Mit freundlichen Grüßen, Dad
Text: shirin80
Seit Jahren hasse ich fast alle Sorten von Fleisch, inklusive Schinken, sowie Chicoree und einiges mehr. Wenn ich bei dir bin, gibt es Chicoree mit Schinken umwickelt. Schmeckt dir doch, oder? Klar, sage ich, und schlucke, aus vermeintlicher Freundlichkeit, Harmoniesucht und falschem Scham Stück für Stück hinunter, zusammen mit meiner Wut und der Frage, was zur Hölle ich eigentlich hier mache.
Ich wusste nicht mehr, was du gesagt hast, erklärst du, ob du nun manche Sorten von Fleisch isst oder nicht. Ja, zuhören ist Luxus, ich weiß. Das konntest du schon immer gut, hören, was du hören willst.
Als Kind hast du Lyoner geliebt. Als Kind habe ich auch dich geliebt. Ist nur schon eine Weile her. Seitdem ist viel geschehen, jemand, dem ich blind vertraute, hat mich auf grausamste Weise im Stich gelassen, jemand, der meine Wurzeln darstellte hat mich komplett entwurzelt. Damals sagte mir jemand, dass ich dir verzeihen würde, mit der Zeit. Aber vergessen würde ich es dir nicht. Sollte sich bewahrheiten. Aber kann man wirklich verzeihen, wenn man nicht vergessen kann?
Eine Hülle von dir ist noch da. Aber mit Hüllen kann man keine Seelenlöcher füllen.
Tante Sowieso möchte gern ein aktuelles Foto von dir, sagst du, am Besten, wir machen nachher gleich eins. Am besten, ja, falls dir wieder einfällt, dich einfach zu verpissen. Weiß sie, warum sie nur ein Foto von vor 10,12 Jahren hat? Weiß sie, dass auch du, der sich selbst nun so süffisant als „Dad“ bezeichnet, selbst keine aktuellen Fotos hast? Weiß sie, dass es dir über Jahre am A**** vorbei ging, wie es mir geht? Dass du es nicht einmal für notwendig gehalten hast, auf der Intensivstation aufzukreuzen, als ich dem Tod näher als dem Leben war? Dass du weder an Weihnachten, noch an Geburtstagen noch an all den anderen Tagen an mich gedacht hast? Wie wär’s, wenn du ihr das gleich dazu schreibst, in deinem ach-ich-hab-so-eine-tolle-Tochter-die-gerade-einen-Einserabschluss-in-England-gemacht-hat-Pseudobrief?
Man soll die Vergangenheit ruhen lassen, hast du immer gesagt. Gut, die Gegenwart auch? Was ist meine Lieblingsfarbe, wo ist meine Lieblingskneipe, wie verbringe ich meine Freizeit, wer sind meine Lieblingsschriftsteller, -Schauspieler, -Filme, Lieblingsfußballmannschaft? Du zuckst mit den Schultern. Freiburger SC? Nein, „Dad“, ich habe keine Lieblingsfußballmannschaft, ich kann Fußball nicht ausstehen, aber woher sollst du das auch wissen?
Meinst du, dass ich glücklich bin? Ich würde mich schon durchschlagen, hast du gesagt, wie ich damals über Dritte erfahren habe. Blieb mir ja auch nichts anderes übrig.
Wer sind meine Freunde? Was sind meine Träume, meine Pläne? Denkst du nicht, dass jemand, der es wagt sich nach all den Jahren „Dad“ zu nennen, im Stande sein sollte, wenigstens einige dieser Fragen zu beantworten? Viel verlangt von jemandem, der mich x-mal nach meinem Lieblingsessen fragt und es sofort vergisst. Übrigens, früher, als ich noch an das glaubte, was du sagst, dass ich mich immer auf dich verlassen könne etc etc, nannte ich dich nie Dad. Hast du bestimmt auch vergessen. Ich habe mich auf dich verlassen; und bin seitdem verlassen.
Heute zeigst du ab und an, dass du an mich denkst. Hin und wieder flattern Briefe mit deinem Absender ins Haus. Immer mit ähnlichem Inhalt: bitte schick mir doch die und die Bescheinigung zu, für’s Finanzamt. Und nicht zu vergessen: „Mit freundlichen Grüßen, Dad“.
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14.12.2006 - 09:17 Uhr
Marzipankartoffel
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