02.01.2007 - 19:12 Uhr

58 0 Über Twitter weiterempfehlen

Affront gegen die Jugend. (Oder: Schlafmangel weckt den Spießer in mir.)

Text: regenstuermerin

Ich werde alt. Und meine jugendlichen Nachbarn bringen mich um den Schlaf. Aber mit Anfang 20 war ich wohl auch so: in erster Linie alternativ. Das hieß damals: Freizeitstudentin mit vielen Semestern ohne Scheine, mit Kindergeld und ein paar Stunden in der Woche Nebenjob, (im besseren Fall Bafög, dann ohne Nebenjob, war bei mir nie der Fall, weil mir das Bafög-Amt nie glauben wollte, dass ich nicht weiß, wo mein Vater ist, oder im noch besseren Fall kommt das Geld von den Eltern weit weit weg), im Schlabberlook aus dem Second Hand Laden, täglich Zigaretten und Kaffee zum Frühstück, mit Freunden in der 1. eigenen Wohnung Zigaretten so viel man will selber drehen & billigen Rotwein aus dem Spätkauf trinken, hinter zugezogenen Gardinen chillen oder am PC die Nacht durchmachen mit ner kleinen Tüte zwischen den Fingern und nicht zu vergessen: laute Musik. Vormittags, nachmittags, abends und nachts. Egal wann. 24 Stunden Musik am Tag. Das ist die Freiheit, von der man als Teenager träumt, solange man die Füße in Converse oder Doc Martens unter Muttis Tisch hat, die jugendliche Dekadenz, mit der die Jugend, endlich flügge unter den Rastazöpfen, den alternden Spießern im Haus zeigen kann, so wird’s gemacht: Leben! Habt Ihr das etwa vergessen? Nein, vergessen habe ich die Zeit sicher nicht, die Zeit kurz nach dem Abi, kurz nach dem Auszug im 1. Semester, weil man es bei Mammi eben nicht mehr aushielt und sich in seiner Freiheit beschnitten fühlte. Vor allem in dieser Freiheit: die Nächte durchzumachen, zu viel zu rauchen und zu trinken, zu kiffen, zu oft zu lange beim 1. Freund in dessen eigener Wohnung zu bleiben, erst im Morgengrauen nach Hause zu kommen unter der Woche, die 1. Profilkurse morgens danach zu verschlafen etc. pp. Vergessen kann ich die Zeit gar nicht. Werde ja jeden Abend, jede Nacht und jeden Morgen daran erinnert. Vornehmlich mit TechHouse oder MinimalElektro. Bei uns schrammelten früher wenigstens noch die handmade Gitarren-Riffs der IndieRocker in Verse/Bridge/Chorus/Verse/Bridge/Chorus/B-Part/Chorus/Chorus-Manier, Song-Ideallänge max. 4:30 Minuten, und melancholische Männerstimmen sangen simple, aber von Herzen echte Texte über Müllwagen und Fremdgängertum, Couchlümmeln und Herzensbrüche, Achterbahnen und Meer. Heute gibt es nur Beatz auf die Ohren. Und nicht mal die guten Shuffle-, Break- oder Down-Beatz. Nö, ständig nur: Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Schrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr-Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Schrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr… Ungefähr so aufregend wie das Telefontüdeln der Zeitansage: Beim nächsten Ton ist es… PIIIIIIIEEEEEEEEEEEEEP! Und mindestens so nervig. Nein. Ist ja noch nicht mal das, was wirklich stresst. Was wirklich stresst ist: der Bass, und das sagt die Bass-Prinzessin. Bass, der leise durch die Wände unters Bett in die Matratze brummt, als stünde ein Lieferwagen unter Deinem Fenster im Hof, so ein mittelgroßer von Robben & Wientjes, im Leerlauf geparkt. Also was macht man, wenn man keine Ruhe findet: man wartet ab, lauscht, könnte eine Stecknadel im anderen Zimmer fallen hören vor Anspannung, ob der Lärmpegel nach unten oder nach oben geht. Warten. Horchen. Wachen. Aufgeben. Schlecht schlafen. Oder man geht klingeln bei dem Nachbarn, den die Hausverwaltung ja soooooo nett findet, wie man einen Welpen soooooo süß findet, weil man mit „dem jungen Mann mit dem Zopf“ (dabei kichert die Dame der Hausverwaltung so, als wäre sie wieder jung und würde ein bisschen erröten) ja soooooo gut reden kann. Klar kann man mit ihm gut reden! Jede Nacht! Am liebsten nach 1 Uhr, wenn man sich gerade ins Bett gekuschelt hat, Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Schrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr wieder anfängt, und man wartet, ob es leiser wird, wird es, aber nicht leise genug trotz der Ohrstöpsel, die man sich angewöhnt hat, obwohl man sie hasst, und man sich dann, bei inzwischen Minusgraden noch mal in eine dicke Jacke packt und aus dem Hinterhaus 2. OG müde und pissig ins Quergebäude EG trottet… Oder Vormittags, wenn man die verhassten Ohrstöpsel endlich rausnehmen kann und sich auf ein bisschen Ruhe vor dem Job freut, das erste, was man hört aber Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp- Whooomhp-Schrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr ist… Ja, da kann man ganz toll mit ihm reden. Dass