"30+4"
Text: jan_lipo
Freitag. Ich stehe vor einem EC-Automaten, brauche mindestens fünfzig Euro und einen einzelnen 10-Euro-Schein und überlege, welche Summe ich eintippen muss, um den Zehner sicher dabei zu haben. Durchs Fenster sehe ich zwei hübsche Mädchen vor der Bankfiliale, die bunte Karten an junge Leute verteilen. Ich hebe zweimal dreißig Euro ab. Früher hätte ich an so einem trivialen Problem sicher länger gegrübelt, heute trete ich heiter in den Herbsttag hinaus.
In meiner Freude ist mir zwar entfallen, wofür ich unbedingt einen 10-Euro-Schein brauche, doch ich schlendere betont lässig in Richtung eines der Mädchen. Der schmale Riemen der Umhängetasche zwischen ihren Brüsten betont diese in geradezu unanständiger Weise. Und ich bekomme ... keine Werbekarte!
Nicht einmal richtig hergeschaut hat sie, läuft zu einer Gruppe Jugendlicher mit Basecaps und verteilt, wie ich aus dem Augenwinkel beobachte, freigiebig optische Reize und irgendwelche Einladungen zu einem Party-Event. Die andere blöde Zicke ignoriert mich völlig! Steht die Herbstsonne so tief oder befinde ich mich tatsächlich in der »Dreißig-Plus-Lücke«? Unsichtbar, weil für Teens und jüngere Twens zu alt und doch noch nicht alt genug, um für das Phänomen »distinguierter Mann« geeignet zu sein, auf den sowohl reifere Frauen als auch Teile der jüngeren Zielgruppe stehen. Meine gute Laune hat jedenfalls einen herben Dämpfer bekommen. Aus dem Schaufenster blickt mich mein Spiegelbild skeptisch und mit verletztem Ego an. Bis eben war ich ganz zufrieden mit mir – doch plötzlich nicht mehr jung (genug)! Würde ich jetzt in einen nobleren Wagen einsteigen, wäre ich bestimmt näher an der Gruppe »interessanter & reifer Mann«. Aber derartige Überlegungen finde ich so tröstlich, wie den Slogan an der Limousine eines örtlichen Bestattungshauses: „Eines Tages ... werden auch Sie Mercedes-Benz fahren!“
Zugegeben, ich besitze drei Lebensversicherungen und habe gestern meinen zweiten Bausparvertrag abgeschlossen, meine Freunde heiraten um die Wette, werden oder sind schon Eltern. Als Zahncreme benutze ich ein 40 plus-Produkt für reife Zähne, eine Coenzym Q10-Pflegecreme hat den Weg in mein Bad gefunden. Meine Haare werden zwar nicht dünner, aber zunehmend tauchen weiße Exemplare auf. Hosen kaufe ich insofern passend, als das der Bund etwas weiter sein kann – der Hintern aber keinesfalls in den Kniekehlen hängen darf! Ich trage Turnschuhe nur zum Joggen (und somit viel zu selten), lieber Cord als Jeans und kein Metall am Körper, wenn man von zwei Goldkronen und meiner Schweizer Uhr absieht. Mit Drogen kenne ich mich theoretisch von A-Z aus, kann in Wirklichkeit aber nur etwas mit Alkohol und Zigaretten anfangen. Ich habe keine Tattoos, für die Eingabe einer 160-Zeichen-SMS benötige ich mehrere Minuten und benutze mein Handy eigentlich nur zum Telefonieren. Ich trage keinen MP3-Player am Ohr, sondern horche in mich hinein und werde zunehmend zum Hypochonder! Kurz gesagt: Ich bin über dreißig.
Nach dem 30. Geburtstag kokettiert man nicht mehr mit dem Alter! Man verschweigt, vermindert oder verschlüsselt es. Ich denke da an den Geburtstag eines befreundeten Diplominformatikers zurück. Er wurde bereits letztes Jahr 34, feierte jedoch seinen 22. Geburtstag - freilich hexadezimal dargestellt. Andere vertauschen die Ziffern ihres Jubiläums. Was bei 32 noch sinnvoll ist, bei 33 aber gar nichts bringt und ich bei 34 nun tunlichst unterlassen sollte!
Im Briefkasten finde ich außer dem abonnierten Nachrichtenmagazin keine Post. Vielleicht ist der Aufkleber: »Ich möchte Müll vermeiden! Bitte nur Glückwunschkarten und verbindliche Gewinnbenachrichtigungen einwerfen!« etwas zu restriktiv. Ich beschließe, mir etwas Gutes zu tun und ein Entspannungsbad zu nehmen. – Herrlich! Und in der Wanne etwas lesen! Ein Packen Werbebeilagen rutscht aus dem Magazin in mein Badewasser und erinnert mich wieder an die beiden Promotion-Girls vor der Bank...
Frisch gebadet schalte ich den Fernseher an. Nach der betrüblichen Feststellung, dass Sportler meiner Altersklasse in den meisten Disziplinen als Methusalems gelten, verfolge ich gern die etwas alterstoleranteren Radsportübertragungen. Doch heute wird ein 38-jähriger Radprofi vom Kommentator als »lebendes Fossil« bezeichnet. Was zu viel ist, ist zu viel!
Nein, sage ich mir. Nein! Keine vorgezogene Midlife-Crisis!! Statistisch verkürzt eine Zigarette das Leben um elf Minuten, was soll’s. Ich bin jung und gesund, die opfere ich jetzt mal – zuviel hat mich heute aufgeregt. Ich stecke eine der Zigaretten an, die Hans kürzlich vergessen hatte und ziehe tief auf Lunge.
Bald kratzt es im Hals. Mist! Ich fühle mich gar nicht wohl, eigentlich tut auch mein Kopf weh. Fühlt sich ganz heiß an! Werfe die Kippe weg. Na toll, sicherlich kommt eine Erkältung auf mich zu. Habe ich denn noch Vitamintabletten? Obwohl, Vitamin C verursacht doch so schlechte Haut und Durchfall bei Hochdosierung. Seit dem Rotwein meldet sich auch das Sodbrennen wieder, das haben meine Rückenschmerzen bis eben glatt überdeckt.
Gleich morgen früh gehe ich zum Arzt. Da kann ich auch gleich von meinen häufigen Magenkrämpfen und den Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis berichten. Na ja, letzteres muss ich nicht erwähnen – vielleicht vergesse ich es auch. Aber unbedingt zum Arzt, da bin ich mir sicher – trotz Samstag, trotz Praxisgebühr. Morgen zum Arzt!
... und ich grüble, ob dafür der 10-Euro-Schein von heute Vormittag gedacht war?
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