Wir sind die Geduldeten: Fünf Flüchtlinge über den Alltag des Wartens
Arzijana, 19, lernt auf den Quali in MünchenZweimal habe ich Bosnien schon verlassen. Das erste Mal 1992 mit vier, wegen des Krieges. 1999 wurden wir wieder zurück geschickt. Das zweite Mal kam ich vor drei Jahren hierher. Wegen meiner Hochzeit. Ein Mann, den ich nicht kannte, kam mit seiner Familie nach Bosnien und holte mich nach Deutschland. In meiner Kultur ist eine Ehe schnell geschlossen, ein Standesamt oder eine Kirche spielen keine Rolle. Ich wollte nicht bei diesem Mann bleiben und floh nach Bayreuth zu meiner Schwester. Ein Jahr lang lebte ich dort mit einem Urlaubsvisum, bis mir die Beamten sagten, dass ich gehen müsse.
Ich ging nach München, weil es hieß, dort wäre es einfacher. Mein Asylantrag wurde abgelehnt. Den ersten nehmen sie nie an. Ich kam ins Asylbewerberheim. Dort ist es schmutzig, hundert Menschen teilen sich eine Toilette. Ich habe 14 Stunden am Tag geschlafen und hatte Heimweh. Im Heim geht es niemandem gut, jeder ist mit seinen Problemen beschäftigt. Ich war dort sehr einsam.
Nach einem halben Jahr erfuhr ich von der „Jugendhilfe“, einer Organisation für Minderjährige ohne Versorger. Jetzt lebe ich in einer betreuten WG und bin glücklich. Ich habe ein sauberes Zimmer und ein richtiges Dach über dem Kopf. Endlich kann ich mir etwas Ordentliches kochen und mich auf die Schule konzentrieren. Lernen ist schön, finde ich. Das Einzige, was mich wirklich wütend macht, ist, dass ich immer zehn Euro zahlen muss, wenn ich weg fahren will. Weil Geduldete der Residenzpflicht unterliegen, muss ich für jede Zugfahrt einen Antrag beim Kreisverwaltungsreferat stellen. Nur einmal hat mir ein Beamter die Gebühr erlassen: „Heute musst du mal nicht zahlen“, hat er gesagt – einfach so.
Bald mache ich meinen qualifizierten Hauptschulabschluss. Danach will ich Erzieherin werden. Ich freue mich auf meine Zukunft. Ich darf nur nicht daran denken, dass sie von meinem Asylverfahren abhängt.
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