59 Stufen
Der Zug an der Zigarette ist mühsam. Die Finger sind so kalt, so steif, dass sie nicht einmal mehr zittern. Der erste Rollkragenpulliwettertag da draußen. Ich sitze im blutroten Treppenhaus. 39 Stufen unter mit, 19 Stufen über mir, plus die auf der ich sitze. Unten im Flur verdecken die ersten gelben Blätter das Mosaik im Boden. Reingeschlichen haben sie sich, die schwere Haustür ausgetrickst. So wie du damals in den Nächten, in denen ich allein sein wollte. Klebeküsse haben wir getauscht, die sechshundert Meter bis zu mir nach Hause. Auf dem Müllcontainer, unter der Eisenbahnbrücke, vor dem Schaufenster mit den Nachttöpfen. Ich wollte dich gehen lassen, die weiteren zweihundert Meter bis zu deiner eigenen Haustür. Aber du wolltest nicht. Hast die Tür wieder aufgeschoben, die ich zudrückte mit dem lächerlichen Gewicht meines ganzen Körpers, so mühsam. Hattest keine Angst, dass ich dir die Finger klemme, du warst immer schon der Stärkere von uns beiden. Gerannt bin ich, über jede einzelne Stufe gestolpert. 59 Mal gestolpert, aber nicht hingefallen. In der Küche hast du mich dann trotzdem gekriegt und dich festgekrallt mit deinem Klebemund auf meinen Lippen, mit den Fingern in meiner Seite, mit den Worten in meinem Kopf. Und nicht mehr losgelassen bis es endlich heller wurde hinter meinen roten Vorhängen. Bis du die schwere Haustür trotzig hinter dir ins Schloss gezogen hast, ohne Abschiedskuss. Abschiedsküsse versprechen ein Wiedersehen. Versprechen liegen dir nicht. Ich ziehe noch einmal, lassen den Rauch in meinen Lungen brennen. Gerannt bin ich wieder. Habe die Wohnungstür geknallt, die Schlüssel liegen lassen. Auf dem Küchentisch, absichtlich. 59 Stufen hinunter und durch die ganze Stadt, ohne ein einziges Mal zu stolpern. 28 Mal eine Ampel überquert, ohne das alles zu verstehen. Deine klebrigen Worte, so klebrig wie deine Küsse. Deine Hand auf meiner Taille letzte Nacht. Deine Hand auf anderen Taillen letzte Nacht. 117 Fotos geschossen. Von den Orten, von unseren Orten. Von den Orten mit den Klebeküssen, von den Orten mit den falschen Hoffnungen. Von den Müllcontainern, Eisenbahnbrücken und Nachttöpfen. Vielleicht werde ich sie dir schicken. Versehen mit roten Pfeilen, die man sonst auf Urlaubspostkarten malt. Und dort wo der Pfeil ist, wohne ich. Wohnt mein Herz, zur Vollpension. Das Wetter ist durchwachsen, aber das Meer nicht weit. Denn wenn du dich nicht erinnerst, dass etwas kaputt gegangen ist letzte Nacht, dass es etwas gegeben hat, das kaputt gehen konnte, dann hat es uns nie gegeben. Es hat uns nie gegeben. Ich bin gerannt, vier Stunden lang. Weggerannt, vor dem Monitor, der blinkende gelbe Briefumschläge anzeigt. Bin weggerannt, vor dem vibrierenden Handy, das den Tisch zittern lässt. Bin weggerannt vor der Türklingel, die sich schrill den Weg in meine Ohrgänge bohrt. Bin weggerannt vor deinem ratlosen Blick; vor deiner Hand, die so unsicher am Bart zupft. Bin weggerannt vor deinen Worten letzte Nacht. Vor diesen Konjunktiven, die nie sein werden. Die ich nie wieder hören wollte. Dafür habe ich doch gekämpft all die Nächte mit dir. Mit Wörtern haben wir uns geprügelt, um zu beweisen, wer der schlechtere Mensch von uns beiden ist. Du wolltest böse sein, damit ich dich nicht liebe. Ich wollte böse sein, damit du mich liebst. Aber ich bin nur das liebe Mädchen, das herzensgute, das bewundernswerte, das perfekte. Und du bist nur der nette Junge, der kaputte, der orientierungslose, der liebenswerte. Ich bin kein hinterhältiges Miststück und du bist kein egoistisches Arschloch. Deshalb hat es uns nie gegeben. Ich kann nicht mehr vor dir Tür gehen. Da unten wartest du, irgendwo auf den Straßen zwischen deinem und meinem Zuhause. Du willst wieder fangen spielen. Willst mich jagen, so lange bis mein Herz sich beim Klopfen überschlägt, ich darüber stolpere und hinfalle. So lange, bis du mich festhalten und zum Geständnis zwingen kannst. So lange, bis deine Augen Lügendetektor spielen, in dem sie meinen zitternden Wimpernschlag analysieren. So lange bis ich wieder einmal den alten Deal unterschreibe. Den Deal, dass ich die Liebe für die Freundschaft verrate und im Gegenzug die Freiheit erhalte. Drei Stunden noch bis jemand kommt und mich in die Wohnung lässt. So lange bin ich hier sicher. Ich zünde die nächste Zigarette an und spiele weiter verstecken.
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wunderschön geschrieben!
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01.12.2006 - 18:48 Uhr
Feleila
toll