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Macht

| 22.01.2007 19:00  

Klein, dumm, aber gefährlich: Die rechtsradikale Szene in München

Text: thies-marsen
200 Menschen demonstrierten in München am Samstag im Rahmen der bayernweiten Antifa-Kampagne „Nazis unplugged“ gegen rechte Strukturen in ihrer Stadt. Die Kampagne will dazu beigetragen, neonazistische Infrastrukturen in Bayern bekannt zu machen und zu verhindern. Die Demonstration am Samstag richtete sich vor allem gegen den 25-jährigen Carsten Beck, der nicht nur einen rechtsextremen Versand und mehrere Homepages betreibt, sondern auch im Vorstand der „Bürgerbewegung Pro München“ sitzt, die plant, 2008 für den Stadtrat zu kandidieren. Wer tummelt sich sonst noch am rechten Rand von München? Ein Überblick.
In München sind die Nazis vor 80 Jahren groß geworden und groß gemacht worden. Hier versuchte Hitler 1923 zu putschen, hier stand die Parteizentrale, hier zelebrierten die Nazis später all-jährlich ihren Totenkult auf dem Königsplatz. München erhielt dafür von Hitler den Titel „Hauptstadt der Bewegung“. US-General Eisenhower verpasste München 1945 den Beinamen: „Wiege der Nazibestie“. Kein Wunder, dass die Stadt auch für die heutigen Nazis Symbolwert hat. Seit Jahren versuchen sie hier, wo einst der Führer groß wurde, selber groß zu werden – durch immer neue Organisationsformen, durch Mahnwachen, Aufmärsche und auch durch Gewalt. Doch der harte Kern der Münchner Neonaziszene ist klein, etwa 50 bis 100 Leute.



Der Teil von ihnen, der sich in letzter Zeit Richtung NPD orientiert hat, versucht wegzukommen vom Schmuddelglatzen-Image. Doch erst jüngst, bei einem Aufmarsch in Augsburg, fielen die Münchner Neonazis mal wieder vor allem durch Pöbeleien auf. Und ihnen fehlt – zum Glück – immer noch eine halbwegs intelligente Führungspersönlichkeit. Was sie freilich nicht ungefährlich macht. Das liegt auch daran, dass sich Stadt, Staatsanwaltschaft und Polizei in München auffallend tolerant zeigen: Als die Nazis am 9. November 2005 in der Innenstadt trotz Verbot der Toten des Hitlerputsches gedachten, schritt die Staatsmacht nicht ein. Oberstaatsanwalt August Stern hatte ein solches Gedenken im Vorfeld regelrecht verharmlost mit dem Argument: Der gescheiterte Hitlerputsch habe bereits 1923 stattgefunden, eine Erinnerung an ihn sei deshalb keine Verharmlosung der Naziherrschaft, denn die habe erst 1933 begonnen. Stern sorgte sich gar um „das geistige und politische Klima“, wenn das Strafrecht zu strikt angewendet würde. Im letzten Sommer war München die einzige deutsche Stadt, in der Neonazis ganz offiziell den einstigen Führerstellvertreter Rudolf Hess per Mahnwache ehren durften.

