16.11.2006 - 16:51 Uhr

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Rewind.

Text: moi_judita

Die Zukunft war zu groß für dich. Du hast deine Träume darin verloren und vielleicht sogar dich selbst. „Ich weiß nicht weiter.“ hast du Richtung Decke geflüstert, wenn wir nachts im Bett lagen und die fremden Geräusche der neuen Stadt wieder einmal versuchten, dich auf die Realität aufmerksam zu machen. Und dann bist du eingeschlafen und vor Mittag nicht aufgestanden. Und ich saß wieder einmal in Räumen, die stumpfsinnig machten und schmierte deinen Namen auf Rechenkästchenpapier und versuchte die Dinge zu hören, die der Dozent dort vorne erzählte, weil ich sie bestimmt einmal brauchen würde. Es waren keine dreihundert Kilometer mehr und wenn ich nach Hause kam, lief laut Musik und du warst gerade dabei zu frühstücken. „Sei nicht so erwachsen.“ sagtest du, wenn ich am Schreibtisch saß. Vier aufgeschlagene Bücher vor mir, mit all den Pflichten, die ich erfüllen wollte. Du wolltest mich vom Stuhl hochziehen und die Musik aufdrehen und mit mir durchs Zimmer tanzen. „Lass das, Finn. Ich muss lernen.“ „Krissi, sei…“ „…nicht so erwachsen. Ich weiß. Und mein Name ist Kristina.“ Und ich dachte: Sei doch mal erwachsen, Finn. Abends lagst du dann wieder da und hast „Ich weiß nicht weiter.“ geflüstert. My Bed is unmade like everything is. Und ich wollte dir helfen und hab mich die nächsten Tage vom Stuhl hochziehen lassen. Wir sind durch die zwei Zimmer getanzt und wir standen verschwitzt auf Konzerten in der ersten Reihe. Wir sind betrunken nach Hause gekommen und hatten Sex auf dem grauen langweiligen Teppich. Aber morgens bin ich immer aufgestanden und du bist liegen geblieben. Und hattest Albträume, weil deine Träume gescheitert waren. Irgendwann erzähltest du mir nicht mehr, dass du nicht weiter weißt. Irgendwann erzählte ich dir nicht mehr, was ich tagsüber erlebt hatte. Irgendwann hörten wir nur noch Musik und sperrten den Straßenlärm aus. Wir lachten viel zu viel und wir zitierten Zeilen aus unseren Lieblingsliedern, um etwas zu sagen. Ich dachte, es sei egal. Das Drumherum wäre egal, es käme nur auf das Wir an, das auf unserer Wohnungstür geschrieben stand. Aber wir existierten schon lange nicht mehr. Die Distanz hatten wir besiegt, aber der nächste Krieg hieß Realität und den verloren wir. Etwas mehr als zwei Jahre überlebten wir. Dann bist du zur Stereoanlage gegangen und hast die Musik lauter gedreht. „Ich weiß nicht weiter.“ hast du geflüstert. „Das einzige was ich weiß ist, dass es nicht weitergeht.“ Es waren keine Wörter aus Pixeln, aber die Augen brannten uns trotzdem. Weil die Distanz wieder da war. Ich starrte deine Hände an und die raue Haut um deine Fingernägel. „Warum bist du nicht anders?“ fragte ich. „Warum bist du nicht anders?“ fragtest du. In fact you’re just fiction. Der Walkman mischt sich wieder mit seinem schnarrenden Geräusch in das Lied ein, das gerade läuft. Ich war genauso wenig ich, wie du du warst in den letzten zwei Jahren. Vielleicht gelingt es uns jetzt, wir selbst zu sein, weil wir nicht mehr wir sind. Ich bin gar nicht erwachsen. Es ist schon wieder November und die Zukunft reicht nicht mehr. Weil der wichtigste Traum gestern zerplatzt ist. Ich balanciere weiter über die Bordsteinkante, wie ich es als Kind immer gemacht habe. Ich drehe am Lautstärkerädchen und spüre den Beat bis in meine nassen Füße hinein. Als der Song zu Ende ist und ich Rewind drücke, um den Song noch einmal zu hören, übertönt der Realitätslärm wieder das trotzige Schnarren und ich bekomme Angst. We are nowhere and it’s now.
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