25.09.2006 - 19:00 Uhr

0 4 Über Twitter weiterempfehlen

Gut aufgelegt in der Schule

Text: michael-moorstedt

Lehrpläne erstellen, scratchen und Hausaufgaben abhören: Felix Gott ist DJ-Lehrer

Auf den ersten Blick könnte die Einrichtung auch aus dem Nachlass einer Grundschule stammen. Knorrige Stühle aus braunem Holz, zerkratzt und mit ein paar Filzstiftflecken verziert. An dem Tisch davor sitzt Felix Gott, mit verschränkten Armen und weiter Hose und strahlt Autorität aus. Das ist nötig, denn Felix ist Lehrer. Auf den zweiten Blick fallen die Lautsprecher in den Zimmerecken und die vier Plattenspieler in der Mitte auf, das ist das Unterrichtsmaterial von Felix Gott. Gerade hört er zu. Der junge Mann, der ihm heute zum ersten Mal gegenübersitzt, berichtet davon, wie er durch Google auf die Idee gekommen ist, in einer DJ-Schule DJ zu werden. Er wolle, sagt der junge Mann in leicht stakkatohaftem Deutsch, „Pro werden, Geld damit verdienen“.
Felix Gott ist DJ-Lehrer und nun bittet er seinen angehenden Schüler zur ersten Hörprobe. Der Junge soll herausfinden, von welcher der beiden laufenden Platten die zu hörenden Beats stammen. Seine Antworten sind unbeholfen. Oft nur ein schüchternes Nicken, oft liegt er falsch. Aber den Kopfhörer halten, diese Pose kann er schon richtig gut: Kopf schräg, nur einen Hörer am Ohr. Fast wirkt es, wie vor dem Spiegel eingeübt. Die bunten Schilder an den Türen in dem Haidhauser Hinterhof verraten, dass hier vor allem Event- und Marketingagenturen ihren Sitz haben. Durch die Fenster im Erdgeschoss sieht man junge Menschen angestrengt in ihre iBooks blicken. Die leise Musik aber dringt aus den Fenstern der Vibra DJ-School, eine von 16 Filialen im ganzen Land. „Europas führende DJ-Schule“ steht auf dem Hochglanzflyer zusammen mit der Frage, ob man nicht den Wunsch hätte, die Leute zum Tanzen zu bringen? Davor kommt aber ganz normaler Schulalltag. „Lehrpläne erstellen, die Hausaufgaben abfragen und auf die Schüler eingehen“, all das, sagt Felix, gehört auch in der DJ-Schule zum Lehrerdasein. Ein Vokabular, das jede Kultusministerversammlung schmücken würde. Unter dem Alias DJ Stamina hat Felix bereits in den meisten Münchner Clubs aufgelegt. Muffathalle, Parkcafé, Backstage – nur ein kleiner Ausschnitt aus der Liste seiner ehemaligen Arbeitgeber. Über ein Praktikum ist er dann irgendwie in die Vibra DJ-School reingerutscht und hat, obwohl er erst 26 Jahre alt ist, keine Berührungsängste mit dem Lehrerdasein. Im Einzel- und Gruppenunterricht erklärt er seither die Physik des Plattenspielers, beschreibt wie Beats und Frequenzen aufgebaut sind, wie man Platten ihrem Tempo anpasst, im richtigen Moment überblendet oder scratcht. Von jeder dieser DJ-Grundlagen gibt es unzählige Varianten mit komplizierten Namen. Also erklärt Felix auch die richtige Aussprache. Fulltimejob DJ-Lehrer Als Zeitvertreib mit subkultureller Glaubwürdigkeit funktioniert das Auflegen auch nach seiner Hochkonjunktur in den 90er Jahren. Hinzugekommen sind heutzutage allerdings DJ-Fachkongresse, Hochschulen bieten Seminare über die Kultur des Diskjockeys an und an der Londoner Academy of Contemporary Music kann man ein DJ-Diplom absolvieren. In Deutschland ist die Arbeit an den Plattentellern jedoch kein anerkannter Ausbildungsberuf. Die mitzubringenden Voraussetzungen sind deswegen nicht genau definiert. Die Bundesagentur für Arbeit versuchte sich vor einiger Zeit an einer Einordnung. Demnach ist der DJ eine Fachkraft mit „vertieften Kenntnissen der jeweiligen Musikszene und den erforderlichen technischen Fähigkeiten, um Plattenmaschinen, Regeleinrichtungen und gegebenenfalls Steuerpulte bedienen zu können.“ Die DJ-Schule scheint trotzdem ihre Nische gefunden zu haben. „Für mich ist das ein Fulltimejob“, sagt Felix. Fünf Tage die Woche kommen unterschiedlichste Leute zu ihm. Die Jungs der späten MTV-Generation oder der Mann nahe des Rentenalters, der davon gehört hat, man könne „zwischen zwei Songs hin- und herschalten.“ Sie alle lassen sich nicht von den 90 Euro abschrecken, die man für vier Einzelstunden im Monat bezahlen muss.
Weiter Seite 1 2


Neue Magazin-Texte:
Textoptionen
Mehr Texte von
michael-moorstedt
Mehr Texte zum Label
jetztgedruckt
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
Kommentar

speichern

Jetzt-Mitglied

michael-moorstedt unbekannt

michael-moorstedt

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.