Representativ
Text: derien
Montag früh ist Spazierzeit. Ich komme immer an einer Villa mit Carparc, Mercedes und Garten vorüber. Es ist sehr früh. In dem Haus sind Lichter noch erloschen. Ich nehme mir im Vorbeigehen die Zeitung aus dem Briefkasten, das ist aber eine andere Geschichte.
Heute will ich von Li erzählen.
Li kommt aus Asien, genau genommen aus China. Sie ist stolz auf ihre Herkunft, auf die 1,4 Milliarden Chinesen.
Li studiert in Bingen Agrarökonomie.
Zur Zeit macht sie ein vierwöchiges, bezahltes Praktikum bei einer Winzerei und hilft bei der Weinlese. Wein trinken mag sie nicht, aber Wein verkaufen umso mehr. Sie möchte in Deutschland in den Weinexport einsteigen.
Li ist jung und mager, mehr zart, eng- und flachbrüstig, mit dünnen Armen und Beinen. Ihre langen, dünnen Gliedmaßen biegt und reckt sie beim Gestikulieren.
"Wenn nur jeder Chinese ein Schoppen trinken würde", träumt Li und grinst dabei. Sie wirkt etwas kühl; kalkuliert. Man merkt, sie hat Pläne und Ehrgeiz, diese umzusetzen.
Ich will auch von Alexej erzählen.
Er ist Pole- aus Schlesien. Seit 15 Jahren kommt er nach Deutschland, um Urlaub zu machen.
"Eyn Urlaub, ahne Weinlese, ist keyn Urlaub", sagt Andrej, dabei spricht er die Diphthonge nicht, sondern die Vokale einzeln.
Alexej trinkt gern Wein: Eiswein, Federweißer oder Dornfelder. Am Liebsten aber grauen Burgunder.
Alexej hat viel gelernt, die letzten Jahre. Er kennt sich aus mit Keltern, Öchslegrad, gesunden Schimmel an der Traube. Er weiß mehr über Wein, als Li in ihrem Praktikum erfahren kann.
Auch Andrej ist vier Wochen bei der Lese. Alexej macht das gern, nicht nur, weil er in diesem Zeitraum beinahe die Hälfte des Jahreseinkommens, welches er in Polen erhält, verdient, sondern, weil ihm Arbeit, Land und Leute gefallen. Das spürt man im offenherzigen Gespräch.
In der Lokalzeitung war Alexej noch nie. Vielleicht fehlt ihm dazu die sympathische Optik? Oder der Busen? Als ich zuhause die Zeitung beim Frühstücken aufschlage, fällt mir gleich Lis Foto in den Blick.
Sie lächelt, irgendwie nett. Dazu ein kleiner Bericht über ihren Aufenthalt in der Stadt und ihre Zukunftspläne. Toll.
Alexej, der für diesen Artikel ebenfalls zur Diskussion stand, war offenbar nicht representativ.
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