03.12.2006 - 19:00 Uhr

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Kunst Kauf Rausch: Die Suche nach dem perfekten Bild - Teil1: Die Wand

Text: henrik-pfeiffer

Keine Lust mehr auf Ikea-Drucke und Fotokollagen? Echte Kunst muss her! Aber wie erwerbe ich Kunst, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen? Wo kann ich Kunst kaufen? Welchen Stil, welche Epoche wählen? Und kann ich mit EC-Karte zahlen? Jetzt.de startet eine Reihe über die endlosen Weiten des Artspace

Kunst ist was für alte Säcke mit zu viel Geld. Und zu großen Wohnungen. Zumindest dachte ich das immer. Es ist nicht so, dass ich noch nie auf einer Vernissage oder in einem Museum gewesen bin – im Gegenteil: Solche Ereignisse bereichern meinen Alltag und sorgten schon oft für manchen krönenden Abschluss eines zuvor gar nicht viel versprechenden Tages. Aber Kunst echt kaufen? So richtig, für Geld? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vor kurzem bin ich umgezogen. Mit Frau. Das bedeutet nicht nur die Erwachsenwerdung des Lebensentwurfs, sondern auch die stilistische Neuanordnung des Wohnraums. Im Klartext: Fotokollagen mit bekifften, Fratzen schneidenden Freunden in Wechselrahmen müssen raus. Ebenso die selbst gemachten, nachdenklichen Fotografien à la Brand-eins: „Frau im weißen Raum am Fenster von hinten im Sechs-mal-sechs-Format“. Überhaupt, diese ganzen Kleinigkeiten - Edgar-Karten in Minirahmen, „kultige“ Kinderfotos aus den Siebzigern, dazu die Warhol-Supermarkt-Edition samt Suppendosen und James Dean – ich kann das alles nicht mehr sehen. Deckenhöhe dreivierzig - da muss flächendeckend erneuert werden. Der Einzug ist vollbracht. Möbel stehen an ihrem vorläufigen Reiseziel. Die Wohnung hallt nicht mehr so arg, doch die Wände sind nackt. Und ich sitze vor DER Wand, also jener, die als makellos alpinaweiße Fläche im Wohnzimmer aufragt und von ablenkenden Möbelstücken verschont geblieben ist.
Und vor lauter Bildern keine Welt: einen Gerhard-Richter kann sich keiner leisten. Aber was dann? „Irgendwie find ich das geil, so eine weiße Riesenwand“, sage ich zu mir selbst. „Irgendwie hast du sie nicht mehr alle“, sagt die mitwohnende Geliebte, plötzlich neben mir stehend, und betrachtet schrägen Kopfes die Wand. „Das sieht ja aus wie im Krankenhaus. Es muss etwas dort hängen. Etwas Großes. Die Wand ist wie geschaffen für etwas Großes.“ Etwas Großes. In meinem Kopf geht das Leuchten los. Ich sehe Farben, wild und ausdrucksstark, leuchtend und beweglich. Ein Foto? Ein Ölgemälde? Nein, jetzt hab ich’s: ein Plakat! „Was hältst du von einem Plakat?“, frage ich. „Oh ja, toll, ein Plakat, wow“, sagt sie tonlos. „Ein CDU-Plakat vielleicht? Oder doch lieber ein Mediamarkt-Plakat? Nein, lass mich raten: ein Johnny-Cash-Plakat, stimmt’s?“ „Eigentlich dachte ich an ein altes Filmplakat. Du weißt schon, so ein Original aus den Vierzigern oder so was.