15.12.2006 - 19:00 Uhr

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Mächtige Online (3): Zu Besuch auf der Website des Dalai Lama

Text: stefan-biro

Vor einer Woche hat jetzt.de das Internetportal der nordkoreanischen Regierung vorgestellt. Davor haben wir uns schon die Regierungs-Webseite der Fiji-Inseln angesehen. Heute nun Teil drei der Serie „Mächtige Online“: Wir besuchen die Heimseite von Tenzin Gyatso, seines Zeichens der 14. Dalai Lama und seit einem Jahr auch unter www.dalailama.com anzutreffen.

Wenn der Dalai Lama sein Gesicht zum Lächeln verzieht, dann steckt das an. Der Dalai Lama lächelt fast immer, sein Lächeln ist ein gutes Lächeln. Dalai Lama bedeutet „ozeangleicher Lehrer“, die korrekte Anrede für Tenzin Gyatso ist allerdings „Seine Heiligkeit“. Der Empfang auf der Seite: Auf der Startseite „Seiner Heiligkeit“ ist alles gelb – die Farbe der Erleuchtung. Nach zehn Sekunden schält sich aus dem gleißenden Gelb ein weiser Vierzeiler des buddhistischen Lehrmeisters Shanti Deva heraus: For as long as space endures, and for as long as living beings remain, until then may I too abide to dispel the misery of the world.
Eintritt in gelb: die Startseite des Dalai Lama. Auf Englisch, aber auch in sämtlichen Zeichenkombinationen des fernen Ostens flackert dieser Satz über den Bildschirm. Eine deutsche Version ist hingegen nicht dabei. Der Satz lässt sich in etwa so übersetzen: Solange der Raum andauert, solange es Leben gibt fühle ich mich verpflichtet, gegen die Übel dieser Welt anzurennen. Was erfahren wir? Der Dalai Lama ist der Chefmönch der Buddhisten, und außerdem das weltliche Oberhaupt von sechs Millionen Tibetanern. Er lebt im Exil in Indien und wird international als religiöser, nicht aber als politischer Führer anerkannt. Die Volksrepublik China kämpft mit Zähnen und Klauen gegen die Autonomie von Tibet, wo Tenzin Gyatso 1935 geboren wurde. Eine ausführliche Biografie gibt es unter der gleichnamigen Homepagerubrik nachzulesen. Man erfährt dort zum Beispiel, wie Tenzin Gyatso als zweijähriges Baby von zwei buddhistischen Scouts als neuer Dalai Lama entdeckt wurde. Ganz sicher waren sich die zwei erst nach einer Art Casting, bei dem der kleine Tenzin Gyatso spontan eine Handvoll einschlägiger mönchischer Acessoires korrekt dem eigentlichen Besitzer zuordnen konnte - seinem Vorgänger als Dalai Lama nämlich. Das war, hier verkürzt dargestellt, der Beweis für die Auserwähltheit Tenzin Gyatsos. Interessant ist auch die Episode seiner Flucht nach der Besetzung Tibets durch die Chinesen: Als gewöhnlicher Soldat maskiert, entkam der Dalai Lama 1959 nach Dharamsala, wo er seither lebt und lehrt. Das soll beim Leser hängen bleiben: Acht Jahre hauste er ausschließlich in seinem Bet-Refugium in Dharamsala, seit 1967 bereist er die ganze Welt. Auch in Deutschland war der Lama schon 28 Mal. Wenn „Seine Heiligkeit“ also nicht in Indien weilt, sitzt sie wahrscheinlich gerade im Flieger zum nächsten spirituellen Meeting. Sie möchte „Menschenrechte, religiöse Harmonie und Verständnis in aller Welt verbreiten.“ Hier geht´s, nebenbei, zu den Highlights der jüngsten Japanreise.
Nippon im November 2006: der Dalai Lama gibt sich die Ehre. Eine geschilderte Begebenheit auf der Reise liest sich so: Im November sprach der Dalai Lama auf einer Konferenz in Tokio. Als er gerade zum Punkt kommen wollte, stürmte eine heulende Mexikanerin auf ihn zu, die sich unter eine Horde japanischer Vuitton-Girlies gemischt hatte. Sie jammerte über die Pläne der US-Regierung, eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu errichten. Darauf der Lama: Geh und arbeite! Es gibt tausende Leute, die dir helfen werden. Du bist nicht allein. Du solltest deine Hoffnung nicht verlieren. Sei optimistisch! Ein typischer Dalai Lama-Spruch. Für wen ist die Seite gedacht? Man kann ihm hinterher reisen. Man kann den Lama aber auch daheim in Dharamsala besuchen. Dafür gibt’s wertvolle Tipps. Wer an den Betstunden teilnehmen möchte, braucht, so erfahren wir, nur ein Betkissen, einen Sonnenhut, eine Tasse für den im Tempel feilgebotenen Tee und ein Transistorradio mit Headset, um die Ansprachen des Lamas in der jeweiligen Landessprache mitzubekommen. Damit es im Tempel kein Gerangel um die Sitzplätze gibt, hat der Dalai Lama das balearische Handtuchprinzip eingeführt: Wer seinen gewünschten Sitzfleck mit dem Betkissen markiert, erwirbt ein Sitzrecht für die Dauer eines Seminars.
Pray! Lama in Action. Man muss aber nicht nach Indien jetten, um die Lehren des Lamas aufschnappen zu können. In der Rubrik Messages and Speeches findet man Antworten auf alle Fragen des Lebens, auch Fragen, die dem Lama womöglich so nie gestellt wurden. Die Weisheit „Seiner Heiligkeit“ lässt sich auf alle Situationen des Alltags runterbrechen. Tenzin Gyatso im O-Ton: Also ganz ehrlich, als Kind hat mich Krieg und Militär total fasziniert. Die Uniformen von Soldaten sehen einfach scharf aus. Aber genau da beginnt die Verführung. Kinder fangen an, Spiele zu spielen, die ihnen irgendwann mal Ärger machen. Es gibt doch so viele spannende Spiele, die nicht darauf aufbauen, dass man Menschen tötet. Also, wenn wir als Eltern nicht schon so vom Krieg benebelt wären, müssten wir doch klar erkennen, dass es extrem unglücklich ist, unseren Kindern zu erlauben, mit Kriegsspielen aufzuwachsen. Der geneigte Leser mag das als aktuellen Beitrag zur Ballerspiel-Debatte lesen. Oder auch nicht. Lesenwerteste Rubrik: Der Buddhismus gilt als die Religion der Friedfertigen. Was nur wenige wissen: Seit Jahrhunderten wütet ein blutiger Konflikt rund um den Dalai Lama. Es geht um spirituelle Dogmen, aber auch um Macht und Loyalität. Ein bisschen wie in „Der Name der Rose“. 1997 wurden bei einem Anschlag im Kloster von Dharamsala drei Mönche bestialisch niedergemetzelt. Im Mittelpunkt des Konflikts steht der Schutzgeist „Shugden“. Warum der Dalai Lama strikt gegen die kultische Verehrung des Geistes ist, erklärt er in einem umfangreichen Dossier. Dazu gibt es auch einen Dokumentarfilm auf Englisch, gratis zum Download.
Gemeuchelter Mönch. Lesensunwerteste Rubrik: Der Dalai Lama-Webcast zeigt ein paar Betvideos vom August. Man kann diese Videos allerdings nur mit dem Realplayer abspielen und – obwohl einige Videos Englisch synchronisiert sind – sind sie kaum verständlich. Merke: Nur unmerklich unterscheidet sich das tibetanische Englisch vom tibetanischen Tibetanisch. Bestes Multimedia-Material: Wenn man so will, die Fotogalerie. Dalai Lama in Action!