es nichts bringt, davon sehen wir mal ab. Schließlich ist er Musiker, betont er... Okay. Ich auch. Und? Ist das jetzt was Besonderes? Nö! Ich mag diese nächtlichen Plauschs! Wirklich! Nicht! Ich könnte Bomben schmeißen. Jedes Mal wieder. Mein Lieblingsweihnachstgeschenk 2006? Inzwischen eine Gotcha-Farbpistole… hab ich nicht bekommen, aber allein die Vorstellung: BANG! BANG! YEAH BABY, I SHOT YOU DOWN! Wenigstens sein verfluchtes Küchenfenster. BANG! BANG! In schönsten bunten Farben. Mal was anderes als das immer blau/graue Licht seines PC in der dunklen Wohnung. BANG! BANG! Braucht er auch die Vorhänge nicht mehr zuziehen. Und ich muss nicht immer über den Hof rennen, wenn er stresst, einfach nur aus dem Fenster lehnen: BANG! BANG! Aber nein, wir reden. Stehen im kalten Flur, zum 100. Mal bitte ich ihn, die Mucke runterzudrehen, wie immer lächelt er verständnisvoll, nickt, meint, er drehe sofort leiser. Die müde Wut in meinem Bauch will ihn anschreien: BIST DU TAUB? SCHWER VON BEGRIFF? ODER EINFACH NUR IGNORANT? WIE LANGE? WIE LANGE DIESMAL? BIS MORGEN FRÜH? JA? GLANZLEISTUNG, MANN! ECHT!! R:E:S:P:E:K:T!!! Lasse es aber. Von Respekt und dass Musik auch was damit zu tun hat, davon brauchen wir hier gar nicht erst anfangen. Krieche wieder ins Bett, um am nächsten Morgen immer noch oder schon wieder Beatz durch die Wände pochen zu hören und es schon soweit kommt, das ich mich auf 4 Tage Weihnachten am Arsch der Welt in Altglienicke im Haus meiner Mutter tatsächlich wieder freue! Man könnte die Polizei rufen und Anzeige erstatten. Aber nachts ne dreiviertel Stunde auf deren Ankunft zu warten, wenn man eh schon pissed ist… i duno. Würde aber meinem neuen Image gerecht werden: die alte Spießerin. Traf den Störenfried nämlich letztens beim besten Drum n Bass der Stadt (Nu:Tone UND Logistics), mit seinen Freunden, auch solche alternativen Jungspünde mit Rastas, die ihre Mucke gern mehr als laut hören UND auch in meinem Haus in den Wohnung neben dem Kerl und schräg drüber wohnen, wo man sich trifft um nachts halb 3 den die Mucke aus dem PC aufzudrehen. Ha! Trafen uns also auf dem Dancefloor und der Kerl schaute nicht schlecht: „Wie? Du hier?“ Da war er, der Blick: Die alte Spießerin? Die sich ständig über die zu laute Musik beschwert? Rockt? JA MANN! Stammgast! Ich steh auf Bass & Beatz! Unter Kopfhörer so laut, dass ich aus dem Grinsen nicht mehr rauskomme auf dem Weg zur Arbeit, und im Club Freitagnacht bis Sonntag früh die Sonne wieder scheint, und im Studio am Mic und überhaupt! BRING:IT:ON! Logistics legt so Hammer auf, komme aus dem Grinsen gar nicht mehr raus. Grinse den Typen mit der jugendlichen Arroganz an, mit der er mir sonst die Tür öffnet, grinse weil in Nächten wie diesen bin ich wieder 18, laut und ungestüm und nicht zu bremsen, endlich flügge, und kann den albern dekadenten Jungs, während sie fein ihr Tütchen rauchen und den Arsch danach nicht mehr hochkriegen, auf dem Floor zeigen, so wird’s gemacht: Leben! Habt Ihr das schon geschmeckt? Vergessen habe ich nämlich gar nichts. Nein. Aber heute weiß ich, dass ich von Kaffee ne schlechte Haut kriege und noch blasser aussehe und Koffein zum Frühstück gegen Melatonin eh nicht ankommt, Croissants mit Marmelade und dazu frischer O-Saft eh viel besser kommen als jede Zigarette, die viel lieber nen guten Drink in ner ordentlichen Bar abrundet, weiß welchen Wein ich zu welchem Essen in welchem Restaurant im Kiez ordere und dass ich im Sommer bei 35 Grad Weißweinschorle lieber mag als Rotwein, weiß dass es nicht um Dekadenz sondern Lebensstandard geht, dass Ruhe und 8 h Schlaf Wunder wirken und sich gut anfühlen, ein fester Job sowieso, weiß dass es ein gutes Gefühl ist, seine Finanzen, seinen Abwasch, seine Wäsche, und wenn das manchmal auch mit Abstrichen, dann wenigstens die Körperhygiene 1a im Griff zu haben, weiß dass nicht alles Neue unbedingt besser ist als das Alte und sich das Leben draußen abspielt in den richtigen Schuhen zur richtigen Gelegenheit und nicht hinter ständig zugezogenen Gardinen in immer durchgekifften Nächten am PC, und dass der beste Bass nicht in Wänden und schon gar nicht in Betten wohnt (naja, darüber ließe sich vielleicht streiten), sondern immer wieder: auf dem Floor!


Neue Texte zum Label 'Tagebuch':
Textoptionen
Mehr Texte von
regenstuermerin
Mehr Texte zum Label
Tagebuch
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.

Jetzt-Mitglied

regenstuermerin unbekannt

regenstuermerin

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

BIST DU DIE ANTWORT... WILL ICH DIE FRAGE SEIN.
peh // bass p:rinzessin // berlin

Hat Beiträge verfasst zu