Fünf Taktiken für Silvester

5. Verweigern: „Diesmal lege ich mich einfach um zehn ins Bett!“
Ein beliebtes Prinzip, um sich in individualistischen Ballungsräumen trotz mittlerer Originalität Gehör zu verschaffen, ist das Verweigern allgemein anerkannter Standards. So ist demjenigen der am Mensatisch spricht: „Ich lege mich dieses Silvester einfach um zehn ins Bett“ immer noch ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit sicher. (Vorausgesetzt, er sitzt nicht allein). Das heroische, das dieser Haltung bei flüchtigem Betrachten anhaftet, ist natürlich nichts anderes als Mist. Schließlich geht man ja die restlichen Tage auch ins Bett wann man will. Wem also danach ist, sollte es tun, sich mit dem Verkünden dieser Tat aber an den anderen 364 Tagen orientieren und also schweigen.
Wer ein überzeugter Verweigerer ist, wird, Störung von außen mal vernachlässigt, ruhigen Herzens einschlafen können, am nächsten Tag einen erfrischenden Spaziergang durch die Ruinen seiner Umwelt machen und daraus vielleicht auch eine exzentrische Selbstbestätigung ziehen.
Wer aber unsicher mit dem Verweigern ist, wer vielleicht gar nur aus Mangel an interessanten Alternativen oder aus vager Unlust früh ins Bett steigt, der wird sich grausam wälzen und weinen, bis mindestens fünf Uhr morgens. Denn keine Nacht ist anfälliger für melancholischen Wulst, für Schwermutwucherungen und Selbstzweifel, für trauriges Grübeln über verpasste Chancen und alternde Sorgen. Deswegen trinken die Leute ja! Und peitschen sich Goldflitter in die Augen! Also, wer sich nicht ganz sicher ist: raus, wenigstens auf die Straße und eine Wunderkerze schnorren.
Illustrationen von: dirk-schmidt
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