Das Mädchen, das im Wald wohnt
Text: anke-luebbert
Nele wohnt seit Oktober in einem Erdloch zwischen ein paar Eichen. Sie hatte einfach Lust darauf. Hier kannst du dir in einer
Bilder-Galerie anschauen, wie Nele wohnt.
Kurz vor dem Waldrand bleibt Nele stehen. Den letzten Kilometer hat sie ihr Fahrrad gegen stürmischen Westwind bergauf geschoben. Die Stadt ist hinter ihr zu einer Ansammlung von gelben Lichtern geschrumpft. Nele legt den Kopf in den Nacken und dreht ihn. „Ich horche immer erstmal. Damit ich nicht mitten in eine Wildschweinrotte renne.“ Und dann geht es in den Wald hinein. Der blasse Lichtkegel, den ihre Stirnlampe in die Dunkelheit schickt, irrt über Eichenstämme und Fichtenunterholz, mal nach rechts, mal nach links. Feuchtes Laub bedeckt den Boden. Dann erfasst der Lichtkegel das Tarp, eine hellgrüne, straff gespannte Plane. Das Tarp ist Neles Dach. Ihr Haus ist in die Erde gegraben: Ein Meter tief, zwei Meter lang, zwei Meter breit. Die Wände sind aus sandigem Waldboden. Auf dem Fußboden liegt eine rote Wolldecke und mitten darauf ein angebissener Apfel. „Oh“, sagt Nele, „da waren wieder Mäuse.“
Es ist Dezember und Nele wohnt in einem Wald in Vorpommern. Alleine. Sie hat sich zwischen Eichen ein Loch gegraben, eine Plane darüber gespannt und eine Feuerstelle eingerichtet. Während ihre Kommilitonen in der nahegelgenen Stadt in WG-Küchen und Arbeitszimmern die Heizung aufdrehen, holt Nele eine Spaltaxt mit einem gigantischen Stiel und geht zum Hackklotz. Die Axtschläge dröhnen im Wald, laut und dumpf. „Wenn ich nach Hause komme, mache ich immer als erstes ein Feuer“, sagt Nele, zündet dünne Zweige mit einem Feuerzeug an und legt die frisch gespaltenen Holzscheite wie Jenga-Steine oben drauf. Schon brennen die Scheite, das Feuer wärmt, heller Rauch beißt in den Augen. Nele legt ein Eisenrost über die Feuerstelle und stellt einen Emailletopf darauf, in den sie Milch aus einem Tetrapack leert. Sie ist keine Einsiedlerin und auch nicht menschenscheu. Sie fährt morgens in die Stadt, lernt für Prüfungen, besucht ihre Freunde und nutzt reihum deren Duschen und Waschmaschinen. Abends zwischen acht und neun kehrt sie zurück zu ihrer Grube, macht sich ein Feuer und etwas zu essen und legt sich schlafen. Die meisten ihrer Freunde wissen wo sie lebt, ihre Eltern nicht. „Nicht weil sie entsetzt wären oder sich Sorgen machen würden. Aber ich wusste am Anfang nicht, wie lange ich das durchziehe. Die Situation war einfach noch zu unsicher, um meine Eltern damit zu konfrontieren.“ Viele bewundern den Mut und die Entschlossenheit, die man braucht, wenn man zur dunkelsten und kältesten Jahreszeit im Wald wohnen will. Einige schütteln verständnislos den Kopf.