08.12.2006 - 14:55 Uhr

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Schottersteine

Text: KleinOrangenmaedchen

Sie stand in der Ausfahrt zu dem Haus seiner Familie. Vor ein paar Stunden war es noch die Einfahrt gewesen, die sie mit eiligen Schritten hochgelaufen war. Die Einfahrt mit den Büschen rechts und links und den Blumenbeeten vor dem Haus. Die Einfahrt aus roten Klinkersteinen. Und die Ausfahrt mit dem Schotter an der Stelle, wo sie auf die befahrene Straße trifft. Schotter. Steine. „Du bist wie ein Stein.“, hatte sie ihm vor den Kopf geworfen und ihr Herz gleich hinterher. Sie konnte nicht schreien. Sie konnte nie schreien, wenn sie in seiner Nähe war. Und wenn sie dann die Holztreppe, die auf der vorletzten Stufe leicht knarrte, hinunterschlich, liefen ihr laute Tränen die Wangen hinunter. Sie hatte gelächelt, als sie ihn in der Tür stehen sah. Er hatte geschlafen. Die kastanienbraunen Haarsträhnen standen in alle Richtungen. Er hatte gestottert, als er ihr einen Guten Morgen in die Ohren geflüstert hatte und als sie seine Hand in ihre gesteckt hatte, war sie kalt gewesen. So kalt wie ein Stein. So graukalt wie Schotter. Das Zimmer roch nach Schlaf und Rauch und schlechten Träumen und all seine bunten Socken hatte er aus der Schublade geräumt. Verstreut lagen sie im Zimmer. Verwirrt glänzte die Falte auf seiner Stirn. Sie hatte ihm von ihrem Traum erzählt. Das Kaninchen das vor ihr wegrennt und wegrennt und hüpft und über Kastanien hüpft und sich in einer Bärenhöhle versteckt und sie sucht es und sucht es, doch es ist Nebel. Und er schaute dabei aus dem Fenster, die Jalousie war noch zur Hälfte unten. Er musste die schwarzen Augen zusammenkneifen, um die Sonne zu suchen und die Bäume zu zählen. Sein Schweigen schwebte durch den Raum. Sie konnte es fast sehen. Wie Nebel ließ es sie blind werden. Sie ging zu ihm, legte ihre feuchtwarme Hand auf seinen Rücken und er zuckte. Er zuckte. Es war, als hätte er sich aus dem Fenster gestürzt. So fühlte es sich an, als ihr Herz verkrampfte und ihre Zehen sich in den gestreiften Teppich bohrten, wie sie es so oft getan hatten. Sie nannte seinen Namen. Rief ihn. Doch es war, als hätte er seinen Namen in der Nacht ausgespuckt. Die letzten Buchstaben schienen noch in seinem trockenen Mundwinkel zu hängen. Sie schaute aus dem Fenster auf den grauen Terrassenboden und suchte ihn mit den benebelten Augen nach seinem Namen ab. Dann schüttelte sie ihn und ihre Fingerspitzen suchten nach seinem Herzschlag. „Du bist wie Stein.“ Er drehte sich zu ihr um und musterte sie. Schweigen. Der schwarze Blick. Sie zitterte. Und sie bekam Gänsehaut, als er ihr über die Wange strich. Sie konnte nicht schreien. Sie konnte nicht weinen. Nur zittern. Und sie wollte weglaufen und dort bleiben und sich mit ihm in das verschlafene Bett legen mit seinen bunten Socken an den kleinen Füßen und die Wangen aneinander reiben und das Mobile an der der Decke beobachten. Wie sie es immer morgens gemacht hatten. Dann war sie gegangen. Zuerst langsam, langsam hatte sie die Holztür aufgestoßen und dann hatte sie sich noch einmal umgedreht und ihm ihr Herz vor die Füße geschmissen. Vor die nackten, blutweißen Füße. Und er hatte etwas schief geguckt und sie hatte beobachtet, wie er seine Zehen in den Teppich bohrte und es hatte ausgesehen, als hätte er die Hand gehoben. Die rechte Hand. Wie ein Gruß aus der Ferne. Wie ein Gruß zum Abschied. Wie ein Gruß unter Bekannten. Und dann waren ihre Schritte schneller geworden und die Tränen waren gekommen und hatten ihr den Blick verschleiert, als sie die Treppe hinuntergerannt war. Es hatte nicht geknarrt, als sie die vorletzte Stufe mit ihren Füßen berührte. Die Haustür hatte offen gestanden und in der Ausfahrt stand kein Auto. In der Ausfahrt waren die Büsche gerade geschnitten worden. In der Ausfahrt lagen ein paar bunte Socken, als sie ihre Augen schloss. Dann blieb sie stehen, um zu atmen. Sie stand in der Ausfahrt zu dem Haus seiner Familie.


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6 Kommentare

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Gambit
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Mag ich Mag ich nicht

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08.12.2006 - 19:25 Uhr
Gambit

toller stil
wirklich toll ;)

Nereida
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Mag ich Mag ich nicht

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09.12.2006 - 22:14 Uhr
Nereida

Toll beschrieben, wie aus der Einfahrt die ausfahrt wird... schönes Bild.
Aber sag' mal... was sind denn "blutweiße Füße"?? Ich habe den Ausdruck noch nie gehört.

ImNamendesWahnsinns
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Mag ich Mag ich nicht

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10.12.2006 - 13:22 Uhr
ImNamendesWahnsinns

*

DerHerrAlbert
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Mag ich Mag ich nicht

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10.12.2006 - 15:31 Uhr
DerHerrAlbert

toll geschrieben...
obwohl es traurig ist!
***

lilluvya
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Mag ich Mag ich nicht

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16.12.2006 - 11:31 Uhr
lilluvya

blutweiß
oh wie grandios. das ist gut.


(darüber mag ich reden. ja. aber nicht totreden. keine angst. bis montag)

zitronenmann
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Mag ich Mag ich nicht

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17.12.2006 - 21:09 Uhr
zitronenmann

Doch, der auch.


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