16.11.2006 - 19:00 Uhr

0 110 Über Twitter weiterempfehlen

Rührt euch endlich!

Text: durs-wacker

Warum wir Jungs wieder ans Gewehr sollen

Wir waren 13 Jungs, ein Jahr vor dem Abi, und alles war klar – Führerschein machen, die Entschuldigen nur noch selbst schreiben, sich von den Deppen unter den Lehrern nur noch mit „Sie“ anreden lassen, endlich erwachsen sein. Und natürlich, auch das war selbstverständlich: zur Musterung gehen, alles lächerlich machen und dem gequält guckenden Typen vom psychologischen Dienst auf die Frage, welche Truppengattung einen denn interessieren würde, rotzig antworten: „Ich verweiger´ sowieso.“ War alles klar.
Wir waren 13 Jungs, und genau ein einziger wollte zur Bundeswehr gehen. Er hatte keinen Spaß im Jahr vor dem Abi. Bundeswehr, das war ein Begriff wie Beulenpest, fremd und hässlich. Bundeswehr, das waren die besoffenen Typen, die durch die Fußgängerzone torkelten und jede Frau bequatschten, ihren Namen auf seltsame Pullis zu schreiben, und wenn sie sich nicht in der Fußgängerzone aufhielten, dann in den Bord-Bistros der Deutschen Bahn, beladen mit Seesäcken und schlechten Geschichten. Bundeswehr, das war was für Verlierer. Martin, der trotzdem hin wollte, sagte: „Es kann nicht nur Zivis geben. Im Notfall muss auch einer dafür gerade stehen, dass ihr alle überhaupt die Freiheit habt, zu verweigern. Im Notfall muss es auch welche geben, die die Freiheit verteidigen können.“ Wir lachten. Welcher Notfall? In Berlin gab es schon lange keine Mauer mehr, sondern nur noch Love Parades, den Feind gab es allein im Computerspiel oder in Tagesschaubildern, und die größte Sorge war, dass zum Jahreswechsel 2000 die Computer nicht merken könnten, dass danach das Jahr 2000 kommt. Es war alles klar: Wir verweigern. Was sonst? Ich glaube, kaum jemand hat sich damals wirklich Gedanken darüber gemacht, ob er „aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe“ verweigern will, wie es so geschraubt heißt: Wir wollten einfach jeden Abend zuhause sein und nicht in irgendeiner Kaserne, wollten das extra Bekleidungsgeld und den kleinen Stolz, wenn man sagt: „Ne, ich doch nicht, hab´ verweigert.“ Und das mit dem Gewissen, ach ja, klar, das schon auch, irgendwie. Vielleicht haben wir uns zu wenig Gedanken gemacht. Es war wie ein Reflex, das Verweigern, und wir haben es schön weiter fortgeführt, in jeder Hinsicht, wenn es um die Armee ging, egal ob Wehrdienst, Auslandseinsatz, was auch immer – jemand sagte Bundeswehr, wir sagten: Bloß nicht! Die Bundeswehr, das war das Leben der Anderen. Vielleicht war das ein Fehler. Denn was ist die Bundeswehr? Ein Wehrpflichtigen-Armee, immer noch, mit einem Konzept, das „Innere Führung“ heißt und besagt, dass jeder Soldat zuallerersteinmal ein „Bürger in Uniform“ sein soll – und die ganze Bundeswehr ein „Spiegel der Gesellschaft“. Darauf ist die Bundeswehr aufgebaut: dass im Prinzip alle hingehen sollen, außer sie lehnen es ab, eine Waffe zu bedienen, weil es gegen ihr Gewissen geht. Dieses Prinzip funktioniert in dem Moment nicht mehr, in dem sich sehr viele junge Männer aus einem Reflex heraus gegen die Bundeswehr entscheiden: Sie verweigern nicht, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, sondern weil sie keinen Bock haben. Denn dann gehen nur noch die zur Bundeswehr, die unbedingt wollen, weil sie nichts großartiger finden, oder weil sie unbedingt müssen, weil sie keine andere Perspektive mehr sehen. Ich frage mich: Wollen wir solchen Leuten die Bundeswehr überlassen? Ich nicht. Vielleicht muss man sich mal tatsächlich die Frage stellen: Warum sind wir eigentlich nicht zur Bundeswehr gegangen?


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem dienstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
durs-wacker
Mehr Texte zum Label
Gehts_noch
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
110 Kommentare

speichern

Alle Kommentare anzeigen

Jotaro
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 18:40 Uhr
Jotaro

7an 17.11.2006 | 17:01
"Haben nicht schon, so lange es die Armee als solche gibt, eher die sozial Schwachen die Waffe in die Hand genommen und nur vereinzelt ein paar wenige gestandenere Charaktere eine Offizierslaufbahn eingeschlagen?"

Das mag ja für die unteren Dienstgrade einer Berufsarmee gelten (siehe US and A), aber nicht für eine Wehrpflichtarmee wie die Bundeswehr, die ja gerade davon lebt, dass sie je nach Einzelfall über 9 bis 22 Monate (als FWDler) über einen Abiturienten oder einen Realschüler mit abgeschlossener Berufsausbildung im Mannschaftsdienst verfügen kann. Aus diesem Klientel rekrutiert sich übrigens auch ein großer Teil des Führungsnachwuchses.

