Schneekinder
Text: moi_judita
Im Winter 1990 hatten sie einen Schneemann gebaut. Zwei kleine Menschen mit blauen Lippen und steifen Fingern, die verzweifelt versuchten eine große Schneekugel auf zwei noch größere zu setzen. Irgendwann war ihr Vater herausgekommen. Er hatte Filzpantoffeln getragen - obwohl er noch lange nicht in dem Alter war, in dem man Filzpantoffeln trägt - und ihnen geholfen. Danach hatte er nasse Füße gehabt. Von ihrer Mutter hatten sie eine Mohrrübe und große schwarze Knöpfe für das Gesicht bekommen. Kohlen wären ihnen lieber gewesen, aber wer hatte 1990 noch Kohlen im Keller? Also hatten sie einen kleinen Schneehaufen vor den drei Kugeln aufgetürmt, waren darauf geklettert und hatten die Knöpfe und die Mohrrübe in den Kopf des Schneemanns gesteckt, der nun lächeln durfte. Oben auf die Kugel setzten sie noch einen alten braunen Hut von ihrem Großvater, der schon lange alt genug war, um Hüte zu tragen.
Als die Erwachsenen wieder im Haus verschwunden waren, hatte er sich endlich getraut zu fragen:
„Du, Johanna?“
„Mmmh?“
„Sind wir eigentlich Freunde?“
Er traute sich nicht sie anzuschauen. Aber er merkte genau, dass sich in diesem Moment zwei Grübchen in ihre Wangen bohrten und ihre Augen blitzten.
„Natürlich sind wir Freunde, Blödmann.“
Dann hatte sie einen Schneeball nach ihm geworfen und sie waren noch so lange im weißen Garten rumgetobt, bis es dunkel wurde.
Lars schwitzte. Es war so unglaublich heiß in dem Club mit den lila Wänden. Die Scheinwerfer über der Tanzfläche brannten sich in seine Haut und lockten kleine Schweißperlen hervor. Er trank zu schnell von seinem Bier und ihm kam es so vor, als würde er sich auch zu schnell zur Musik bewegen. Jedenfalls nicht im Takt.
Er spürte eine feuchte Mädchenhand auf seinem Arm.
„Weißt du, wer hier ist?“ Sie lachte, aber er entdeckte keine Grübchen in ihren Wangen und kein Blitzen in den Augen.
Er wusste es sofort. Aber trotzdem fragte er: „Wer denn?“
„Na, Malte!“
Sie deutete in den schummrigen Gang.
Er erkannte sofort die dunklen wuscheligen Haare, den leichten Dreitage und vielleicht sogar das kleine Grübchen im rechten Mundwinkel, aber das konnte auch nur ein Schatten vom Licht sein.
Er erinnerte sich wie er Johannas Stimme am Telefon gehört hatte. Aufgekratzt, übernächtigt, ein bisschen schrill. Und dieser Typ von dem ich dir erzählt habe… Also er heißt Malte, ich hab ihn gestern kennen gelernt. Also so richtig kennen gelernt. Er hat einfach gelacht. Und weißt du, er hat da dieses Grübchen im rechten Mundwinkel… (Ein Seufzen) Egal. Ich war heute Nacht bei ihm.
Diese Nacht war vor drei Monaten gewesen. Seitdem hatten sie zwölf Mal telefoniert. Ein Mal pro Woche. Und jedes Mal hatte sie ein bisschen mehr von Malte erzählt.
Wir sehen uns so oft. Es ist schön, irgendwie. Eigentlich nichts Besonderes, aber schön. / Ich weiß, dass aus uns nichts wird, das ist nichts Ernstes, ich bin auch gar nicht verliebt. / Naja, du kennst das ja. Eine Bettgeschichte. Aber nichts Ernstes. Ein bisschen Freundschaft. Oder so. / Ja, keine Ahnung. Da ist schon mehr bei mir. Aber ich darf mir da keine Hoffnungen machen. / Ich komm gerade nicht besonders gut klar. Es ist so… hoffnungslos. / Vielleicht sollte ich besser aufhören damit. / Ach, irgendwie geht das schon. Es geht einfach weiter.
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