Norman Wiese und Martin Bordin oder umgekehrt

Dass es in ihrer Stadt eine militante Neonaziszene gibt, wurde den Münchnern erstmals im Januar 2001 bewusst. Damals prügelte im Schlachthofviertel eine Gruppe Neonazis einen Griechen fast tot. Die Rechten stürmten aus der Gaststätte „Burg Trausnitz“, in der Martin Wiese seinen Geburtstag feierte. Einer der Schläger war Norman Bordin, damals Anführer der Münchner Naziszene und Gründer der „Kameradschaft Süd“. Wiese und Bordin wechseln sich seitdem als „Führer“ ab: Wenn der eine im Knast sitzt, macht der andere den Chef und umgekehrt. Bordin wurde nach dem Überfall auf den Griechen zu 15 Monaten Haft verurteilt. Während er einsaß, formte Martin Wiese die „Kameradschaft Süd“ zur Wehrsportgruppe und zur terroristischen Vereinigung. Die „Kameradschaft Süd“, in der auch ein V-Mann des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz eine dubiose Rolle spielte, plante unter anderem, die Baustelle des neuen jüdischen Gemeindezentrums am Münchner Jakobsplatz in die Luft zu jagen. Wiese wurde schließlich zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Da Wiese im Knast sitzt, ist Bordin wieder die Nummer eins. Bordin hat sich inzwischen der NPD angeschlossen, für die er auch für den Bundestag kandidierte, und versucht sich als Biedermann – mit mäßigem Erfolg. Gerade ist er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er sich Sozialleistungen erschlichen haben soll.

Ton Steine Scherben auf der Nazi-Demo

Einigen Münchner Neonazis ist selbst die NPD noch zu bürgerlich. Sie gründeten die sogenannten „Autonomen Nationalisten“ (AN). Schon der Name zeigt: Die Nazis versuchen sich die linken Autonomen als Vorbild zu nehmen. Bereits die Gründung der nur lose organisierten und damit vor staatlichen Verboten eher gefeiten „freien Kameradschaften“ orientierte sich an den linken autonomen Zellen der 80er Jahre. Inzwischen hat ein Teil der Szene aber auch die Klamotten, den Style, ja selbst die Parolen und die Musik der Linken übernommen. Auf Nazidemos laufen Ton Steine Scherben-Songs, es werden vormals „linke“ Slogans gegrölt wie „USA – internationale Völkermordzentrale“, Neonaziaktivisten tragen Palästinensertücher, Che-Guevara-T-Shirts und schwarze Kapuzenpullis. Von den Münchner „Autonomen Nationalisten“ war allerdings einige Monate lang nichts mehr zu hören. Denn ihre Führer Hayo Klettenhofer und Philipp Hasselbach wurden jüngst wegen Körperverletzung und anderer Delikte verurteilt. Klettenhofer hatte auf einer Demo eine junge linke Frau angegriffen, Hasselbach bei einer Kundgebung gegen die „Besatzerpresse“ vor der Redaktion der Süddeutschen Zeitung in der Sendlinger Straße den Einsatzleiter der Polizei verprügelt. Seit letzter Woche sind die „Autonomen Nationalisten“ wieder aktiv, zumindest im Internet, wo sie eine eigene Homepage eingerichtet haben. Ihr Konzept der feindlichen Übernahme linker Codes hat ohnehin gegriffen – auch in München sind viele Neonazis an ihrem Äußeren nicht mehr zu erkennen.

Der Muff von tausend Jahren

Dass Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und anderes rechtes Gedankengut kein Unterschichtenproblem ist, sondern auch in gebildeten Kreisen verbreitet ist, hat zuletzt die aufsehenerregende Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gezeigt. Obwohl sich logisches Denken und Rechtsextremismus ausschließen, sind auch in München Rechtsextreme an den Universitäten aktiv – insbesondere in der Burschenschaft Danubia, die seit 2001 vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Denn damals wurde offenbar, wie eng die Danubia mit der militanten Neonaziszene zusammenhängt: Einer der Haupttäter des bereits erwähnten Überfalls im Schlachthofviertel versteckte sich auf seiner Flucht vor der Polizei im Danubenhaus in der Münchner Möhlstraße. Ansonsten hat, beziehungsweise hatte die schlagende Burschenschaft enge Verbindungen mit der rechten Zeitung „Junge Freiheit“ und mit den Studentenorganiationen von NPD und Republikanern – die Studentenorganisation der Republikaner wurde im Danubenhaus in Bogenhausen gegründet. Erst Mitte Dezember lud die Danubia wieder zu ihren „Bogenhausener Gesprächen“, bei denen sich rechte „Intellektuelle“ und Vertreter rechtsextremer Organisationen und Parteien wie der Republikaner oder der österreichischen FPÖ die Klinke in die Hand geben.

