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Leben

| 23.01.2007 14:50  

So leise wie der Schnee [Juni 2006 - Januar 2007]

„Meinst du, es wird schneien, wenn ich es mir ganz stark wünsche?“
„Es ist Sommer. Im Sommer schneit es nicht.“
„Aber, wenn ich es mir doch so wünsche?!“
„Nein.“
Sie blickt hinaus in das Gelbgrün, wovon es ihr manchmal so in den Augen brennt, den goldbraunen Sternenaugen, und sie die dann ganz fest zusammenkneift, so dass sie beinahe laut bis 3 zählt und ihn suchen gehen mag. Der Himmel ist blau, so blau, dass kein weiß mehr hineinpasst. Sie mag ans Meer. Da regnet es, hat sie in der Zeitung gelesen.
„Der Sommer, warum ist der so laut? Warum kann er nicht so schön sanft und leise sein wie der Schnee? So sanft…“
Er antwortet nicht. Sie schluckt. Sie muss immer schlucken, wenn er nicht antwortet und manchmal hat sie das Gefühl, dass sie seine Antworten hinunterschluckt, seine Worte verschlingt. Warum wehrt er sich nicht gegen sie? Warum sitzt er da wie ein Fisch, ein Fisch der die Wüste mag und das Gelbgrün und Sonnencréme, warum? Vielleicht sollte sie ihm einen Goldfisch kaufen. Vielleicht würde sie sich dann nicht so alleine fühlen. Im Sommer.
„Ich mag es so, wenn es schneit, weißt du. Wenn man im Weiß tanzen kann und alles glitzert und knirscht und die Flocken nach Zuckerwatte schmecken. Das mag ich. Magst du mich?“
„Hm?“ Er liest Zeitung. Vielleicht hat er zu viele Buchstaben im Kopf. Vielleicht weiß man dann nicht so recht, was man sagen soll.
Sie zupft an ihrem lila-grün gestreiften Socken, trägt auch im Sommer Socken.
„Fährst du mit mir ans Meer? Meinst du, da fängt es früher an zu schneien, wenn die braunen Leute weg sind? Meinst du?“
„Bestimmt.“
„Möchtest du, dass ich dir einen Goldfisch schenke?“
„Was? Nein. Du hast doch schon ein Kaninchen.“
Sie dreht in ihren Locken, dreht sich im Kreis.
„Spielst du mit mir verstecken?“
„Ich habe keine Zeit, das siehst du doch.“
Sie geht ans Fenster und streckt ihre Locken hinaus. Sie summt.
„Ich verstecke mich, morgen früh, ganz früh, solange, bis der Schnee dorthin schleicht. Vielleicht findest du mich.“
„Mhm.“
Sie summt.
Sie weint.
So leise.
Wie der Schnee.
Das Radio läuft.



Es ist so früh, dass das Vogelgezwitscher noch schläft. Der Wind weht sich ein, weht über das Land. Die Straßenlaternen sind noch erleuchtet. Die Sonne träumt. Er träumt neben ihr. Träumt er sich weg von ihr? Träumt er manchmal vom Meer? Oder gar vom Schnee?
Sie reibt sich die Augen, damit sie den Tag besser sehen kann. Ganz leise, ganz sanft, klettert sie aus dem Bett und schleicht aus dem Schlafzimmer. Wie eine Katze. Eine kleine Schneekatze, vielleicht. Hört ihn sich umdrehen.
Die Luft ist schön frisch, da kann man atmen, da kann man besonders gut an das Meer denken, und an den Schnee.
Warm zieht sich an, ganz warm. Ein dicker grüner Wollpulli, Cordhosen und Wollsocken und ihre Mütze. Blauweiß. Der Garten ist zu nah. Da wird sie gefunden. Wann wird er sie suchen?
Sie muss sich beeilen. Hat Zeit.
Sie lächelt, als sie nochmal ganz kurz zu dem Fenster blickt, hinter dem er träumt. Vielleicht hat er dann Zeit, wenn er träumt. Vielleicht würde er da antworten.
Dann läuft sie plötzlich los, mit kleinen tapsenden Schritten, leicht springend, schnell und doch so erdenklich langsam. Die Sonne begrüßt das Land, weckt die Vögel.
Wie weit muss sie laufen, wenn sie sich am Meer verstecken mag?
Wie weit muss sie laufen, bis sie nicht mehr an ihn denkt, wie er da liegt, neben ihr in dem großen, weichen Bett und schläft, träumt, wie ein kleiner Junge, der gerne einen Goldfisch haben würde? Wie weit ist es noch?
Sie atmet schnell. Ihr Herz geht langsam. Vielleicht summt sie. Vielleicht kullert eine Träne über ihre Wange.
Die Leute sind laut, da auf der Straße, sie werden wach.
Der Schnee ist leise, so leise.
Sie läuft. Und läuft. Und weint.