Grüße,

J.

soylentyellow
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 19:13 Uhr
soylentyellow

Was ist eigentlich aus der bewährten Scheckbuchdiplomatie geworden?

(Also zahlen anstatt Soldaten zu schicken. Dieses Modell wurde 1990 im Golf Krieg erfolgreich angewendet.)

Wieso drängeln sich die Politiker/Bundeswehr vor? Wer will schon freiwillig in einen Krieg? Außer Politikern? Aber die müssen ja nicht hin, die sitzen im Trockenen bzw. in Sicherheit.

Wenn Soldaten in Konfliktregionen sind führt dies doch nur zu Problemen, weil entweder kommen manche/viele (je nach Situation) in Särgen zurück (und das führt zu innenpolitischen Problemen).

Oder die Soldaten erschießen Leute dort und damit macht man sich außenpolitisch unbeliebt (wie. z.B. die Amis).

Folge dessen ist, dass sich z.B. die Visakosten für Reisende erhöhen (Amis und Briten müssen in der Regel mehr für ihr Visum bezahlen als Deutsche, v.a. im Nahen Osten, bzw. es ist ihnen fast unmöglich in bestimmte Länder zu reisen, wie z.B. den Iran) oder deutsche Exporte werden erschwert, was der Wirtschaft auch nicht hilft.

Scheckbuchdiplomatie (die Geschichte, sorry) ist dahingegen ideal, denn da gibt es weder tote Soldaten noch machen sich diese im Ausland unbeliebt. Und dass man seinen Verpflichtungen dadurch nachkommt, die Rechnung der Amerikaner zu bezahlen, honorieren zwar diese aber es geht an denen, die unter diesen Militäreinsätzen leiden müssen glücklicherweise vorbei.

dersascha
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 19:23 Uhr
dersascha

warum müssen hier eigentlich immer alle solche extremen anti-anti-meinungen haben?
das is total sinnlos! bist du dagegen, dass andere dagegen sind oder was? das gibt keinen sinn!
der erste teil deines artikels stimmt schon, aber war es denn echt so, dass wir alle verweigert haben, weil "man" das halt so gemacht hat?
also ich nicht! und andere die ich kenne auch nicht!

aufdieplaetzefertiglos
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 19:25 Uhr
aufdieplaetzefertiglos

In meinen Augen hat Durs Wacker in einem Punkt nicht ganz unrecht. Zumindest der Verweis, die Bundeswehr und die Wehrdienstleistenden im Speziellen, sollten als "Spiegel der Gesellschaft" Strukturen herausbilden die gemeinhin als Konzept der "Inneren Führung" bekannt sind, ist zu Zeiten von Totenkopfbildern aus Afganistan nicht an den Haaren herbei gezogen. Zweifelsohne funktioniert das schon lange nicht mehr (falls es jemals funktioniert haben sollte), weil die Bundeswehr den Großteil ihres Nachwuchses aus den unteren Gesellschaftsschichten rekrutiert. Das ist in anderen Armeen keineswegs anders und es wäre vermessen zu glauben, man könne irgend etwas dagegen unternehmen. Ein inteligenter junger gesunder Mann hat wahrlich besseres zu tun, als an fragwürdigen Missionen am Hindukusch teilzunehmen.
Genau an dieser Stelle kommt die wirklich bedeutende Frage auf. Was machen die denn da unten? Die Bundeswehr ist im Grundgesetz als reine Verteidigungsarmee verankert und Auslandseinsätze waren von vornherein ausgeschlossen. Darüber spricht heute niemand mehr.
Wenn man Soldaten in den Krieg schickt, dann ist die Wahrscheinlichkeit enorm hoch, dass Hohlköpfe dabei sind die auf unheimlich witzige Ideen kommen. Wer ist denn bitteschön schon so bescheuert, und meldet sich für so einen Einsatz? Ich kenne Leute die in Bosnien und in Afganistan waren. Das sind ausschließlich Jungs deren geistiger Horizont deutlich unter dem liegt, was man als inteligent bezeichnen könnte. Noch nicht einmal die mögliche Tragweite der Entscheidung für sich selber war ihnen bewusst. Ob mans glaubt oder nicht, viele haben als Hauptgrund angegeben, dass man einen Haufen Kohle dafür bekommt!

