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Macht

| 14.11.2006 19:00  

Erleben Verschwörungstheorien gerade einen Boom? Herr Jaecker klärt auf

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Der Berliner Tobias Jaecker beschäftigt sich mit Antisemitismus, Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien. Er arbeitet beim
Berliner Radio Eins, schreibt für verschiedene Zeitungen und ist Autor des Buches „Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September“. Zurzeit lebt Tobias Jaecker in Chicago. Ein Interview von Katharina Wulffius.
Herr Jaecker, Sie arbeiten unter anderem und vor allem über antisemitische Verschwörungstheorien. Würden Sie sich selbst als Verschwörungstheoretiker bezeichnen?
Auf keinen Fall. Eher als jemanden, der Verschwörungstheorien dekonstruiert. Denn Verschwörungstheorien sind immer kleine, geschlossene Weltanschauungen, die ein Ereignis in einer geschlossenen, kohärenten Weise darstellen. Aber das ist in der Realität meist gar nicht möglich. Verschwörungstheoretiker gehen nicht auf offene Fragen ein und sind auch nicht für Antworten aller Art zugänglich. Aus allen möglichen Hinweisen, vermeintlichen
Sachverhalten, Aussagen von Experten, Augenzeugen, wird eine geschlossene Geschichte zusammengezimmert und diese
dann als die ultima ratio dargestellt. Das ist eigentlich genau das, was ich kritisieren möchte.

Ihr Ziel ist also, Verschwörungstheorien zu analysieren und sie dann zu dekonstruieren?
Genau. Wobei es oft schwer ist, bestimmte Behauptungen zu widerlegen. Denn das ist genau der Trick der Verschwörungs- theoretiker: Jede Behauptung für sich mag vielleicht irgendeinen kleinen Wahrheitsgehalt haben, aber das Ganze wird dann so verdreht und zusammengebaut, dass es eben scheinbar passt. Denn schon im Begriff steckt ja das Wort Theorie. Und eine Theorie muss an sich verifizierbar sein, um eine Theorie zu sein. Verschwörungen bauen aber nun mal nicht auf Erklärungen auf, die beweisbar sind. Der Begriff ist also irreführend. Verschwörungstheorien sind in keinem Fall eine Theorie. Eine Verschwörungstheorie ist vielleicht eher eine Verschwörungshypothese oder eine Verschwörungsbehauptung. Der Begriff hat sich vor allem in der Populärliteratur so durchgesetzt.

Was braucht eine Verschwörungstheorie, damit sie Wirkung hat?
Eine „gute“ Verschwörungstheorie braucht immer einen Bösen, eine böse Macht oder jemanden, der irgendetwas Böses durchführt. Dann braucht sie eine gute Seite. Das ist in den meisten Fällen der Verschwörungstheoretiker selber. Und sie braucht Menschen, die sich durch die meist unsichtbare böse Macht bedroht fühlen. Und dann gibt es noch die Handlanger, die Leichtgläubigen, die Gutgläubigen, die der bösen Macht zuarbeiten, auch unwissentlich. Ein anschauliches Beispiel ist die Verschwörungstheorie zum 11. September: Als böse Macht wird hier die US-Regierung dargestellt oder die CIA. Die Leichtgläubigen sind die westlichen Staaten oder die Mitarbeiter der Regierungen, die eigentlich gar nicht wissen, worum es geht, die einfach mitmachen.



George Bush beim Schwur – oder bei der Verschwörung? (Foto: dpa)

Wann entstehen Verschwörungstheorien?
Viele behaupten, dass Verschwörungstheorien vor allem deshalb boomen, weil die Welt immer komplexer wird. Allerdings war die Welt auch schon vor 200 Jahren komplex und schwer zu durchschauen. Verschwörungstheorien gedeihen immer dann, wenn Umbrüche, Krisen oder Kriege stattfinden. In solchen Situationen haben die Menschen keinen Durchblick mehr: Wer ist der Täter, wer das Opfer? Wer übt an welcher Stelle Macht aus? Das ist in Zusammenhang mit der französischen Revolution so gewesen, so ist es geschehen, als im russischen Zarenreich verschiedene Politiker im Umfeld des Zaren Reformen durchführen und das Land moderner gestalten wollten. Und es ist während der beiden Weltkriege der Fall gewesen.

Antisemitismus und Verschwörungstheorien könnte man als zwei Ideologien bezeichnen. Haben Ideologien immer etwas mit Verschwörung zu tun?
Ideologien sind nicht immer gleich verschwörungstheoretisch.
Eine Ideologie ist eine geschlossene Weltanschauung. Das bedeutet: anderen Ideologien wird der Wahrheitsgehalt abgesprochen. Aber das heißt nicht, dass ich hinter jeder Entwicklung einen bösen Täter sehe und diesen dann verantwortlich mache, wie das bei Verschwörungstheorien und beim Antisemitismus der Fall ist.
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