Tag 19 [18.08.05]
Text: elias_b

Durch den Wald bis direkt in das Zentrum der Stadt führt mein Weg. Irgendwie keine Anzeichen für eine große Stadt, einige Querstraßen, Ringstraßen, keine Siedlungsviertel oder so Dinge.
Gefällt mir. Das Schloß und der Park dazu ist das so mein erster Eindruck von Karlsruhe.
Später realisiere ich, dass ich schon mitten in der Stadt bin. Im Park, auf der Wiese frühstücken, wunderbar. Menschen mit Hunden gehen spazieren, Kinderwagen, Familien.
Gucken, gucken, mich treibt niemand. In der Sonne schreibe ich Tagebuch, beobachte dabei die Menschen, viele geschäftig eilend.
Mein "Fahrplan Karlsruhe" ist schnell zusammen gestellt:
-Stempel für den Pilgerpass
-Internetcafe um Emails zu checken
-Handy aufladen, irgendwo
-Lebensmittel einkaufen
Zusammengepackt und mal schauen, Kirchtürme sehe ich genug. Vorbei am Bundesverfassungsgericht (realisierend dass es in Karlsruhe ist) mit nem dicken Rucksack auf dem Rücken, werde ich vom Schutzpersonal beäugt. Vor 2 Monaten waren die Anschläge in London, schiesst es mir durch den Kopf. Sehe ich gefährlich aus?
Ziemlich genau um 12 Uhr hab ich endlich die Stephanskirche gefunden, Quelle des Glockenläutens. Rund wie eine typische Moschee und total schön drinnen. Hier erst erfahre ich vom Mord an Frère Roger in Taizé. Da will ich auch noch hin, unfaßbar. In wenigen Wochen will ich dort ankommen.
Klingeln am Pfarrhaus nebenan, bitten um einen Stempel in meinen Pass. Fragen beantworten.
Im Pfarrhaus sagt mir der zur Gemeinde gehörende Pfarrer, dass der Papst in Deutschland gelandet sei. 3 Tage sind es noch bis zum Jugendtreffen in Köln.

Durch die Innenstadt schlendere ich, auf der Suche nach Internetzugang. Wieder mal sitze ich vor einem Rechner und schreibe eine Mail:
Hiho,
so schnell geht das und doch so langsam. es war beinahe ein spaziergang von heidelberg hier nach karlsruhe. lässige 1,5 tage durch doch mehr als 80 % wald hier in der rheinebene. auch
aus diesem grund erinnerte es mich so an spazieren gehen. ich habe nun fest beschlossen direkt nach der rheinüberquerung die franz. seite des rheins zu laufen. dort sind doch weniger grosse
städte und mehr kleinere ortschaften, was am ende mehr abwechslung und weniger verkehrsstress bedeutet. das wetter ist natürlich 1000mal besser geworden und es macht spaß durch die gegend zu laufen. wenn auch langsam im gegenteil zu den ganzen joggern, walkern, radfahrern und co.
aber ich kriege sie alle, ich laufe zwar wie eine schnecke, allerdings keinen meter zurück und dabei überhole ich sie früher oder später eh alle *grins*.
aber ich habe mir überlegt, ich schreib dazu eh nochmal n eigenes kapitel...
letzte nacht habe ich praktisch in direkter nachbarschaft mit dem kernforschungszentrum karlsruhe im wald verbracht. auch mal ein lustiges gefühl. die spalten atome und ich versuch daneben ruhig zu schlafen.
gespannt bin ich wirklich wie es sich die nächsten tage entwickeln wird. bisher konnte ich auf fragen woher ich komme und wohin ich will, immer noch gut erklären und mich mit den leuten unterhalten. das wird dann wohl anders laufen, noch weniger sprechen und erklärzeichen mit hand und fuß. ich kann mir kaum vorstellen, dass so viele franzosen englisch sprechen (wollen). aber mal schauen.
ich wünsche euch allen ein schönes wochenende (sonniges) und eine erholsame sommerzeit.
euer thomas
Im Handyladen kann ich nebenbei auch das Telefon aufladen, meine versprochene Verbindung nach Hause zu meinen Eltern. Manchmal artet das wirklich in Stress aus. Immer muss ich schauen wo ich die Kiste auflade.
Heute bin ich das erste Mal Tier im Zoo, ein Japaner wünscht ein Foto von mir, auf dem Weg aus der Stadt hinaus. Ich und im Hintergrund die Christuskirche, Kaiserplatz. Leider hab ich vergessen ihm meine Mailadresse zu geben.
3 Stunden brauche ich bis zur Rheinbrücke, die Rheinbrücke! Ich bin an dem riesigen Fluss angekommen. Pause machen und alle anrufen, heute nochmal bevor es nach Frankreich geht.
Angefangen mit zu Hause, meinen Brüdern (Manuel, Dominik) und meiner Schwester Lucia, allesamt verstreut im Land. Roman, Jens, Diana, Matze, Frieda, Jassi, Töffel, Susi...
Irgendwie macht sich Heimweh breit. 2 Stunden oder mehr telefonier ich so rum und der Akku vom Telefon ist anschliessend alle, beinahe.
Sonnenuntergang im Westen. Ab morgen Frankreich, es wird ernst.
Vorher laufe ich noch, laufe, laufe, laufe...bis es dunkel wird. Schliesslich penne ich nun im Weidengebüsch. Denn die Bäume stehen im oder am Wasser. Schwer mit meiner Hängematte dort
aufzubauen. Also Weidengebüsch. Flußauen kenne ich wohl noch nicht so gut.
Die lange Reise in Etappen
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05.10.2006 - 15:16 Uhr
his_lady
Es ist, als würde man neben dir herlaufen....