Es kribbelt in seiner Nase. Er muss niesen. Dann ist er wach und möchte am liebsten wieder schlafen. Schlafen, bis er nur noch schlafen darf. Der Mund ist schon ganz träge vom vielen Gähnen. Sein Gesicht verzogen. Wie sie immer so viel lächeln kann. Wie sie immer so viel reden kann. So viele Worte purzeln aus ihr heraus. Ihre Worte sind wie Regentropfen. Er mag den Regen nicht.
Er dreht sich zu ihr um. Sieht sie schon lange nicht mehr. Das Bettlaken, weiß wie der Schnee. Der Schnee. Er schließt die Augen und atmet ruhig. Das hat er so einstudiert. Vor dem Spiegel, den er doch so gerne zerschlagen würde.
Der Wecker tickt. Es tickt manchmal in seinem Kopf. Ticktack.
Wie würde es klingen, wenn sie ticktack machen würde, immerzu ticktack?
Manchmal möchte er sie ausstellen. Wie einen Wecker.
Aber würde er dann jemals wieder aufwachen?
Im Badezimmer steht das Fenster offen, ein Kratzer im Spiegelglas. Der rosa Zahnputzbecher umgefallen. Es zieht.
In der Küche riecht es nach nichts. Nicht nach Kakao. Nicht nach Bananen. Nicht nach Erdbeerjoghurt. Es kribbelt in seiner Nase.
Der Garten. Als Kind hatte er immer Angst, in den Garten zu gehen. Die Bäume würden flüstern, hat der Bruder gesagt. Hat er geflüstert.
Jetzt hat er Angst, als er rausgeht. „Wo bist du?“, krächzt er. So trocken, alles so trocken. Aber er mag keinen Regen. „Komm raus!“
Es ist warm und ihm ist kalt um die Schultern.


Er kommt auf sie zu geschlichen und schaut ganz konzentriert, weil er sie überraschen mag. Oh, wie sie Überraschungen gerne mag. Er blinzelt dabei jedoch ziemlich oft. Weil er immer noch ein bisschen aufgeregt ist, wenn er sie berührt.
Seine Hand legt sich sanft auf ihren Rücken, so warm, so angenehm warm. Es fängt an zu regnen und es ist ein sanfter Regen, der leise trommelt und die Tropfen durchnässen sein türkisfarbenes Shirt. Sie lächelt und schnurrt und schnurrt und lächelt und er lacht verschmitzt, wie ein kleiner Junge, der beim Fußball ein Tor geschossen hat, und dann küsst er sie, wie der Wind die Nacht.
Es kribbelt in ihr und sie mag es, wenn es in ihr kribbelt und sie hat Lust auf Erdbeerjoghurt und Bananen und Kakao. Ein heißer, dampfender Kakao aus einer Tasse mit ihm. „Holst du uns Kakao? Holst du?“ Er lächelt, erinnert sie an einen Goldfisch, der plötzlich davonschwimmt, weil er so schüchtern ist und erschrickt, wenn man an das Glas klopft. Und ein Specht klopft an das Holz. Und die Sonne senkt sich über das Tal. Und es riecht nach Wald.
Und das Bild verschwimmt. Sie will ihn greifen, den kleinen Jungen in dem großen, manchmal viel zu großen Körper, und er schwimmt weg. Golden scheint die Sonne.
Und sie mag die Augen, die Sternenaugen, gar nicht öffnen, weil sie nicht sehen mag, dass es nicht geregnet hat und dass sie alleine ist mit dem Baum und dem Specht und der Sonne.


