22.07.2002 - 12:36 Uhr

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Text: michax

25 Momente in der letzten Woche, die absolut lebenswert waren - Teil 1

Acontra in Bremen, birgy in Köln, ina-simone in Frankfurt, jazz in Hamburg, chandrahara in Eichstätt, danielerk in Stuttgart, kilian und noodle in München, baas, lillie und ich in Berlin. 11 Leute, von denen nie mehr als zwei in einem Raum gesessen haben, von denen sich fast alle noch nie in-echt gesehen hatten, die meisten sich ein paar Tage zuvor noch nicht einmal online kannten, beschließen nach ersten Vorbereitungen am Dienstag morgen, daß der große jetzt-Protest in München wahr werden soll! Manifestiert wird dies durch die Anmeldung einer Versammlung beim Münchener Ordnungsamt. Irgendjemand muß den „Versammlungsleiter“ machen, rechtlich für die ganze Sache gerade stehen. Na gut. Die jetztler werden schon keine Steine werfen. Ich faxe die notwendigen Formulare ans Amt, zur Hälfte falsch ausgefüllt, aber die geduldige Dame vom Amt ruft zurück und wir bekommen das geregelt. „Wenn Sie Reden halten wollen, dann brauchen sie doch auch eine Lautsprecheranlage, oder?“ Äh, ja, klar. „Gut, dann schreiben wir die auch mit drauf.“ Ich höre, wie sie etwas auf Papier kritzelt. „Und, mh, sie haben nichts angegeben bei Thema der Versammlung!“ Oh. Das hab ich übersehen. Also dann: „Rettung des jetzt-Magazin!“ Drei Stunden später. Das Telefon klingelt. „Ja, Grüß Gott, Huber von der Polizeidirektion x in München. Sie haben hier a Versammlung mit 500 Leut ang’meldet am Sendlinger Tor für ... äh (er muß kurz nachlesen) Rettung des jetzt-Magazin ... Sagen S‘, wie wollen S‘ denn da 500 Leut sammen kriagn?“ Danielerk richtet am selben Tag ein Spendenkonto ein. Irgendwie müssen die Kosten für die ganze Aktion gedeckt werden, unsere Telefonrechnungen allein kommen an das ran, was der SZ-Verlag bereit ist, für jetzt auszugeben. Ich poste die Kontonummer, bitte um Unterstützung. Nützt das was? Kurz darauf: „weezl lädt dich zum chat ein.“ Weezl kenn ich nicht, kurzer Blick auf die Seite: 17 Jahre aus Blonhofen. Ich geh in den Chat. Begierige Frage, wann denn die neuen Flugblätter kommen. Außerdem entschuldigt er sich, daß er von den alten Flugblättern keine verteilen konnte, aber er war bisher krank. Ich bin bereits gerührt, als er zum Schluß noch schreibt: Und 5 Euro hab ich eben schon überwiesen. Der Beschluß ist gefallen. Ich fahr Mittwoch nach München. Problem: Ich muß erreichbar sein. Für die Organisatoren, für die Behörden usw. Ich hasse Handys und wehre mich seit Jahren erfolgreich dagegen, eins zu besitzen. Aber nun ist es vorbei. Ich latsche in den nächsten Telefonladen und kauf mir so ein Ding. Leute, die mich gut kennen und in den nächsten Tagen hören, daß ich ein Handy habe, schütten sich aus vor Lachen. Oder aber sie erkennen den Ernst der Lage. Meine erste SMS kommt von jazz. Eine sehr liebe SMS! Vielleicht ist das mit dem Handy doch nicht so doof. Doof ist nur, daß ich es nicht auf die Reihe bekomme, die SMS zu beantworten. Aber das lern ich sicher noch. Mittwoch abend. Sieben Stunden Autobahn mit baas von Berlin nach München und ein Zwischenstop in Eichstätt liegen hinter mir. Zum ersten Mal begegnen sich einige Organisatoren in-echt. Chandrahara, baas und mir kommt der Samstag und die Aktion unglaublich weit weg vor. Es regnet in Strömen, es ist dunkel, es ist kalt, wir sind „vor Ort“, gehen die Sendlinger Straße hoch. Da, das Gebäude der SZ. Wir schauen hoch in die unfreundlichen Regentropfen, fühlen uns gar nicht so, als ob wir bald mit mehreren hundert Leuten an diesen Gittern rütteln könnten. Dann fällt der Blick auf den Boden vor der großen Eingangstür und es läuft uns ein warmer Schauer über den Rücken: In grünen, großen Kleinbuchstaben steht dort