19.11.2006 - 19:00 Uhr

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"Sie sprechen aber gut Deutsch": Wie es ist, als Migrantenkind aufzuwachsen

Text: danica-bensmail

„Sie sprechen aber wirklich sehr gut Deutsch!“, staunte sie mir mit großen Augen entgegen. "Danke, ... Sie auch", antwortete ich und verließ von dieser seltsamen Situation überrumpelt einen großen Buchladen mitten in der Bremer Fußgängerzone. Kurz zuvor hatte ich den Laden betreten, um ein längst überfälliges Buch abzuholen, dass ich ungefähr zehn Tage zuvor bestellt hatte, und das ich nun endlich in den Händen hielt. Draußen schien die Sonne und Menschen schoben sich redend und lachend in einem Strom an mir vorbei. Was zum Kuckuck war das eben? Vor der Tür, im Licht der Sonne kam ich langsam wieder zu mir. Natürlich spreche ich gut Deutsch. In welchem Land befinden wir uns denn hier, bitteschön?
Deutschland multikulturell: Ein Vater schaut mit seinem Kind eine Austellung mit Porträtfotos von verschiedenen Familien aus dem Ruhrgebiet an Foto: ap Seitdem ich mich erinnern kann, hatte ich in ziemlich regelmäßigen Abständen eine recht ansehnliche Sammlung solcher Erfahrungen zustande gebracht. Als Kind fallen einem die neugierig löchernden Blicke der Menschen um einen herum natürlich noch nicht auf. Sie streichelten meine schwarzen Locken, bewunderten meine großen braunen Augen und staunten wie beredet dieses kleine italienische, türkische...? – wie beredet dieses kleine braune Mädchen daherkam. "Lass die Leute doch gucken! Du bist etwas besonderes“ Erst rückblickend, beim Anschauen alter Fotos mit meinen Kindergartenkollegen fiel mir das Übergewicht blonder, blauäugiger Knirpse auf, die am Geburtstagstisch um mich herum drapiert waren. Ich musste jedem Betrachter einfach sofort ins Auge fallen. Doch schon damals war mir bereits bewusst, dass ich anscheinend für die anderen Menschen aus irgendeinem Grund interessant zu sein schien, da sie mir immer nachschauten. Insbesondere, wenn ich und Mama zusammen nach draußen gingen. Bei Papa und mir war das anders. Manchmal fragte ich meine Mama, warum die Leute uns immer nachschauten und unterdrückt Sätze austauschten, sobald wir vorbei waren. Sie antwortete dann, die Leute seien neugierig oder neidisch, weil ich so ein hübsches Mädchen wäre. „Lass die Leute doch gucken! Du bist etwas besonders. Das ist doch schön“, antwortete sie. Ich ließ die Leute zwar gucken, was blieb mir auch anderes übrig, aber ihre Stimmen ausblenden konnte ich nicht. Je älter ich wurde, umso offensichtlicher erschien es mir, dass etwas besonderes zu sein ziemlich anstrengend war. Ich selbst fühlte mich gar nicht so sehr besonders. Nicht mehr als wahrscheinlich jeder junge Mensch, der das Bedürfnis danach hat, ein kleines Stück weit einzigartig zu sein. Ich erinnere mich nicht mehr an den Anlass, der mich bemerken ließ, dass ich anders war, davon gab es einfach zu viele, aber an das erste Gefühl: Dissonanz. Das Wort kannte ich damals natürlich noch nicht, aber beim direkten Vergleich mit den anderen Kindern und ihren Eltern bemerkte ich, dass etwas hier irgendwie nicht richtig passte. Die Familie als Zufluchtsort In meiner Familie fand ich Zufriedenheit und Ruhe. Jeder wusste, wer ich war, ich musste vor niemandem Rechenschaft ablegen. Ich war Mamas und Papas kleines Mädchen. Fertig! Das änderte sich nach meinem sechsten Geburtstag. Die erste offene Konfrontation fand mit meiner Einschulung statt und setzte sich 13 Jahre lang bis zu meinem Abitur in regelmäßig wiederkehrenden Zyklen fort. Zu diesem Zeitpunkt war mir meine „Typbezeichnung“ Mischling bereits klar, und dass ich als solcher für viele Leute insofern ein Problem darstellte, als sie mich nicht genau einzuordnen wussten. Ein braunes Mädchen, das ihre Sprache akzentfrei beherrschte und sich so unbeschwert in ihrer Kultur bewegen konnte, schien etwas Bedrohliches für sie darzustellen. Die Boshaftigkeiten, die in diesem Zusammenhang fielen, waren für mich wie kaltes Wasser – bleibt man nur lange genug darin, härtet man schnell ab. War ich anfangs noch überfordert von den offenen Angriffen, lernte ich mit der Zeit passend zu kontern. So antwortete ich auf die Frage eines Mitschülers, ob meine Mutter einen Quickie mit einem Neger gehabt hätte: „Vielleicht. Und...hatte deine einen mit einem Glas Milch oder Ziegenkäse?", wandte mich ab und überließ ihn dem Hohn der Klasse. Äußerlich war mir die Wut darüber vielleicht nicht anzumerken, innerlich hingegen zerriss es mich beinahe. Ich empfand es immer so, als ob jede Beleidigung gegen mich, indirekt auch gegen meine Eltern ausgesprochen wurde, auf die ich nie etwas kommen ließ. Es ist in den Augen der Anderen aber auch wirklich zu leicht. Mischlingen stehen ihre Gene ja praktisch ins Gesicht geschrieben. Es würde halt einfach kein Storch der Welt ein schwarzes Baby an eine weiße Mutter liefern. Sowie sich die Tür öffnet, würde feststehen, dass der Kollege in der Abteilung für Farbkoordination wahrscheinlich wieder Mist gebaut hat, betreten den Hut ziehen und sich verabschieden, um der farblich passenden Mutter das Baby in die Arme zu legen. Mischlinge und ihre Eltern sind der lebende Beweis dafür, dass Liebe keine Farbe kennt. Das mag in einer überwiegend einheitlichen Gesellschaft zu Verwirrung und möglichem Unmut führen, da die bloße Existenz der Mischlinge bereits im Stande ist die kostbare Ordnung auf unliebsame Weise aus dem Gleichgewicht zu bringen.
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