Sie hat sie mitgenommen, ihre blau-weiße Strickmütze, mit der sie aussieht wie der Himmel im Sommer. Die blau-weiße Strickmütze, die sie aufhatte, als er sie zum ersten Mal sah, schon aus der Ferne. Sie wirkte so unerreichbar und doch so nah – wie der Himmel.
Jetzt muss er schlucken und es schmeckt so bitter in seinem Mund, wie der Kaffee, den er sich jeden Morgen kocht, um ihn dann wieder in den Abfluss zu schütten. Manchmal würde er gerne seine Gedanken hinterher schütten, so braun und viel zu flüssig.
Er muss an ihre goldbraunen Augen denken, wie Sterne und manchmal wie ein kleines Reh, und dann plötzlich kitzelt es in seiner Nase und der Wind spielt mit seinen Haaren. „Wo bist du nur?“, hört er sich sagen und es ist der kleine Junge, der Angst vor den flüsternden Bäumen hatte und abends nur mit Licht schlafen wollte und immer weiße Schokolade bekam, wenn sie ihn geschlagen hatten und er fühlt sich so klein und leer und möchte schlafen und aufwachen und sie neben sich spüren. Und die sprudelnden Worte, die würde er in einem großen Glas sammeln, damit er seine Gedanken mit ihnen vermischen kann, nachts, wenn er nicht schlafen kann und den blau-weißen Himmel sehen mag.
Seine roten Schuhe bindet er ganz fest und dann geht er noch kurz einkaufen und er kauft Erdbeerjoghurt und Kakaopulver und Bananen und stellt sich ans Fenster und wartet und geht ins Badezimmer und spuckt in das Waschbecken und er malt einen Stern auf das Spiegelglas und es wird dunkel draußen und dann macht er das Licht aus und geht durch den Garten. Es riecht nach Regen, nach Sommerregen und er hat keine Angst.


Da sitzt sie unter dem großen dunkelgrünen Baum und lauscht seinen Geschichten. Es sieht aus, als ob sie schläft, die Sternenaugen nur noch kleine Schlitze.
Bis zum Meer ist es nicht mehr weit, das spürt sie, wenn sie ihren Zeigefinger in die Luft bohrt und ganz tief einatmet. Und wenn sie sich ganz stark konzentriert, sich ihre kleine Stirn in Falten legt und es wirkt, als würde sie böse gucken, dann kann sie die Möwen hören.
Manchmal wäre sie gerne eine Möwe. Weg. Zurück. Zum Schnee.
Wolken am Himmel, die tanzen und schweben und lachen und sie weint. Manchmal laufen die Tränen ihr einfach so davon. Vielleicht, ja vielleicht laufen sie zu ihm.
Sie denkt an den kleinen Jungen, träumt. Sie denkt an ihn. Ob er sie schon sucht? Ob er sie überhaupt finden mag? Er mag den Schnee nicht.
Sie hat Hunger, einen so großen Hunger.
Im Schneidersitz sitzt sie dort.
Sie wartet auf den Abend. Der Morgen wartet auf sie.
Die blau-weiße Strickmütze tief im Gesicht. Ihr ist kalt.
Sie erinnert sich, wie er sie angesehen hat, damals, als er noch Buchstaben übrig hatte. Für sie. Wenn er lächelte, dann roch sie den Frühling und musste an das Meer denken.
Wann wird sie aufhören, an ihn zu denken? Wann?
Bäume sind stumm. So stumm. Oder?
Sie wird aufstehen, gleich morgen früh, beißt sie sich in die Lippen. Gleich morgen früh.



Wie lange war er nicht mehr im Garten. Es ist bestimmt schon Abend und dunkel, doch er sieht sie, die moosgrüne Wiese mit den roten Blumen und den gelben, den sonnengelben. Wie sie dort lagen, damals. Er schließt die Augen und fühlt den Sommer. Eine Decke, rot-weiß kariert, und ein Korb mit Trauben und Erdbeeren und dazwischen sie und ihre Worte und die Gedanken, so viele Gedanken. An diesen Moment? An Kinderlachen? An das Ende? An den Anfang?
Er beißt sich auf die Lippen.
Eine Libelle hat sich hierher verirrt. In das Grün. So viel grün. Sie summt. Können Libellen überhaupt summen? Sein Kopf ist es, sein Kopf summt bestimmt. Er fasst sich an die Stirn. Sie ist warm, angenehm warm, nicht zu heiß, nicht zu kalt.
Er geht langsam, beobachtet die kleinen Schnecken auf der Wiese. Wie sie ihre Lebensspur durch den Tag, durch die Nacht ziehen. Wo hat mein Leben angefangen? Wo wird es enden?
Er schaut in den Himmel. Die Wolken ziehen ihre Kreise. Es scheint, als würden sie immer schneller werden. Immer schneller.
Plötzlich hat auch er es eilig. Er riecht den Regen immer mehr. Auch wenn die Vögel von den Bäumen zwitschern.
Er läuft schneller. Die Wiesen sind weit. So weit. Er läuft vor seinen Gedanken davon. Und er muss lachen. „Ich finde dich, mein Mädchen, ich finde dich.“, lacht er und springt in die Luft. Die Luft. Sie riecht nach Regen. Und vielleicht, ja vielleicht, auch ein kleines bisschen nach ihr.



