Cybergrüße von der „Achse des Bösen“
Text: stefan-biro
Die Homepage des nordkoreanischen Regimes im Check
Auf den Fidschi-Inseln starteten wir am Mittwoch unsere Serie „Websites der Machthaber“. Heute stellt euch jetzt.de die Onlinepräsenz der Demokratischen Volksrepublik Korea aka Nordkorea vor.
Der Empfang auf der Seite:
Willkommen in der Welt des exzentrischen Rotwein-, Blondinen- und Sportautosammlers Kim Jong Il. Ich klicke auf http://www.korea-dpr.com/menu.htm und wähne mich ins Paläolithikum des Webdesigns zurückversetzt. Meine erste Assoziation: Ästhetisch fühlt sich das an wie die Startseite eines lieblosen Darkmetal-Mailorder-Versands in der Frühphase des Online-Vertriebs. Umnebelt von rabenschwarzer Nacht schwingen die bronzenen Leitfiguren aus dem Regierungsclan Hammer und Sichel. Wir schreiben das Jahr 94 der nordkoreanischen Zeitrechnung. 94 Jahre nach der Geburt von Kim Jong Ils Vater, dem mythisch verklärten Staatsgründer Kim Il Sung, ticken die Uhren im Nordteil der koreanischen Halbinsel noch immer anders als im Rest der Welt.
Scary world impression: die Startseite des Nordkorea-Portals
Wer regiert wen?
„Unsere Führer sind die Sonne der Nation und der ganzen Menschheit“, heißt es einen Klick weiter azurblau auf fleischfarben. Wie bizarr, endlich angekommen in der ungewollt komischen Welt der Propaganda, denke ich mir. Darunter hat der Webmaster, die „Korean Friendship Association“ (KFA), Porträts von Vater und Sohn der Nation platziert. Beide tragen eine Brille Modell Kassengestell und haben die Hand zum Gruß erhoben. Man kann sich ihre Biografien als pdf-Dateien runterladen, die Biografie von Kim Il Sung ist 2161 Seiten lang. Kim Jong Il bringt es bisher nur auf 160 Seiten.
Das soll beim Leser hängen bleiben:
Die imperialistischen Yankees haben Korea gespalten, um von ihren wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Und weiter: Nordkorea ist ein sozialistisches Paradies, in dem alle Menschen ein glückliches Dasein fristen. Tag für Tag beweisen sie die Unbezwingbarkeit und Einheit des nordkoreanischen Volks.
Der informierte Weltbürger des 21. Jahrhundert mag bei der Lektüre amüsiert den Kopf schütteln und sich seinen Teil denken. Die überwältigende Mehrheit der Nordkoreaner hingegen hat keine Möglichkeit, an alternative Informationen ranzukommen. Kim Jong Il gesteht freien Internetzugang nur einer Handvoll loyalen Parteikader zu.
Führerkult um Kim sen. und Kim jun.
Für wen ist die Seite gedacht?
Die nordkoreanische Onlinedomain .kp wurde zwar pro Forma angemeldet, aber nie aktiviert. Selbst die offizielle Regierungsseite läuft über die Domain .com. Die Seite scheint dazu da zu sein, das Ausland nach potentiellen Sympathisanten abzuklopfen, sie ist vollständig auf Englisch. Am Kopf der Startseite verweisen ein gutes Dutzend Links zu spartanischen Ablegern der KFA in anderen Ländern, darunter Polen, Thailand und sogar die USA. Die Seite gibt es übrigens auch auf Esperanto.
Lesenwerteste Rubrik:
Ich möchte meiner Begeisterung für Kim Jong Il auf die Sprünge helfen und folge einem Link direkt in den Infobereich der KFA. Vielleicht lässt sich hier, inmitten pathetischer Propagandaformeln, endlich etwas Greifbares aus der Welt des „Lieben Führers“ aufzustöbern. Doch Fehlanzeige. Alles, was ich hier finde, ist ein wortkarger Appell an die Besucher der Seite, ungeachtet ihrer „Rasse, Nationalität, Religionszugehörigkeit oder ihrer politischer Anschauungen“ weltweit die Fahne hochzuhalten für die Werte Nordkoreas. Als bisher letzte „Aktivität“ des KFA steht ein interkultureller Handshake aus dem Jahre 2002 zu Buche. Damals wurde der spanische Diplomat Alejandro Cao de Benos mit einem „wertvollen und vollständigen“ Teeset und einem Teeset-Echtheitszertifikat für ein fünfstündiges Gespräch geehrt, dazu gab es persönliche Grüße von Kim Jong Il. Seither hat sich Nordkorea mehr und mehr isoliert.
Interkultureller Handshake mit dem spanischen Diplomaten de Benos
Lesensunwerteste Rubrik:
Das Land gilt als atomare Zeitbombe, die Diplomatie tut sich zunehmend schwer. Schlechte Zeiten für die Macher der Homepagerubrik „Tourismus“. Die ist nämlich vorerst auf Eis gelegt. Wer nach Nordkorea reisen möchte, muss sich einer staatlich gelenkten Gruppenreise anschließen. Zu sehen gibt´s nur das, was gesehen werden soll. Und derzeit soll wohl nichts zu sehen sein. Eine für 2007 angesetzte Reise wurde auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Wer mehr wissen will, der möge bald wieder auf der Regierungsseite vorbeischauen.
Bestes Multimedia-Material:
In der Mediathek gibt’s eine bunte Mischung erheiternder bis verstörender Ton- und Filmdokumente, etwa ein kurzes Videofile, in dem Kim Jong Il mit Zeigestab die architektonische Großartigkeit der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang demonstriert. Das Video ist allerdings ziemlich verrauscht, und der Kommentar auf Spanisch. Anrührend sind die inbrünstig intonierten Kinderlieder zu Ehren des Diktators. Und hörenswert ist natürlich auch der „Song of National Defence“, die Hymne der KFA. Wenn man diesen Song abspielt, startet gleichzeitig eine Diashow über Land und Leute. Außerdem läuft der Text der Hymne unten mit. Auf Koreanisch und auf Englisch. Ein blauer Knödel saust von links nach rechts und geleitet alle, die beim zweiten oder dritten Mal Hören selbst mitsingen möchten.
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09.12.2006 - 11:35 Uhr
spaetschicht