Alle mögen den Dalai Lama. Zurecht? Blick hinter eine Fassade
Alle mögen den Dalai Lama. Weil er so freundlich ist, weil er immer lächelt. Oder weil man zu wenig über ihn weiß …
Als der XIV. Dalai Lama Tensin Gyatso im Jahr 2000 Deutschland besuchte, gab es bei einer Veranstaltung der SPD in München eine bezeichnende Szene. Die Journalistin Franziska Augstein beschrieb sie damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Der Dalai Lama sprach während seiner Rede von einer „one world religion“. Das Publikum applaudierte begeistert. Der Dalai Lama fuhr fort: Er sei dagegen. Er lachte. Nicht, weil er seine Zuhörerschaft düpiert hatte, sondern weil er immer lacht. Der Dalai Lama scheint gar nicht anders zu können. Immerzu muss er lachen. Und weil man so jemandem unmöglich irgendetwas übel nehmen könnte, ist es fast egal, was er sagt. Applaus gibt es ohnehin immer. Das westliche Publikum verharrt in dieser demütigen Haltung schon seit langem. Die Kultur der Tibeter – an deren Spitze steht der Dalai Lama – hat in Europa einen guten Leumund. Die Tibeter gelten als friedliebend, ausgeglichen, tolerant, eben ungefähr so, wie man sich den Tibeter vorstellt, nachdem man die Filme „Kundun“ und „Sieben Jahre Tibet“ nacheinander gesehen hat. Viele Jahre lang wäre es kaum jemandem in den Sinn gekommen, inhumanes Übel ausgerechnet in der buddhistischen Kultur zu vermuten. Man wäre wohl ähnlich angeschaut worden, als hätte man am Abend des 10. September 2001 behauptet, am nächsten Morgen würden zwei Flugzeuge in die Türme des Word Trade Centers fliegen, sie gingen in Flammen auf und würden dann in den Staub fallen. Es ist heute nicht mehr ganz so abwegig, zu behaupten, dass auch im Buddhismus einiges falsch läuft. Sexuelle Rituale mit Minderjährigen? Der Jurist Herbert Röttgen (gab sich 2004 den Namen Victor Trimondi) führte Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre den linken Trikont-Verlag. Für den Dalai Lama war er zu dieser Zeit eine Art Event-Manager. Er ebnete ihm den Weg nach Europa, 1982 holte er ihn zur Buchmesse in Frankfurt. Und das alles nicht nur aus Geschäftssinn, sondern weil er selbst eine gewisse Affinität zum weltlichen Führer der Tibeter hatte. Wie auch seine Frau Maria (heute Victoria Trimondi). Die beiden sind seit 1989 verheiratet. Gegen Mitte der 90er Jahre plante das Ehepaar ein gemeinsames Buch über den tibetischen Tantrismus. Es sollte ein positives Buch sein, das bekunden beide noch heute. Doch als es im Jahr 1999 erschien, war in etwa das genaue Gegenteil daraus geworden. Ein kulturkritischer Rundumschlag. Sein Titel: Der Schatten des Dalai Lama. Kulturkritik war noch nie leicht. Von innen ist sie nur dann möglich, wenn die kritische Auseinandersetzung selbst Teil der Kultur ist. Von außen handelt man sich schnell den Vorwurf ein, man habe keine Ahnung. Weil Demokratie und Pluralismus im tibetischen Buddhismus auch heute noch immer keine nennenswerte Rolle spielen, ist dem Autorenehepaar Trimondi das Zweite vielfach widerfahren.
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