Die Strippenzieher im Hintergrund

Während die einen München zum Aufmarschgebiet machen wollen, genießen andere die Stadt als Rückzugsraum, um ungestört ihren Geschäften nachzugehen – zum Beispiel der Multimillionär Gerhard Frey, Vorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU). In München spielt seine Partei praktisch keine Rolle, sie ist weder bei Aufmärschen, Veranstaltungen oder Wahlen präsent. Dafür lässt man Frey, der sich stets seiner guten Kontakte zu einzelnen CSU-Politikern rühmte, in Ruhe. So kann er von der DVU-Parteizentrale in Pasing aus fleißig die Strippen ziehen: Er investiert seine Millionen in Wahlkämpfe in Brandenburg oder Thüringen und vertreibt die bekannteste rechtsextreme Publikation, die „Deutsche National-Zeitung“. Auch andere alte Herren der Szene genießen die Ruhe und Beschaulichkeit Münchens und seiner Umgebung: Gert Sudholt etwa, in den 70er Jahren im Münchner NPD-Vorstand. Heute residiert er mit seiner rechtsextremen Verlagsgemeinschaft Berg an der Nordspitze des Ammersees, ausgerechnet in dem Kulturzentrum „Alte Brauerei Stegen“ und vertreibt von dort aus seine geschichtsrevisionistischen Schriften und DVDs.

Auf dem Sprung ins Rathaus?

Auf den Münchner Straßen und Plätzen sind Neonazis präsent, noch aber sieht man sie nur vor dem Rathaus und nicht darin. Das könnte sich nach den nächsten Kommunalwahlen 2008 ändern. Denn neuerdings gibt sich die NPD auch in München harmloser und setzt auf unverdächtige Themen. So veröffentlichte sie unlängst Flugblätter gegen den Flughafenausbau, gegen Genfood und Globalisierung. Anfang letzten Jahres hat sich die Neonaziszene in München mit ihrem Hauptprotagonisten Norman Bordin und anderen Aktivisten außerdem zu einer neuen Vereinigung formierte: Der „Bürgerbewegung Pro München“. Vorbild ist Köln, wo Rechtsextreme schon vor Jahren unter dem ebenso unverfänglichen Namen „Pro Köln“ ins Rathaus einzogen. Bislang war von „Pro München“ noch wenig zu hören, das wird sich in den kommenden Monaten vor der Wahl ändern. So plant „Pro München“ bereits am kommenden Sonntag eine große Saalveranstaltung, zu der 300 bis 400 Leute erwartet werden – der Veranstaltungsort wird noch geheim gehalten Da es bei den Stadtratswahlen keine Fünf-Prozent-Hürde gibt, haben die Rechtsextremen gute Chancen auf einen Einzug ins Kommunalparlament, denn dafür reicht schon etwa ein Prozent der Stimmen. Werden dann nach 63 Jahren wieder Nationalsozialisten im Rathaus der einstigen Hauptstadt der Bewegung sitzen?

Foto:AP


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Kommentare
vern 22.01.2007 | 19:36
"ich bin stolz ein deutscher zu sein"

super, wenn die sonst nix haben, auf das sie wirklich stolz sein können.
stolz soll man doch auf etwas sein, was man selbst erreicht hat, nicht auf etwas, was einem in die wiege gelegt wurde.

aber komm dieser brut mal mit argumenten...

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vigezzo 22.01.2007 | 19:46
mir müsste vor allem mal jemand den Sinn davon erklären "stolz" auf sein Land zu sein. Die Folge von sowas ist doch nur "mein Land ist besser als deins" und dann kloppt man sich.
Zweitens kapieren diese Idioten immer noch nicht dass Nationalismus eine künstliche Idee des 19. Jahrhundert ist, genauso wie Rassismus eine künstlich geschaffene Idee ist.

