18.12.2006 - 19:00 Uhr

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„Auf dem Berg, da bin ich ein Greis“

Text: tobias-moorstedt

Reto Lamm ist einer der Pioniere des Snowboardens. Der 36-Jährige stand mehrfach bei Freestyle-Weltmeisterschaften auf dem Podium, gewann die erste Ausgabe des „Air und Style“-Events und machte den Sport mit seinem Auftritt in Willy Bogners Film „White Magic“ einem breiteren Pulikum bekannt. Heute lebt er die meiste Zeit des Jahres in München, arbeitet weiter für Bogner und macht ab und zu Video-Installationen.

jetzt.muenchen: Die aktuellen Top-Fahrer des Snowboard-Weltcups sind beinahe halb so alt wie du: Fühlst du dich manchmal alt, wenn du ihnen beim Springen zusiehst? Reto: Alter ist relativ, oder? Ich bin für einen Mitdreißiger doch eigentlich ganz gut in Schuss. Aber auf dem Berg, da bin ich ein Greis. Bei einem Snowboarder, der viele Jahre lang radikal gefahren ist, fällt der Körper eben mit 32 auseinander. Die Knie. Der Rücken. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, die Megaschanzen bei Events wie dem „Air and Style“ noch runterzufahren. Na ja, vielleicht mit einem straighten Sprung und ohne Salto. Aber das Alter hat auch Vorteile. jetzt.muenchen: Welche? Reto: Man sieht die Zusammenhänge klarer: was geschehen ist, warum es geschehen ist. Es ist normal, dass man irgendwann aufhören muss. Ich habe da kein Problem damit und fahre nur noch zum Spaß. Aber wenn ich mit dem Michi Albin (Schweizer Snowboarder, Anmerkung der Red.) und den Jungs im Engadin unterwegs bin, muss ich mich schon anstrengen, um hinterher zu kommen. jetzt.muenchen: Hast du auf dem Berg Angst? Reto: Vor allem Respekt. Aber Angst ist nicht unbedingt schlecht, eben ein Gefühl, mit dem man auf eine potentielle Bedrohung reagiert. Die Angst macht einen vorsichtiger und bedachter. Aber sie darf dich nie beherrschen. Denn auf dem Berg muss man immer agieren, die Situation und die Umgebung unter Kontrolle haben. Wenn du Angst hast, dann reagierst du nur noch. Dann bist du zu langsam. Ich habe zurzeit zu viel Angst. jetzt.muenchen: Warum? Reto: Ich bin 1997 in Alaska in eine Lawine geraten. Es war ein perfekter Tag. Sonne, blauer Himmel und unendlich viel Schnee. Und eine halbe Sekunde später rutschte der halbe Berg ins Tal und wir waren mittendrin. Es ist zum Glück nicht viel passiert. Wir haben stark geblutet und ein paar Zähne oben gelassen. jetzt.muenchen: Wie verarbeitet man so einen Unfall? Reto: Ich habe kein Patentrezept. Es ist ein Trauma, das dich nicht mehr loslässt. Ich fahre zwar immer noch am liebsten im Gelände. Aber ich genieße diese scheinbar perfekten Tage nicht mehr so. Manchmal sind wir mit einer Gruppe unterwegs, und plötzlich habe das Gefühl: Hier solltest du nicht sein. Schnell weg. Aber wenn die anderen den Hang fahren wollen, mache ich mit. Das ist kein Gruppenzwang, man hat in den Bergen die Verantwortung, sich nicht alleine zu lassen. Mein Vater war Chef der Bergwacht in St. Moritz. Der ist alle zwei Tage hoch auf den Berg um die toten Körper einzusammeln. So etwas prägt. jetzt.muenchen: Du arbeitest mittlerweile als Video-Designer viel in München, Las Vegas und Tokio. Vermisst Du in der Stadt manchmal die Berge? Reto: Ich habe ja immer noch das Eltern-Haus im Engadin. Die Berge waren immer da und sind so etwas wie meine Heimat. Es ist schön, wenn man überall auf der Welt zu Hause sein kann. Man braucht nur ein paar Gipfel. Aber ich glorifiziere das nicht. Ich lebe gerne in der Stadt. Die Berge kann ich ja von München aus schnell besuchen. Und in den Bergen ist es so einsam. Kein Kino, keine ordentliche Kneipe. Machmal habe ich dort das Gefühl, ich drehe durch.
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Tobias Moorstedt