Meide den runden Geburtstag!
Text: ShesSoHigh
Wenn ein runder Geburtstag ansteht, scheinen die Leute immer zu denken, man müsse das jetzt aber mal richtig feiern, mit zahlreichen Freunden, und jenseits der 50 gerne mal als „Zeltgeburtstag“ im Partyzelt oder im Pfarrsaal der örtlichen Gemeinde. Der wird dann im bayrischen Stil dekoriert, denn erstens kann man das stilvolle blau-weiße Design in der Metro ja in jeder Variation käuflich erwerben, und zweitens hat man da sicher irgendeinen beliebigen Bezug. Die Jugend in Bayern verbracht, immer auf dem Oktoberfest gewesen oder einfach die passende Deko, um alle Kumpanen von der freiwilligen Feuerwehr zum hemmungslosen Saufen zu animieren. Da werden Papierdecken und Papierservietten gekauft und die Wände liebevoll mit Girlanden geschmückt. In der Mitte des Tisches werden die unvermeidlichen Blumengestecke und Windlichter drapiert.
Die Frau des Jubilars hat natürlich inzwischen die „Geburtstagstombola“ schon aufgebaut, auf der all der Plunder, den die Jubilarsfamilie in den letzten Jahren ihrerseits auf Tombolas einsacken konnte bzw. von Schwiegermüttern geschenkt bekam, endlich wieder an den Mann gebracht werden kann. Der Bildband „Das schöne Schlesien“ findet ebenso durch das Losglück bestimmte, sicher sehr glückliche Abnehmer wie das geschmackvolle Kerzengesteck.
Sonntag vormittag, direkt nach der Kirche, geht die Party los, nachdem vom alleinstehenden, zu Hause lebenden Sohn eilig noch ein Beamer mit Bildern des Jubilars aufgebaut wurde. Der Jubilar in der Kindheit, mit dem ersten Fahrrad, nach dem Krieg, auf der Flucht, in Schlesien, in Bayern, bei der Hochzeit, mit der Familie, beim Beruf, im Schrebergarten… die ersten Gäste treffen ein, der Sekt fließt in Strömen, und als Geschenk bringen alle einen bayrischen Fresskorb mit Weizen und Weißwurst und süßem Senf mit, hoho, den sie vorher sicher für einzigartig kreativ hielten. Währendessen baut der Alleinunterhalter sein Keyboard schon mal auf, der Cateringservice bringt Weißwurst und Hax’n vorbei, und das heißt natürlich, dass das Fest jetzt aber direkt richtig losgehen kann. Die Gäste strömen zum Buffet, am Tisch des Kegelklubs fließt inzwischen das Bier in Strömen und die Laune wird natürlich immer besser.
Der ca. 80jährige Alleinunterhalter, dafür aber enger Freund des Jubilars, hat Mühe, die richtigen Noten auf dem Papier zu finden und schaltet dafür den Beat seinen Keyboards einfach lauter, damit niemand hört, dass er die Töne auf dem Keyboard leider nicht so recht trifft. Die Endlosschleife der immer gleichen drei Lieder jedoch überzeugt aber dann doch die letzten Kritiker.
Viel zu viel Nachtisch hat die Frau des Jubilars natürlich gemacht und müht sich den ganzen Nachmittag, all den Nachtisch zu verpacken und nach Möglichkeit sogar irgendwie zu verschenken. Später wiederholt sich das Szenario natürlich auch mit dem Kuchen, nachdem eigentlich nahtlos alle von Mittagessen zu Kaffe übergegangen sind, vom einen Fressen ins andere, sozusagen, „Nehmen sie doch noch Kuchen mit…“.
Inzwischen packt der extrem fetzige Alleinunterhalter sein Equipment wieder ein und macht Platz für die Gesangsdarbietung des Kegelclubs einerseits und für die witzige Performance des Kleingärtnervereins andererseits, bevor der eigens engagierte Zither-Spieler die Zither auspackt und nun aber mal richtig einheizt.
Die Fans scharen sich im Stuhlkreis um ihn und pfeifen begeistert mit. Gleich nach dem Kaffee verlassen die meisten Gäste das rauschende Fest dann aber, klar, Pflicht getan, Geschenkkorb gebracht, Essen komplett genossen, was soll man da noch; nur der Kegelclub harrt weitere Stunden aus und beginnt, schlesische Heimatlieder zu singen.
Der allerspäteste Zeitpunkt, das sinkende Schiff zu verlassen, ist nun wirklich erreich.
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30.04.2007 - 17:10 Uhr
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