“ „Also eins sag ich dir, mein Lieber“, entrüstet sie sich. „Ich habe ü-ber-haupt keine Lust jeden Tag dem Heinz Rühmann in seine verkniffene Fresse zu schauen, mit Ava Gardner kannst du mich zum Mond jagen, und überhaupt finde ich Filmplakate total prätentiös! Außerdem – weißt du, was so ein originales Kinoplakat aus den Vierzigern kostet?“ Nein, das weiß ich in der Tat nicht. Überhaupt ist das ein Punkt, den ich bisher gar nicht berücksichtigt habe: Was kostet eigentlich ein Bild? „Dreineunzich, in dem Copyshop bei mir unten im Haus“, verrät mir ein lieber Freund. „Echt. Ich hab da schon ein paar mal Sachen zum Ausdrucken auf A1 hingebracht. Funktioniert super. Und sieht gar nicht mal schlecht aus.“ Ich kenne seine Wohnung und weiß, was er meint mit „sieht gar nicht mal schlecht aus“: Photoshop-Phantasien für Cyberhippies – gesamtspektrale, Augenkrebs erzeugende Weltraumimpressionen mit vielen weichen Farbverläufen, die mich immer beunruhigen, weil sie aussehen wie der bildgewordene Alptraum eines LSD-Astronauten. „Nimm es mir nicht übel“, sage ich meinem Freund, „aber ich glaube, ich möchte das auf keinen Fall!“ „Dann lad dir doch was aus dem Internet“, beharrt er. „Du könntest dir doch so `ne total abgefahrene Mona Lisa mit Sonnenbrille oder so was…“ „Ich muss jetzt leider gehen“, unterbreche ich. Ich gehe heim und suche im Internet nach Bildern. Beziehungsweise nach Preisen für Bilder. „Kunstgalerie online“ lautet meine Suchanfrage – kunstonline.net heißt das erste Suchergebnis. Die Kölner Kunstagentur produkt17 bietet hier Erzeugnisse aus den Disziplinen Fotografie, Malerei und Bildnerei an. Sehr schön. Mal sehen.
Erster Versuch. Ein unscharfes Foto (Piezo Druck) einer Topfblume (circa Stiefmütterchen) des Künstlers Ingo Helmes mit dem Titel „Präsenz“, 32 mal 48 Zentimeter: 160 Euro. 32 mal 48 Zentimeter? Zu klein. Ich will etwas Großes, kann aber kein Foto finden, das über eine Seitenlänge von 80 Zentimetern hinausgeht. Also lieber was Gemaltes.
Zweiter Versuch: Ein aufgeräumtes Ölgemälde aus geschwungenen Linien, die in pflanzenartige Formen münden. Der Künstler Markus Johne gab ihm den Titel „Schlafender Adonis“. Zwei mal zwei Meter – jetzt kommen wir der Sache schon näher. Doch was steht da noch? Preis: 3300 Euro! Bei den anderen Bildern aus dem Hause produkt17 sieht es preislich kaum anders aus. Sollte es wahr sein, dass mein Kunstprojekt „Heimverschönerung“ an der Finanzierung scheitert? Oder muss ich einfach genauer suchen? Ich werde jedenfalls nicht aufgeben, bis meine Wand das imposante Kunstwerk ziert, das sie verdient hat. Dafür werde ich Ausstellungen besuchen, Künstler und Galeristen nerven, Sammler befragen und vielleicht selbst Malstunden nehmen. Irgendwie muss man doch an Kunst rankommen, verdammt. Fortsetzung folgt. Fotos: produkt17 (2), ddp