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2 Kommentare

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abisa
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Mag ich Mag ich nicht

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18.12.2006 - 17:19 Uhr
abisa

ich finde diesen text kleingeistig, fatalistisch und geschmacklos.
er trifft die essenz dessen, was der dalai lama rund um den erdball verbreiten möchte, mit keiner silbe- wahrscheinlich auch mit keinem gedanken im hintergrund von seiten des verfassers.
wenn er die botschaft des buddhismus nicht kennt- warum kann er dann in der sz darüber schreiben?
für wen also schreibt biro diesen artikel? doch vermutlich nur für sich selbst.
möglich, dass dies den herrschenden zeitgeist trifft - arme welt.

jeanluck
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Mag ich Mag ich nicht

0

30.12.2006 - 10:08 Uhr
jeanluck

Stimme abisa vollkommen zu! biro versucht, so scheint mir, seinen Besuch der Webseite des Dalai Lama satirisch zu beschreiben. Dass er sich dabei schon an der Farbe der Startseite stößt, beweist allerdings keinen besonderen Tiefgang. Weiter geht's mit einer verzerrten Übersetzung, einer bemüht lustigen, tatsächlich aber tendenziösen Ausdrucksweise und der ach so ulkigen Bildunterschrift "gemeuchelter Mönch".
Letztlich bleibt die Frage offen, was biro für ein Problem mit dem Dalai Lama hat. Was ist falsch an Menschenrechten, religiöser Harmonie und Verständnis? Und ist es etwa schon wieder "out", von Kriegsspielzeug (und evtl. auch Ballerspielen) für Kinder abzuraten?
Übrigens: Wer modern rüberkommen will, sollte auf der Höhe der Zeit sein. "Tibetanisch" sagte man früher, heute hat sich als Adjektiv und als Bezeichnung der Sprache "Tibetisch" durchgesetzt.


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