Kurzum, wer vermeiden will, dass in Zukunft Dinge passieren die nicht nur ein schlechtes Bild auf die Bundeswehr, sondern auf ganz Deutschland werfen, der sollte sich für die Abschaffung der Truppe einsetzen. Für den Katastrophenschutz gibts das THW und die Feuerwehren, zur Grenzsicherung gibts den BGS und für die Flugraumüberwachung, protokollarische Empfänge und Eirichtungen wie Bundeswehrkrankenhäuser oder Universitäten, brauchen wir keine Wehrdienstleistenden, sondern eine kleine Berufsarmee. Das geht aber leider nicht, weil sich Politiker von Waffenlobbyisten schmieren lassen und keiner den Verlust von Wählerstimmen in Kauf nehemn will, wenn Kasernen aufgelöst werden.

hin
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 20:04 Uhr
hin

jotaro,

weiß ich sind auch nicht mehr Grundwehrdienstleistende (GWDL), sondern Freiwillig Wehrdiensleistende (FWDL),,,

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 20:09 Uhr
hin

aufdieplaetzefertiglos,

zu: "[...] weil die Bundeswehr den Großteil ihres Nachwuchses aus den unteren Gesellschaftsschichten rekrutiert."
nur: "[...] die ja gerade davon lebt, dass sie je nach Einzelfall über 9 bis 22 Monate (als FWDler) über einen Abiturienten oder einen Realschüler mit abgeschlossener Berufsausbildung im Mannschaftsdienst verfügen kann. Aus diesem Klientel rekrutiert sich übrigens auch ein großer Teil des Führungsnachwuchses." (jotaro)

Außerdem kenne ich einige "Jungs" die wahrlich nicht blöde sind (im Gegenteil) und sich dennoch, oder vielleicht gerade deswegen gemeldet haben!

o0johannes0o
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 20:44 Uhr
o0johannes0o

ich finde, durs hat recht. aus heutiger sicht wäre ich auch zur bundeswehr gegangen. obwohl ich sagen muss, meine freunde die bei der bundeswehr waren, für die wars echt scheiße. nix mit innerer führung oder so. ich weiß nicht, ob ich das damals schon so weggesteckt hätte.

Nyarlathotep
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.11.2006 - 23:19 Uhr
Nyarlathotep

Ich geh zur Bundeswehr. Und durs hat recht, es können eben nicht alle verweigern, nur weil man dann halt zuhaus ist usw.

Ist halt jedem seine Sache, aber ich lass mich nicht blöd anmachen, weil ich nicht irgendeinen Gewissensgrund vortäusche.

CaptainHook
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.11.2006 - 14:10 Uhr
CaptainHook

Ich will hier niemandem zu nahe treten aber denkt ihr überhaupt ab und an darüber nach was ihr da redet? Ich mache mir keine Meinung über Zivis weil ich nie einer war aber ich kann genauso erwarten das jemand der nie beim Bund war sich mit seiner Meinung ein klein wenig zurück hält. Die Bundeswehr wird hier als Sauhaufen dargestellt die keinen Sinn macht. Die Bundeswehr existier vorrangig als Verteidigungsarmee und wenn es mal knallt dann brauchen wir Soldaten die schonmal ne Waffe in der Hand hatten und mit den allgemeinen Grundsätzen der ganzen Thematik vertraut sind. Einen Zivilisten den ich erst ausbilden muss für den V-Fall bringt im ersten Moment nicht viel. !Die nächste Frage, wer von euch war schon mal im Einsatz? Wer hat von euch schon mal das elend des Kriegsverwüsteten Gebiete gesehen? Kinder die mitten im Winter Barfuss auf der Strasse rumlaufen und sich essen aus dem Abfall holen? Wer schonmal dort war weis wovon ich rede. Wir helfen diesen Menschen dort! CIMIC hat dort auch im Auftrag der bundeswehr soziale Einrichtungen mit finaziert und gebaut. Die Kinder und die Menschen sind froh darüber. sollen wir die CIMIC Einheiten abziehen? Wer hat schonmal Kinder gesehen denen von Minen die Beine abgerissen wurden? Sollen wir die Kampfmittelbeseitigungsteams abziehen und statt Spielplätze zu errichten und Minen zu beseitigen die Menschen einfach reinlaufen lassen? Befasst euch mal en bisschen mehr mit dem Sinn, Zweck und Auftrag der Bundeswehr und schmeißt nicht blöde Kommentare in den Raum über jemanden der sich mit dem Thema beschäftigt. Wenn euch dieses Land mit seiner Armee und seiner Staatsform nicht gefällt dann wandert aus denn andere länder gibts genug.

eisengrau
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.11.2006 - 11:34 Uhr
eisengrau

"Spiegel der Gesellschaft", wenn ich das schon höre. Das Bürgertum hört am Kasernentor auf. Von einem Soldaten erwarte ich nicht mehr oder weniger, als dass er, sobald er die Uniform anhat, nichts anderes ist als ein Teil des Verteidigungssystems. Eigene Meinungen oder Biografien zählen da nichts, funktionieren ist angesagt. Also, stehen Sie stramm, Soldat!

Für mich ist das nichts, so gerne ich mal einen Panzer gefahren wäre. Aber man kann nicht alles haben. Deswegen, wer sich dem gewachsen fühlt und das auf sich nehmen will, viel Spaß dabei.

Zurück Seite 1 ... 9 10 11

Alle Kommentare anzeigen


Speichern

Jetzt-Mitglied

durs-wacker unbekannt

durs-wacker

ist jetzt-User und hat diesen Beitrag verfasst.