New Blogs On The Kids
Text: tobias-moorstedt
Neun Thesen zur Blogosphäre: jetzt.de durchleuchtet die Zukunft des Zukunftmediums
#7 Blogs sind korrupt wie wir alle
Ein schönes Zitat aus einem US-Weblog: „Part of the deal we have together: I do not hide the times when I am an ass or a fool“. Blogs sind die Stimme eines Autors, und wirken vielleicht deshalb authentischer und ehrlicher als bösartige Konzerne wie die Bild-Zeitung. Der Blogger Don Alphonso beschrieb in seinem „Blogs“-Buch ausführlich die Integrität des Bloggers, der nur über Dinge schreibt, die er aus eigener Anschauung kennt, intelligent, engagiert, unbestechlich und finanziell unabhängig. Die Anti-Kommerzialität der Blogs ist lange vorbei. Der deutsche Blog Wirres.de ließ sich kürzlich von Opel sponsern und berichtete über seine Erlebnisse mit dem Neuwagen. Und das US-Unternehmen Payperpost hat gerade mehrere Millionen Dollar Risikomaterial eingesammelt. Das Geschäftskonzept: Blogger für Werbe-Beiträge zu bezahlen. Aus Blogs sind Unternehmen und Ich-AGs geworden. Auch sie verspüren vielleicht Druck von Anzeigen-Kunden und bekommen unmoralische Angebote. Es kommt ganz auf den Charakter des Autors an.
#8 Blogs sind ein Ventil und damit ein Therapie-Ersatz
Das bloße Aufschreiben frustrierender und deprimierender Zustände kann befreiend sein. Das zeigt zum Beispiel die Methode „Frustzettel“, die von Psychotherapeuten als Verarbeitungsmaßnahme verordnet wird. Frustauslöser sollen dabei auf einem Blatt Papier niedergeschrieben werden, welches im Anschluss vernichtet wird. Die Blogosphäre weist zahlreiche vergleichbare Einträge auf. Ein Beispiel:
„Gerade habe ich mir eine riesen Schelte von meiner Hausärztin abgeholt, ich habe 10 Kilo Übergewicht ;o( (…) naja, irgendwie werde ich das hinbekommen, mußte mich gerade nur mal ein wenig ausheulen ;o)“, schreibt eine deutsche Bloggerin am 17. August 2005 in „schnackepuhs.blogspot.com“.
Mitfühlende Kommentare folgen auf dem Fuß:
„Tja, da kann ich mich zu Dir gesellen *schnieftmit* Aber laß uns unsere hübschen Köpfe nicht hängen lassen, okay? *knuddeltDichmalganzdolle*“
Die einseitige Frustzettelmethode wird hier um die Spiegelung durch Außenstehende erweitert. Vielleicht erhält man auch mal einen guten Rat.
#9 Bloggen muss man mal gemacht haben
Es war ein Sonntagabend kurz vor neun, als ich auch ein Blog haben wollte. Um kurz nach neun hatte ich eines, es stand nichts drin. Ich schrieb einen Eintrag. Es gab keinen Chefredakteur, keinen Duden, keine „60 Zeilen mehr ist nicht drin!“-Ansagen: bloggen fühlte sich an wie Urlaub, nur mit Tastatur. Bis zehn Uhr hatte mein Blog drei Einträge und zwei Fotos. Ich wartete, nichts geschah. Ein Zähler zeigte an, dass mein Blog bisher elfmal aufgerufen wurde. Das war ich selber. Nach dem Zähneputzen schaute ich ein zwölftes Mal nach, las meine Einträge, sah mir die Fotos an, fühlte mich gut unterhalten und ging ins Bett. Am nächsten Tag kam ich erst am Abend dazu, mein Blog zu öffnen, das ich unberührt vorfand. Ich schrieb einen zaghaften Eintrag, mit dem Vermerk, dass ich in den nächsten Tagen nicht bloggen könne, da ich verreisen musste, und entschuldigte mich für diesen Umstand. Der Zähler zeigte vierzehn Aufrufe. Zurückgekehrt von der Reise öffnete ich noch im Mantel mein Blog und schrieb erleichtert: Bin wieder da! Nichts geschah. Nur der Zähler hatte eins weiter gezählt. Ich schrieb keine weiteren Einträge und lud keine Fotos mehr hoch, gewöhnte mir vor verlängerten Wochenenden und bei Bettlägerigkeit aber an, mich kurz in meinem Blog abzumelden. Das bin ich meinen Lesern doch schuldig.