Und der Morgen ist früh genug und sie gähnt die eklig stickige Luft aus ihr hinaus. Sie gähnt und sie spürt, dass sie nie mehr so müde sein wird. Und dann drückt sie ihre Hände in den feuchten, schillernden Waldboden und steht mit einem neuen Lächeln auf. Der Baum wird umarmt. Sie lässt ihre alten Gedanken bei ihm hängen und reißt einen kleinen Ast ab. Er riecht nach Wald. Ein kleiner Ast riecht schon nach Wald. Und das neue Lächeln malt ihr ein paar Sterne ins Gesicht und ihre Hände verkleben sich wie Harz in ihren Hosentaschen und plötzlich weiß sie, dass sie nicht fallen wird.
Denn es riecht nach Schnee.
Und sie läuft langsam hinaus. Und jeder Schritt bohrt sich in den sanften Morast und doch können ihre Schritte laufen. Sie läuft. Aber sie muss nicht schnell laufen, denn wenn es schneien wird, dann wird man genug Zeit haben. Noch einmal ganz kurz schaut sie sich über die Schulter. Zurück. Auf ihre alten Gedanken und die uralten Träume, die an den Ästen hängen. Den einen kleinen Ast in ihrem Arm.


Und dann steht er da. Es sieht so aus, als würde er ein bisschen zittern. Die Oberlippe mit der kleinen Narbe, sie bebt.
Und er guckt nicht zu ihr. Nein, er schaut sie nicht an, er blickt zu den Bäumen und er blickt über die Wiesen und er sieht sie.

Sie hält sich die Augen zu. Schlitze. Und die Sonne blendet ein bisschen.


Es fängt an zu schneien. Schneeflocken tanzen durch die Luft. Auf die warme Erde, die ein bisschen dampft. Und er weiß, warum man Eiszapfen mögen kann. Er weiß es.
Er hat seine Sprache wieder gefunden.


Und drei Worte schenkt er ihr. Er hängt sie ihr um den Hals und legt den kleinen Ast vorsichtig in den Schnee.


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Schmetterlingskuss 23.01.2007 | 14:57
"Und drei Worte schenkt er ihr. Er hängt sie ihr um den Hals und legt den kleinen Ast vorsichtig in den Schnee. "

°Mädchen. Das ist großartig.

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Amazing 23.01.2007 | 15:02
traumhaft. wundervoll. vielen vielen dank dafür.

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lilluvya 23.01.2007 | 16:36
wunderbar

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Windmaedchen 23.01.2007 | 17:29
Es verwirt am Anfang, deine Gedankensprünge.
Aber dafür ist es ein Zauber am Ende.
Sehr gut.

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DerHerrAlbert 23.01.2007 | 21:49
Das ist ein Zauber, eine eigene Welt, in die man herzlich eingeladen wird.
und es ist schön da.
wunderschön.

ich bin fasziniert...

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voiceofregret 23.01.2007 | 22:09
jetzt möchte ich gleich einschlafen und träumen.
schön.

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gewitterhexe 24.01.2007 | 00:55
oh wie schön, oh wie schön.

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kathrinaa 24.01.2007 | 12:35
ganz hübsch, elegante wortwahl, mir etwas zu naiv, aber es ist gut.

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Minnie20 24.01.2007 | 13:49
So schön dass es schon fast weh im Herzchen tut.

Merci, merci, merci...

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Sandmoeve 25.01.2007 | 15:52
Ja, den Zauber am Ende konnte ich auch spüren.

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