vollbracht. Versammlung und Konzert sind erfolgreich und ohne Pannen hinter uns gebracht. Die letzten Probleme geregelt. Wir haben uns in den Armen gelegen und gejubelt. Die Anspannung fällt langsam ab. Der Körper verlangt massiv nach Nahrung und Schlaf. Bis zur Wohnung schaffen wir es nicht. Wir legen uns an die Isarauen, lassen uns die Sonne auf den müden Körper scheinen und schauen in den blauen Himmel, bis die Augen zufallen. Das ist Glück. Am Abend gibt es die jetzt-Abschiedsparty der Redaktion. Wir haben gegessen, sind etwas fitter und sammeln uns im Umspannwerk. Die Stimmung schwankt. Der Tag wird gefeiert, das Ende von jetzt bedauert, heftig darüber diskutiert, mit welchen Alternativen es weiter gehen kann. Ein jetzt-Redaktionsmitglied nach dem anderen kommt mit strahlenden oder feuchten Augen zu uns und bedankt sich. Es hat allen wahnsinnig gut getan. Auch wenn wir sonst nichts erreicht hätten, wäre das alleine es schon wert gewesen. Auf dem Rückweg von München nehm ich baas und jazz mit nach Berlin. Jazz muß noch einen Zug von Berlin nach Hamburg bekommen. Der Tank ist kurz vor Berlin fast leer, aber wenn wir den 19.51 kriegen wollen, dann können wir jetzt nicht tanken. Wir brettern auf die Avus, stehen plötzlich im Stau. Ein endloser Stau, weil ein Teil der weiteren Autobahn gesperrt ist. Vorwärts nur im Schrittempo. Den Zug können wir vergessen. Der Benzinverbrauch im Stau ist unvorhergesehen groß: Die Anzeige der Kilometer, die ich noch fahren kann, sinkt alle hundert Meter um einen Kilometer. Das ist nicht fair! Kurz vor Null erreichen wir den Rasthof am Funkturm – wo allerdings die Tankstelle geschlossen ist. Der Motor macht schon komische Mucken, als wir bei der nächsten Ausfahrt das rettenden Schild sehen: Esso-Tankstelle 50 m. Heute morgen. Im Kiosk kaufe ich alle Tageszeitung, sowie alle Ausgaben der SZ. Der Verkäufer schaut etwas irritiert. Ja, er hat auch schon vor der Einstellung des jetzt-Magazins gehört. Stolz berichte ich ihm von unserer Aktion und zeig ihm den großen Tagesspiegel-Artikel. Als ich ihm die SZ-Umhüllung schenke, weil es mir nur um das Magazin geht, sagt er, daß ihm das auch nicht viel nützt, weil Montags in der Regel die Leute gerade WEGEN jetzt kommen. Bisher zumindest.


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