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evola 22.01.2007 | 20:13
"Werden dann nach 63 Jahren wieder Nationalsozialisten im Rathaus der einstigen Hauptstadt der Bewegung sitzen ?"

Wohl kaum - Es werden welche drinsitzen, aber keine Nationalsozialisten. Die hätten dieses "Personal" weder in die Partei aufgenommen, noch kandidieren lassen, sondern als sog. Arbeitsscheue und Asoziale oder Volksschädlinge in das Lager Dachau eingewiesen und so schnell nicht wieder herausgelassen...

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jensp 22.01.2007 | 20:19
was ein schöner artikel, nazis sind skins, gerhard frey der strippenzieher und am rande wird erwähnt, dass es doch auch gemässigte machtpersonen gibt, die ihre schützende hand über die rechten legen. wiedermal alles wiedergekaut, was man längst weiss und was den massen schmeckt. nazis sind dumme idioten, die von den anderen geduldet werden.

warum werden diese anderen von den medien eigentlich nicht mal hochgenommen? warum die immerselben berichte über "die braune brut" und so n müll. die sind nicht das problem, die kann jeder sofort erkennen. aber die politiker, richter, anwälte, journalisten, polizisten, usw. die dafür sorgen, dass solche leute ungestört bleiben, die sind das problem und genau denen wird nicht von der presse nachgestellt.

nur die immer gleichen stories. macht doch mal ne serie über leute in machtpositionen, die das rechte spektrum unterstützen. legt euch doch mal mit den politikern an, die gegen 'wirtschaftsmigranten' stänkern, um in diesen bereichen stimmen abzufischen. aber nein, stattdessen immer der gleiche fast food über "die braune gefahr". ihr seid scheinheilig und teil des spiels.

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beobachter 22.01.2007 | 20:33
Muß denn immer wieder platt und rituell die Neonazi-Keule ausgepackt werden, wenn Deutsche ihr Herz auf dem rechten Fleck entdecken? Es ist doch nur folgerichtig, daß die entwurzelnde und entsolidarisierende Globalisierung nationale Gegenkräfte freisetzt. Im 21. wird der Nationalismus unter etwas anderen Vorzeichen wieder das sein, was er im 19. Jahr war: eine wirkmächtige Erneuerungs- und Integrationsideologie, die Identität und Gemeinschaft in einer aus den Fugen geratenen One World verbürgt. Die Nation wird für viele Menschen als natürlicher Solidarverband wieder an Bedeutung gewinnen, um überhaupt einen Schutzwall gegen die entortende Globalisierung bauen zu können. So ist das.

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evola 22.01.2007 | 20:39
@beobachter:

Ja, völlig richtig, aber nicht " wenn Deutsche ihr Herz auf dem rechten Fleck entdecken". D i e s e Szene ist wirklich oft dumm, uninformiert und in ihrem Verhalten eine Blamage für echten Nationalismus oder Nationalsozialismus.

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bomuc 22.01.2007 | 20:46
@vigezzo: welche idee ist denn nicht "künstlich geschaffen"? Mit dem Argument kommt man gegen Nationalismus und Rassismus wohl nicht so gut an.

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evola 22.01.2007 | 20:52
@bomuc, @vigezzo:

Keine Idee ist "künstlich geschaffen", sie sind im Absoluten Geist i.S. Hegels schon immer vorhanden und suchen sich ein Objekt, das sie in Gang setzt. Dieses - insofern Subjekt - muß natürlich empfangensfähig sein und kann verbreitensfähig werden....

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PraestabilierteHarmonie 22.01.2007 | 21:44
@evola
Was, wenn der absolute Geist eine von Hegel künstlich geschaffene Idee wäre?

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oekotante 22.01.2007 | 22:36
was wenn nationalismus keine idee im klassischen sinne darstellt?

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