gesprüht: jetzt. Danach Treffen bei einem Bier im „Mondgesicht“ (oder so ähnlich) mit chandrahara, baas und noodle. Noodle erzählt, daß sie ihren Nicknamen doof findet (sie ist auch so gar nicht noodlig), deswegen benutze ich nun besonders gerne. Sie erzählt auch, daß sie zu hause vor dem Computer saß, ihr Nachbar Achim kam vorbei und fragte, was sie machte. Als sie von unserer Aktion berichtete, bot er spontan Hilfe an. Er hat eine PR-Agentur. So kommen wir an einen gigantischen Presseverteiler, den noodle aus Achims Büro anfaxen kann. Donnerstag nachmittag. Aufgeregter Anruf von birgy, die mittlerweile auch in der Stadt ist: „Die „No Angels“ wollen unbedingt für uns spielen. Außerdem kann ich die Soundso-Halle umsonst am Samstag abend bekommen. Da gehen ein paar tausend rein. Sollen wir das machen?“ Wir machen es nicht, weil es einfach zu viel wäre. Die Zusage der Nein-Engel stellt sich auch als eher wackelig heraus, aber noch oft muß ich an den Satz denken: „Die „No Angels“ wollen unbedingt für uns spielen.“ Freitag abend. Zwei anstrengende Tage in München mit wenig Schlaf liegen bereits hinter uns. Die norddeutsche Fraktion kommt erst in der Nacht an. Der Rest hockt gemeinsam in einem Agentur-Büro im Kunstpark Ost, das birgy aufgetan hat. Mehr als 8000 Unterschriften sind auf der Petitionsliste eingetroffen. Einer muß sie jetzt durchgehen und offensichtliche Doppelte rausnehmen. Mit immer kleiner werdenden Augen hocke ich vor dem PC und lese so viele Namen, wie ich es in meinem Leben noch nicht getan habe. Doppelte werden gelöscht. Ebenso Leute wie Alec Baldwin und Edmund Stoiber – wir wollen ja realistisch bleiben. Ich freue mich, Namen von Freunden in der Liste zu sehen, Namen von Promis. Irgendwann bin ich durch. Juhu! Ausdrucken! Wir sind der Meinung, daß wir noch nicht genügend Promi-Statements haben. Auf verschlungenen Wegen gelangen wir noch an ein paar Privatnummern. Helmut Karasek? Egal, uns ist alles recht. Die göttliche chandrahara schnappt sich das Handy und verschwindet zum Telefonieren. Sie kommt kurz darauf zurück: Falsche Nummer. Aber der Typ, den sie erreicht hat, wird schon seit einem Jahr ständig angerufen und für Karasek gehalten. Wir drucken mitten in der Nacht Flyer und die Petitionsliste aus. Das Papier ist alle. Was nun? Baas, kilian und ich stiefeln in den großen, chaotischen Lagerraum des Büros, suchen mit dem Feuerzeug nach Licht. Zwei lose herumbaumelnde Kabelenden müssen zusammengesteckt werden. Überall Promotionmaterial für „Men in Black II“ und „Evolution“. Kein Papier. Von nebenan dröhnen die Probengeräusche eines Schlagzeugers. Kilian sagt: „Das ist voll „Drei Fragezeichen“ was wir hier machen!“ Mittlerweile ist es halb eins in der Nacht. Ich muß zu meinem Schlafplatz, weil meine Gastgeberin keinen Ersatzschlüssel hat und ich ihren brauche. Auf dem Rückweg fällt mir ein, daß ich an diesem Tag vergessen habe zu essen, also Zwischenstopp bei McDonalds. Das Handy klingelt. Birgy: „Wir haben einen Moderator! Christoph Bauer, hat früher „Live im Schlachthof“ gemacht. Eben angerufen, er kommt morgen aus Berlin eingeflogen.“ Wie bitte? Wir haben nach Mitternacht jemanden angerufen, der uns nicht wüst beschimpft hat für die dreiste Anfrage, sondern im Gegenteil sich sogar noch in ein Flugzeug setzt und zu uns kommt? Die Frage nach den DJs für’s Atomic ist mal wieder ungeklärt. Zwei Mal schon war sie geklärt, aber die entsprechenden Leute haben dann doch wieder abgesagt. Schottendomi kennt noch ein paar gute DJs. Er schickt einem eine SMS. Ich denke mir innerlich, daß das wohl nicht mehr reichen wird. Es ist drei Uhr in der Nacht. Kurze Zeit später kommt eine SMS zurück. Sinngemäß: „Klar, gerne, versuch’s jetzt mal zu organisieren.“


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