01.04.2009 - 10:13 Uhr

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Die Farce der Gleichberechtigung

Text: derien

Es ist Freitag Morgen. Die Sonne ist vor kurzem aufgegangen. Der Tag wird unerträglich warm werden. In Scharen strömen die Arbeiter in das mittelständische Produktionunternehmen. Männer wie Frauen. Acht Stunden harter Arbeit, wie an den anderen sechs Tagen, stehen ihnen bevor. Es sind Blaumänner und Leute mit ausgewaschener Kleidung. Alle tragen Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen. Der erste Weg der Arbeiter, bevor sie ihre Arbeit aufnehmen, führt zum Stechautomaten, an welchem ihre Ankunftszeit erfasst wird. Marita ist achtundvierzig. Sie macht diese werktägliche Prozedur nun schon seit achtzehn Jahren. Sie arbeitet in einer Werkshalle, mit Ausblick auf den Parkplatz der Firma. In ihrer Abteilung sei es ruhiger und die Luft wäre nicht durch Öl vernebelt, wie in anderen Abteilungen. Das gefiele ihr, sagt sie. Ihr Arbeitsplatz besteht aus einer alten Holzbank. Sie und ihre Nachbarin arbeiten in einer Linie. Das bedeutet, die eine verschraubt, die andere verpackt die Teile, erklärt mir Marita. Das Ganze nennt sich Montage und ist der letzte Arbeits-gang, bevor die Ware in den Versand geliefert wird. In der Montageabteilung arbeiten acht Personen: drei Männer und fünf Frauen. Die Meisten sind schon Jahre dabei und montieren und verpacken Teile. Die Teile bestehen aus Metall und werden in verschiedenen Größen gebaut. Die Größeren und Schweren von ihnen werden meist von den Männern der Abteilung montiert. Die Frauen, das schwächere Geschlecht, schrauben und bauen die Kleineren zusammen. „Wenn es gut läuft, schaffen wir bis zu zweihundert Teile am Tag. Die Männer fertigen klar weniger Teile ab, die sind ja schwerer als unsere. Aber im Schnitt kommts sich gleich“, sagt Marita. Sie arbeitet unter den Bedingungen eines von der IG Metall ausgehandelten Tarifvertrages. Sie verdient ungefähr eintausendundachthundert Euro brutto. Das entspricht im Tarifvertrag der Lohngruppe zwei. Die Männer aus ihrer Abteilung liegen in der Lohngruppe fünf bis sieben. Warum die Frauen, trotz angepasster höherer Stückzahl, weniger wie ihre Mitarbeiter verdienen, weiß keiner so genau. „Nicht viel“, antwortete sie, als ich sie kurz vor Feierabend fragte: was sie von dem neuen Diskriminierungsgesetz hielte. „Das mag politisch funktionieren und gut sein, aber die achtzehn Jahre ersetzt mir kein Firmenboss. Vielleicht haben die Generationen nach mir mehr Glück.“ Ein neues Arbeitsbewertungssystem soll kommen, hat man ihr gesagt. Man hofft damit, gleiche Arbeit mit gleichem Lohn zu entgelten. Welche Daten dabei erfasst und ausgewertet werden, weiß sie nicht. Ausführliche Informationen dazu hat sie nicht erhalten. „So was wurde schon öfters gemacht. Es kommen Leute mit Stiften und Blöcken und notieren. Aber geändert hatte sich noch nie etwas.“, sagt sie, als sie die Karte durch den Stechautomaten zieht. Heute hat sie nur hundertneunzig Teile in die Fertigungsliste eintragen können. Ihre männlichen Kollegen waren im Schnitt genauso gut. „Morgen wird’s bestimmt besser“, sagt sie freudestrahlend, als sie sich bei mir in den freitag nachmittag verabschiedet. In Art. 1. der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 heißt es: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Art 1. des deutschen Grundgesetzes (GG) lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die Würde des Menschen "ist oberster Wert des Grundgesetzes".


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Würzburg