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Milupa
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2006 - 20:17 Uhr
Milupa

selber machen: meine Wand ziert ein riesiges Action Painting, von Freunden gemacht

barcelona88
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2006 - 21:04 Uhr
barcelona88

ja selber machen ist gut..

und wem was zu meinem facharbeitsthema (der öffentliche raum als experimentierfeld - irritierende eingriffe und veränderungen) einfällt, bitte melden, ich bin grad in nem kreativen loch..
also echt jetzt!

merwe
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2006 - 23:43 Uhr
merwe

Auf gar keinen Fall selber machen! Nur weil jeder Depp glaubt, Cy Twombly selber machen zu können, heißt das nichts - außer dass die Selbermachenfraktion keine Ahnung. Dann noch lieber EdCards. Und das ist schon üble Scheiße.

barcelona88
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04.12.2006 - 00:17 Uhr
barcelona88

wenn du selber was machen kannst was dir selbst gefällt, ist doch ok.

wenn du das nicht kannst, dann lass es.

Viertelnachvier
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Mag ich Mag ich nicht

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04.12.2006 - 04:14 Uhr
Viertelnachvier

Ist doch schon mal ein vielversprechender Anfang, wenn einem eine weiße Wand soviel zu sagen weiß, etwas "dagegen", bzw. etwas "dafür" zu tun, egal ob als Kunstkonsument nun zu Künstlern oder selbst unter diese zu gehen: Wer weiß, aber bei der weißen Wand wirds nicht bleiben - und für die Ewigkeit wirds nicht sein. - Wanndst woaßt, woasd wuist, na werds scho wern.

Baff
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04.12.2006 - 12:24 Uhr
Baff

Mensch merwe, bist ja en echter Experte. Kannst nen echten Cy Twombly von so nem Geschmiere von irgendwelchen Deppen unterscheiden. Respeeeekt.

keinekueche
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04.12.2006 - 15:27 Uhr
keinekueche

ich hab ein großes problem mit leuten, die kunst nicht danach beurteilen, ob sie einen bewegt oder beeindruckt, sondern nach ihren eigenschaften als wohndekoration und nach dem preisschild.

das hat mit kunstkennen oder gar kunstsammeln nicht viel zu tun, sondern ist pseudobürgerliches effektgeheische.

aber wenn's denn schon sein muß, und bevor ihr euch irgendeinen scheiß kauft: großartige fotokunst, wirklich, ganz ehrlich, gibt es hier:
www.lumas.de

"und ist auch gar nicht mal so teuer"

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Mag ich Mag ich nicht

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04.12.2006 - 15:28 Uhr
keinekueche

@viertelnachvier: kunstkonsument. genau. nach dem wort hab ich eben gesucht, das jagt mir wirklich kalte schauer über den rücken.

aeitschpi
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Mag ich Mag ich nicht

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04.12.2006 - 15:30 Uhr
aeitschpi

lieber herr pfeiffer,

die idee mit dem online-shopping ist ja schonmal gar nicht schlecht.
was aber auch ganz erträglich sein könnte, ist der regionale kunstmarkt. (nein, nicht die vhs-künstler, schon die 'echten' künstler.)
am besten ist es natürlich, sich bei bekannten (im sinne von selbst kennend) künstlern umzusehen. die freuen sich über lob und interesse - und geben einem - im besten falle- auch noch rabatt.

falls man nicht in der glücklichen lage ist, einen bekannten zu haben, der ansehnliches wand-material fabriziert, ist das vorhaben, die städtischen galerien abzuklappern, sicher nicht das schlechteste!

also: kunst auf!

und viel erfolg bei der suche.

mfg,

frau pe.

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Mag ich Mag ich nicht

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04.12.2006 - 16:03 Uhr
aeitschpi

@keinekueche:

liebe frau kk,

leider haben die 'künstler' (bleiben wir mal realistsich..) nicht allzu viel davon, wenn man sich in ihre bilder einfühlt, beindruckt oder bewegt ist. auch ein künstler braucht- so nüchtern das vielleicht klingen mag- geld zum überleben und somit zum kreativ sein.

pseudobürgerlich (meintest du vielleicht : ''bildungsbürgerlich'' [bürger sind wir wohl alle..] ), nein beinahe beschämend finde ich vielmehr (selbsternannte) kunstkenner, die jeglichen ökonomischen hintergrund der kunst verneinen. aber auch diejenigen, die immer noch meinen: je höher der preis, desto besser die qualität.

wenn ein bild nicht als wanddekoration dienen soll, wozu dann?
ich finde es durchaus legitim (ja, angebracht!) ein Bild auf seinen ästhetischen wert zu prüfen, bevor ich es mir an die wand hänge.

um nur mal einen kleinen historischen einblick zu geben:
früher waren malereien beinahe nur als wandschmuck vorgesehen.

die kunst des interpretierens und sentimentierens wegen zu mögen, ist völlig in ordnung. (wobei sich auch durchaus 'dekorative' kunst bestens dazu eignet.)

jedoch sollte er auch dem ästhetischem kenner die freude an der kunst lassen und diesen nicht als 'nichts verstehenden' kunstbanausen gar 'kunstkonsumenten' abtun.

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Henrik Pfeiffer
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